Mittwoch, 27. Januar 2021

Von Verdun bis Auschwitz

 

Zum heutigen Holocaust-Gedenktag, der an die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau am 27.1.1945 erinnert, sprach im Deutschen Bundestag Dr. h.c. Charlotte Knobloch. Sie ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland. 

Ich hörte diese Ansprache eher zufällig in der Fernseh-Direktübertragung – und war tief beeindruckt und bewegt. Ich müsste sehr lange zurückdenken, um mich an eine andere, solch fulminante Rede zu erinnern.

Dabei ist das Konzept einfach: Charlotte Knobloch, 1932 geboren, erzählt einfach aus ihrem Leben – schnörkellos, nüchtern, ungeschminkt. Von den unfassbaren Leiden, welche sie schon als kleines Kind prägten. Und sie appelliert an die Demokraten: „Passen Sie auf auf unser Land!“

Ich fasse die Rede zusammen (mit kursiven Originalzitaten):

Ich stehe vor Ihnen – als stolze Deutsche.

Wie einst meine Großmutter Albertine Neuland, seligen Angedenkens. Mit meinem Großvater treu ihrer deutschen Heimat verbunden. Hoch angesehen in der Bayreuther Kaufmannsgesellschaft. Passionierte Wagnerianerin. Ermordet in Theresienstadt im Januar 1944.

Von meiner Großmutter habe ich die Liebe zu den Menschen geerbt – trotz der Menschen.

Ich stehe als stolze Deutsche vor Ihnen.

Charlotte Knobloch berichtet von ihrem Vater, einem dekorierten Veteran des Ersten Weltkriegs, der für Deutschland gekämpft hat. Seine Loyalität schützte ihn nicht vor den Schikanen der Nationalsozialisten.

Sie berichtet nun von ihrem eigenen Leben: Drei Monate ist sie alt, als Hitler an die Macht kommt. Mit vier Jahren erlebt sie den Weggang ihrer Mutter. Diese war zum jüdischen Glauben konvertiert und hielt dem Druck, mit einem Juden verheiratet zu sein, nicht mehr Stand. Die Großmutter erzieht sie nun. Das kleine Mädchen erlebt hautnah die wachsenden Einschränkungen und Verunglimpfungen:

Eines Nachmittags will ich zum Spielen raus. Im Hof gegenüber treffe ich mich oft mit Mädchen und Buben aus der Nachbarschaft. Heute ist das Gatter verschlossen. Ich rufe. Sie drehen sich weg. Von hinten raunt mich die Hausmeisterfrau an: »Judenkinder dürfen hier nicht spielen!«

Ab 1938 geht die Erzählerin auf die jüdische Schule. Sie hatte sich darauf gefreut. Nun sitzt die Furcht mit im Klassenzimmer. Der Schulweg ist ein Spießrutenlauf.

Die „Arisierung“ ist nun in vollem Gange. Geschäftliche und berufliche Existenzen werden vernichtet. Ihr Vater verliert die Anwaltszulassung.

„Unser Leben findet nur noch zu Hause statt. Aber Privatsphäre gibt es nicht mehr: Meist abends – wenn es dunkel und Juden verboten ist, das Haus zu verlassen – klingelt es Sturm. Männer in langen Mänteln streifen durch die Wohnung, als sei es die ihre. Porzellan, Teppiche, Besteck, Bilder, Antiquitäten, Leuchter – sie bedienen sich nach Belieben und quittieren, akkurat. Deutschland.“  

Schikanen, Bedrohungen und nicht nur psychische Gewalt sind nun an der Tagesordnung. Das kleine Mädchen erlebt, wie man ihren Vater von seiner Hand wegreißt und in ein Auto zerrt. Nach Stunden kommt er wieder zurück. Glück gehabt – noch.

Charlotte Knobloch macht nun eine aktuelle Zwischenbemerkung, die ich für sehr wichtig halte:

Lassen Sie es mich hier klar sagen: Wer Corona-Maßnahmen mit der nationalsozialistischen Judenpolitik vergleicht, verharmlost den antisemitischen Staatsterror und die Schoa. Das ist inakzeptabel!

Ab November 1941 erlebt die damals Neunjährige die Deportationen in den Osten. Freunde und Bekannte verschwinden für immer. Schließlich trifft es auch ihre Familie: Entweder die Großmutter oder die Enkelin müssen auf einen Transport. Die Oma zögert keine Sekunde – sie fahre nun „zur Kur“. Auch das kleine Mädchen weiß, was das bedeutet… 

Der Vater versteckt sie auf einem fränkischen Dorf, wo sie als „Lotte Hummel“ beim ehemaligen Dienstmädchen von Verwandten die Nazizeit überlebt. Auch ihren Vater sieht sie wieder – von Misshandlungen gesundheitlich schwer geschädigt.

Ich will nicht zurück nach München! Zurück zu den Leuten, die uns beleidigt, bespuckt, uns in jeder Form gezeigt haben, wie sehr sie uns plötzlich hassten!

Aber ich habe keine Wahl. Und so begegne ich ihnen allen. Ich will weg aus dieser Stadt, aus diesem Land.

Mit 16 lernt sie ihren späteren Mann Samuel Knobloch kennen. Seine Mutter und fünf seiner Geschwister wurden im Ghetto ermordet – seinen Vater erschoss man vor seinen Augen.

Sie wollen in die USA auswandern – und bleiben schließlich doch in Deutschland. Sie erleben, dass man sich dort in den 1960-er und 70-er Jahren endlich mit der Aufarbeitung der Naziverbrechen befasst. Charlotte Knobloch engagiert sich – in der eigenen Kultusgemeinde und der Politik. Jüdisches Leben habe hierzulande wieder eine Perspektive. Aber:

„Ich muss Ihnen nicht die Chronologie antisemitischer Vorfälle in unserem Land darlegen. Sie erfolgen offen, ungeniert – beinahe täglich.

Verschwörungsmythen erfahren immer mehr Zuspruch. Judenfeindliches Denken und Reden bringt wieder Stimmen. Ist wieder salonfähig – von der Schule bis zur Corona-Demo. Und natürlich: im Internet – dem Durchlauferhitzer für Hass und Hetze aller Art.“

Der Antisemitismus sei nicht nur fester Bestandteil des Rechtsextremismus, sondern auch in der extremen Linken verwurzelt – und im radikalen Islam. Knobloch erinnert an den Artikel 18 des Grundgesetzes: Wer Grundrechte dazu benützt, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu bekämpfen, verwirkt sie.

Auf keinen Fall darf auf dem Rücken der Polizei ausgetragen werden, was Legislative und Judikative liegen lassen.

Ihr wichtigster Appell gilt den jungen Menschen:

„Es gibt keinen besseren Kompass als Euer Herz. Lasst euch von niemandem einreden, wen Ihr zu lieben und wen Ihr zu hassen habt!“ 

Aber auch für die vor ihr sitzende AfD-Fraktion des Bundestags hat sie eine Botschaft:

„Ich spreche Sie nicht pauschal an! Vielleicht ist die eine oder der andere noch bereit zu erkennen, an welche Tradition da angeknüpft wird. Zu den übrigen in Ihrer »Bewegung«: Sie werden weiter für Ihr Deutschland kämpfen. Und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen. Ich sage Ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren!“

Wirklich?

Auf der Facebook-Seite von t-online wurde heute an den Holocaust-Gedenktag erinnert. Darunter fanden sich dann Kommentare wie diese:

Der Sinn des Gedenktages ist, uns weiter das Geld aus der Tasche zu ziehen“

„Ja und den Opfern des 30 jährigen Krieges ich fühl mich so schuldig.“

„Auf ewig schuldig, oder wie? Ich kann es nicht mehr hören!“ 

Sorry, aber weitere Zitate mag ich nicht bringen – ich kotze sonst auf die Tastatur. Nichts dazugelernt?

Kurt Tucholsky schrieb zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 1919 durch nationalistische Freikorps-Soldaten:  Wir wollen bis zum letzten Atemzuge dafür kämpfen, dass diese Brut nicht wieder hochkommt.“

Seine Generation hat es nicht geschafft. Vergeblich war sein flammender Appell, den er 1924 nach einem Besuch der Gedenkstätten von Verdun verfasste, wo im Ersten Weltkrieg über eine halbe Million französische und deutsche Soldaten fielen:

Ist es vorbei –?

Sühne, Buße, Absolution? Gibt es eine Zeitung, die heute noch, immer wieder, ausruft: »Wir haben geirrt! Wir haben uns belügen lassen!«? (…) Gibt es auch nur eine, die nun den Lesern jahrelang das wahre Gesicht des Krieges eingetrommelt hätte, so, wie sie ihnen jahrelang diese widerwärtige Mordbegeisterung eingebläut hat? (…) Habt ihr einmal, ein einziges Mal nur, wenigstens nachher die volle, nackte, verlaustblutige Wahrheit gezeigt? Nachrichten wollen die Zeitungen, Nachrichten wollen sie alle. Die Wahrheit will keine. 

Und aus dem Grau des Himmels taucht mir eine riesige Gestalt auf, ein schlanker und ranker Offizier, mit ungeheuer langen Beinen, Wickelgamaschen, einer schnittigen Figur, den Scherben im Auge. Er feixt. Und kräht mit einer Stimme, die leicht überschnappt, mit einer Stimme, die auf den Kasernenhöfen halb Deutschland angepfiffen hat, und vor der sich eine Welt schüttelt in Entsetzen:

»Nochmal! Nochmal! Nochmal –!«

https://www.textlog.de/tucholsky-vor-verdun.html 

Heute schwenkt man – sogar vor dem Bundestag – wieder Reichskriegsflaggen. Und wer öffentlich eine Kippa trägt, ist sehr mutig. Passen wir wirklich gut auf unser Land auf? 

Ich meine, wir haben bislang vor allem Glück gehabt.

P.S. Hier das Video der Rede:

https://www.youtube.com/watch?v=EF2mdHj5gKk

Die Textfassung dazu:

https://www.juedische-allgemeine.de/politik/ich-stehe-vor-ihnen-als-stolze-deutsche/

Samstag, 10. Oktober 2020

Famous Last Words V

 In meinem Buch „Das fliegende Glossenzimmer – Schulische Satiren“ habe ich mich in einem Abschlusskapitel an die einzelnen Gruppen gewandt, die konkret mit Schule zu tun haben. 

In meiner kleinen Serie sind bereits meine Worte an die Lehrerinnen und Lehrer, die jungen Kolleginnen und Kollegen im Referendariat, die Schulleiterinnen und Schulleiter und die Eltern veröffentlicht. Zum Abschluss sind heute die Menschen dran, um die es in der Schule geht:

 

Liebe Schülerinnen und Schüler,

meine Arbeit mit jungen Leuten (nicht nur am Gymnasium, sondern schon viel früher in der kirchlichen Jugendarbeit und im Zivildienst) hat mir immer wieder gezeigt:

Der Anteil von Vollidioten ist weltweit relativ gering und nicht von Alter, Beruf oder Bildungsstand abhängig. Daher darf ich sagen: Die Arbeit mit den meisten von euch war stets hochinteressant, spannend und hat oft Spaß gemacht.

Junge Menschen zum Denken und Beurteilen anzuregen gehört zum Aufregendsten, was man beruflich unternehmen kann. Und ja – mir hat es schon immer Freude bereitet, auf einer „Bühne“ zu stehen und das Publikum zu unterhalten. Daher halte ich Eitelkeit nicht generell für eine Schwäche…

Was euch – altersbedingt natürlich entschuldbar – nicht immer eingeleuchtet hat: Schüler haben auf die Art des Unterrichts einen riesigen Einfluss. Wer sich auf den Standpunkt stellt: „Ich will eigentlich gar nicht hier sein, nicht mitarbeiten, nix lernen, bestenfalls Unsinn anstellen – mal sehen, was dann der Lehrer macht“, darf sich nicht wundern, wenn ihm dann eventuell die Brocken um die Ohren fliegen. Wer die „Diktatur“ unbedingt will, kriegt sie manchmal auch – leider heute viel zu selten.

Aber wem erzähle ich das – die meisten von euch sind ja inzwischen längst erwachsen, stehen mehrheitlich selber im Berufsleben. Da wisst ihr sicher, was ich meine.

Insofern war und ist es mir piepegal, ob ihr mich oder andere Kollegen für zu streng, zu lasch oder sonst was haltet (oder früher mal gehalten habt). Eines jedoch würde mich sehr belasten: Wenn ihr meint, ich sei inkonsequent gewesen oder man hätte bei mir zu wenig lernen können. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Man merkt sich nur die Lehrer mit klar einschätzbarer, überzeugender Persönlichkeit – egal, wie böse oder nett sie waren.

Bildung war für mich immer das entscheidende Mittel zur Emanzipation, der Fahrstuhl, mit dem jeder und jede auch von ganz unten nach oben gelangen kann – gleich, aus welchem Elternhaus, welcher sozialen Schicht oder ethnischen Gruppe er oder sie stammt. Darum hat mich dieses Thema mein ganzes Leben lang fasziniert.

Angesichts von all dem Killefitz, dem man heute in der Bildung den „Problemstatus“ verleiht, mit dem man die Schule bis zur Besinnungslosigkeit „reformiert“, habe ich stets Fernsehberichte von Dorfschulen in Entwicklungsländern vor Augen:

Das einzige Klassenzimmer eine Art Lehmhütte, vierzig und mehr Kinder sitzen auf altersschwachem Mobiliar oder gleich am Boden, vor ihnen ein Lehrer sowie eine abblätternde Schultafel. Es werden Wörter oder Rechenaufgaben geübt, und man sagt viel im Chor auf oder singt – methodische „Steinzeit“ also.

Dennoch: Welche Freude auf den Gesichtern der Schüler und auch der Lehrkraft, die voll in ihrem Element ist und gelegentlich die Stimmung zum Überkochen bringt. Wieso dieses Hochgefühl bei solch spartanischen Bedingungen?

Obwohl man natürlich wusste, dass dabei eine Kamera lief, meine ich doch: 

Ich glaube, diesen Kinder ist klar, welches Privileg es bedeutet, lernen zu dürfen – bei Schülerinnen in muslimischen Ländern oft unter Lebensgefahr. Taliban hassen Bücher, weil sie diese nicht verstehen und für bedrohlich halten. Auch bei uns hat man vor knapp 90 Jahren noch Bücher verbrannt…

Die pakistanische Friedennobelpreisträgerin Malala Yousafzai wurde auf dem Schulweg von religiösen Extremisten angeschossen und überlebte dieses Attentat nur knapp. Erklärter Grund für diesen Anschlag war ihr Eintreten für Bidungschancen der weiblichen Bevölkerung. Ihre denkwürdige Rede vor den Vereinten Nationen 2013 schloss die damals Sechzehnjährige mit den Worten:

„Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern. Bildung ist die einzige Lösung. Bildung zuerst.“


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Mittwoch, 7. Oktober 2020

Famous Last Words IV

 In Fortsetzung meiner kleinen Serie wende ich mich heute an die Eltern:

 

Liebe Eltern, 

vielleicht sind Sie mir böse, da ich Sie in etlichen Texten als Helikopter dargestellt habe, welche die Schule ständig mit irgendwelchem Blödsinn nerven.

Daher: Ich habe in meinem Berufsleben eine Menge Mütter (und manchmal sogar Väter) kennengelernt, mit denen ich verständnisvoll und produktiv zum Wohle ihrer Kinder zusammenarbeitete. Und ja, werte Herren: Oft hatte ich den Eindruck, Sie hielten Erziehung für eine „Frauensache“. Gerade bei Buben kann das grandios misslingen!

In den Sprechstunden konnte ich nicht wenige Mütter davon abbringen, wegen momentaner Krisen an ihren Kindern zu verzweifeln, Sie ermutigen, dennoch zu ihnen zu stehen, ihre weitere Entwicklung mit Optimismus und Empathie, aber unaufgeregt zu begleiten. Manche von Ihnen waren sehr erstaunt über meine Einstellung, dass Noten nicht alles seien – und manchmal auch: dass man ohne Abitur ein erfolgreicher und glücklicher Mensch werden könne. 

Vor allem aber, liebe Eltern: Sie sind nicht schuld an allem, was Ihre Kinder verbocken. Die Lehrer aber auch nicht! 

Es wächst jedoch die Zahl der Eltern, welche der Schule das Wichtigste vorenthalten, das sie von ihnen bräuchte: Vertrauen.

Glauben Sie mir: Nicht jede „Horrorgeschichte“, die Ihr Kind aus dem Unterricht mitbringt, hat sich so abgespielt, wie sie klingt! Junge Menschen haben nicht den Überblick von Erwachsenen und lieben abenteuerliche Erzählungen. Nicht jede schlechte Note, jede Erziehungsmaßnahme war tatsächlich so ungerecht, wie sie Ihnen geschildert wird. Es ist das gute Recht Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter, sich aus der Sache herauszureden, anderen die Schuld zu geben. Das machen sogar Erwachsene. Dies sollten Sie, wie die Lehrkräfte, entspannt ertragen und sich nicht instrumentalisieren lassen. 

In meiner Generation wartete auf uns Kinder in solchen Fällen der elterliche Spruch: „Dein Lehrer wird schon wissen, was er tut.“ Glauben Sie mir: In der überwiegenden Zahl der Fälle stimmt der Satz heute mehr denn je!

Sicherlich sollten Sie die schulische Entwicklung Ihres Nachwuchses aufmerksam verfolgen – und selbstverständlich dürfen Sie sich einmischen, wenn sich ernste Krisen anbahnen, Ihre Kinder an Lehrkräfte oder Mitschüler geraten, die es nicht verdienen, an dieser (oder überhaupt einer) Schule zu sein. Solche Fälle gibt es – aber auch dann ist es besser, der Bildungseinrichtung nicht gleich mit Beschwerden, gar Drohungen zu kommen. Suchen Sie stets das Gespräch – offen, aber vertrauensvoll.

Machen Sie sich klar, dass es ein Riesenunterschied ist, wie sich Heranwachsende in der Kleingruppe Familie oder in einer Klassengemeinschaft von 20 und mehr Personen geben! Dort entsteht eine Eigendynamik, welche zu Verhaltensweisen führen kann, die Sie sich aus den familiären Erfahrungen nicht vorstellen können.

Lehrkräfte und Eltern sind auf gegenseitiges Vertrauen angewiesen. So wie wir Lehrer nicht von vornherein vermuten sollten, Eltern seien zu Erziehung weder willens noch fähig, sollten Sie (auch jungen) Lehrern nicht unterstellen, sie hätten keine Ahnung von einem guten Unterricht oder verteilten Noten ungerecht sowie voreingenommen.

Solide Schulbildung ist halt in der Praxis oft nicht einfach umzusetzen – und das liegt in der Regel am wenigsten an dem Kollegen in der Klasse. Besonders schlimm wird es, wenn der befürchten muss, jeden unbedachten Satz, jede vielleicht im Trubel nicht hundertprozentig richtige Entscheidung anschließend per Beschwerdebrief oder gar vom Anwalt vorgehalten zu bekommen. Erziehung lebt von Spontaneität und vom Bauchgefühl – und nicht von der Verwendung „gerichtsfester“ Absicherungen. Ich habe es im Berufsalltag mehr als einmal erlebt, wie schon ein einziges derart gestricktes Elternpaar die Atmosphäre in einer Klasse vergiften kann!

Daher möchte ich mich abschließend vor allem bei einer „schweigenden Mehrheit“ bedanken, die ich beruflich selten oder gar nicht zu Gesicht bekam. So sehr man sich als Lehrer über Kontakte mit Eltern freut, wenn es wirklich ernste Probleme gibt (der aber häufig ausbleibt): Viele Erziehungsberechtigte lernte ich nie persönlich kennen, jedoch durchaus ihren Stil: Sie taten zu Hause das Ihre, uns lernwillige und strukturierte junge Menschen mit positivem Sozialverhalten zu schicken – und vertrauten darauf, dass wir ihre Bemühungen im Unterricht fortsetzten.

Es war eine Freude, mit solchen Schülerinnen und Schülern zu arbeiten – daher unbekannterweise ein herzlicher Dank: Sie haben alles richtig gemacht! 

 

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Montag, 5. Oktober 2020

Famous Last Words III

Im dritten Teil meiner kleinen Serie wende ich mich nun an die Chefs von Bildungseinrichtungen. Dass ich mit diesen stets gute Erfahrungen gemacht habe, wäre eine übertriebene Behauptung.

  

Liebe Schulleiter (Schulleiterinnen an Gymnasien vernachlässige ich aus statistischen Gründen),

wenn ich Sie vorab um eines bitten dürfte: Jammern Sie nicht! Niemand hat Sie gezwungen, sich um eine solche Stelle zu bewerben. Sie werden Ihre Gründe gehabt haben. Sich dann hinzustellen und sich als Opfer der Verhältnisse zu inszenieren ist wenig überzeugend. Sie haben als Leiter einer Behörde ein weitgehendes Weisungsrecht. Wenn es in Ihrem Laden schlecht läuft, sollten Sie die Verantwortlichen nicht außerhalb des Chefbüros suchen.

Bedenken Sie vor allem eins: Sie haben auch keine andere Ausbildung als die meisten Mitglieder Ihres Kollegiums und arbeiten zudem nun in einem fachfremden, ungelernten Beruf als Verwaltungsbeamter. Und das merkt man. Jede Neigung zu Arroganz ist also völlig gegenstandslos.

Klar steht Ihnen das Direktionsrecht zu. Einer muss es ja machen. Üben Sie es ohne den Hauch von Überheblichkeit aus, aber entscheiden Sie – wenn möglich schnell, begründet, nachvollziehbar und transparent.

Einen guten Chef erkennt man daran, dass er den Informationsfluss in beiden Richtungen aufrechterhält. Ebenso wie Sie von den Kollegen erwarten, dass die umgehend offen für Ihre Botschaften sind, lassen Sie Lehrkräfte, die dringend etwas von Ihnen benötigen, nicht tagelang auf einen Termin warten. Und dann stehen Sie zu Ihren Zusagen! Nichts ist frustrierender für Ihre Kollegen als der Eindruck, dass man mit dem Direktor gesprochen hat „und dann doch nichts passiert“.  

Diskutieren Sie ergebnisoffen und fair, statt Ihr Heil in Hinterzimmer-Entscheidungen zu suchen, welche dann der Lehrerkonferenz mehr oder weniger geschickt aufgedrückt werden.

Überlegen Sie genau, welche Aufgaben Sie wem übertragen! Aber dann müssen Sie dem Betreffenden auch Vertrauen schenken und sich nicht beim kleinsten Problem wieder einmischen und das Ruder herumreißen. Lassen Sie Ihre Leute machen! Sonst kriegen Sie ein Kollegium von Befehlsempfängern und Frustrierten, welche ihre Aufgaben im Zustand innerer Emigration erfüllen. 

Und vor allem: Unterrichten Sie mindestens noch eine Klasse selber! Diese Fähigkeit geht schneller verloren, als Sie denken – und dann beginnt man, Probleme vom grünen Tisch aus zu unterschätzen oder völlig falsch einzustufen. Beginnende Abgehobenheit können Sie daran erkennen, dass die Lehrkräfte Sie mit ihren eigentlichen Problemen gar nicht mehr behelligen, sondern Personen fragen, die noch etwas von der Praxis verstehen.

Sie sind nicht der über allem schwebende Moderator, sondern der Vertreter Ihrer Lehrkräfte. Ihnen vorgesetzt zu sein, bedeutet ebenso, hinter ihnen zu stehen. Ihre Kollegen werden es Ihnen danken! 

P.S. Zu diesem Thema habe ich schon einmal einen Artikel geschrieben:

https://gerhards-lehrer-retter.blogspot.com/2015/10/der-fisch-stinkt-vom-kopfe-her.html

 

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Samstag, 3. Oktober 2020

Famous Last Words II


Hier nun die Fortsetzung meiner kleinen Serie, die ich im letzten Beitrag begonnen habe. Diesmal richte ich mich an die Lehrkräfte, welche sich noch in der Ausbildung befinden:

 

Liebe Referendarinnen und Referendare,

ich wende mich speziell an Sie, da Sie sich in Ihrem Beruf noch orientieren müssen – sprich: nicht so festgefahren sind wie viele Ihrer älteren Kollegen. Daher habe ich die Hoffnung, Sie zum Besseren beeinflussen zu können.

Mein Rat ist vor allem: Nehmen Sie die ganzen Weisheiten, die Ihnen von den Seminarlehrern vor allem zur Gestaltung Ihrer Stunden verkündet werden, die hehren „pädagogischen Prinzipien“, welche gerade auf dem Markt sind, als unverbindliche Ratschläge. Sicher werden Sie vieles davon zunächst umsetzen müssen, um Noten zu erhalten, welche Ihnen eine Planstelle verschaffen. 

Damit ist es aber auch gut. Der berufsferne Blödsinn, den ich von Lehramts-Ausbildern schon gehört habe, hat für mich hohen Kabarett-Faktor. Bedenken Sie: Wenn Ihre Seminarlehrer so gerne unterrichten würden, hätten sie sich nicht um eine Stellung beworben, die es ihnen ermöglicht, dass sie ersatzweise ihre Referendare in die Klassen schicken können.

Nehmen sie also die Ausarbeitung seitenlanger Stundenentwürfe und Unterrichtsnachweise sowie das Kasperltheater der Lehrproben nicht ernster, als es das verdient – also gar nicht! Die Ausarbeitung von Grob- und Feinlernzielen (oder welche Modeerscheinung derzeit gerade dran ist) hilft Ihnen bei Ihren späteren 24 (oder mehr) Wochenstunden genau nichts!

Und lassen Sie sich nicht vom gerade angesagten Methoden-Schnickschnack beeinflussen! Jeder Lehrer ist anders – und er muss dann genauso unterrichten, wie es seiner Persönlichkeit entspricht. Dieses authentische Auftreten überzeugt Ihre Schüler mehr, als wenn Sie als blutleere Kopie durch die Klassen geistern.    

Vielleicht haben Sie (wie ich) das Glück, einigen älteren Kollegen über die Schulter schauen zu dürfen, deren Arbeitsweise Sie überzeugend finden. Die Fachschaft meiner alten Seminarschule bestand fast ausschließlich aus höchst individuellen und gegensätzlichen Typen, von denen aber die meisten auf ihre Art die Schüler beeindruckten. Nehmen Sie solche Erfahrungen mit. Es wird sich lohnen!

Ich bitte Sie herzlich: Versuchen Sie nicht, die Welt zu retten, sondern begnügen Sie sich damit, Ihren Schülern Lesen, Schreiben, Rechnen und vor allem Denken beizubringen. Sie werden es ihnen danken – vielleicht aber erst nach Jahrzehnten…

Bedenken Sie: Als Beamten auf Lebenszeit kann Ihnen keiner mehr was. Sie dürfen dann so halsstarrig, sperrig und individualistisch sein, wie Sie wollen. Klar werden Sie so vielleicht nicht die besten Beurteilungen bekommen, niemals eine höhere Funktionsstelle erhalten, es wird Ihnen möglicherweise Empörung und Feindschaft entgegenschlagen. Doch das wird sich schneller legen, als Sie denken – und man wird Sie als das Original akzeptieren, das Sie hoffentlich werden.

Und das ist gut so.

 

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