Freitag, 13. Januar 2023

Meine Charts aus dem Dummdeutschen

 

„Da schießt man übers Ziel hinaus.“ (Innenminister Joachim Herrmann über die geplante Verschärfung des Waffenrechts, Bayerisches Fernsehen, 9.1.23)

Immer wieder staune ich über neue Redewendungen, mit welchen uns Politiker und Medien beglücken. Meist entstehen sie in Situationen, in denen der Betreffende nichts zu sagen weiß. Das wäre nicht schlimm, wenn er es nicht dennoch versuchte. In der Folge wird der Sprachmüll dann vielfach nachgeplappert.

In den letzten Tagen habe ich mir einige dieser Geistesleistungen aufgeschrieben und auch andere um Vorschläge gebeten. Freuen Sie sich nun auf meine Charts – Best of Deppendeutsch:

„Gipfel“

Der an sich klare Begriff bezeichnet inzwischen nicht nur die Spitze eines Berges oder metaphorisch irgendetwas kaum Überbietbares. Vielmehr muss er dafür herhalten, wenn hochrangige Verursacher einer Katastrophe, welche von genau diesen verursacht wurde, sich zu deren Behebung treffen. Gerne spricht man dann auch von „Krisengipfel“ – was nicht deren Höhepunkt meint. Klar, dass dabei kaum etwas herauskommt. Es gilt immer noch das Wort des Kabarettisten Werner Schneyder: „Verantwortliche, die sich selber suchen, finden sich in der Regel nicht.“

„Narrativ“

Ich habe folgende Definition gefunden:

„Eine Erzählung, Geschichte oder ein Märchen ist ein Bericht über eine Reihe von zusammenhängenden Ereignissen oder Erfahrungen, unabhängig davon, ob es sich um ein Sachbuch (Memoiren, Biografie, Nachrichtenbericht, Dokumentarfilm, Reisebericht usw.) oder um ein fiktives Buch (Märchen, Fabel, Legende, Thriller, Roman usw.) handelt.“

https://en.wikipedia.org/wiki/Narrative

Gerade in politischen Debatten dient der anspruchsvoll (und englisch) klingende Begriff heute meist dazu, die Behauptungen oder Argumente des werten Gegners herunterzumachen. Vielleicht meinen manche, der Wort leite sich von „Narr“ ab – was angesichts der Verwendung durchaus naheliegt!

„Quantensprung“

Wird gerne benützt, um die Bedeutung einer (meist positiv verstandenen) Sache rhetorisch aufzublähen. Auch, wenn man keine Ahnung von der Quantentheorie hat. Die wahre Bedeutung hat uns bereits der Physiker und Kabarettist Vince Ebert erklärt: „Ein Quantensprung bezeichnet den kleinstmöglichen Energieübergang, meist von einem höheren auf ein niedrigeres Niveau.“

„Am Ende des Tages“

Eine Luxusformulierung, mit welcher der Benutzer andeuten will, er ahne hellseherisch bereits das Ende einer Entwicklung. Nein: Am Ende des Tages wird es Nacht. Sonst gar nichts.

„zeitnah“

Wird bevorzugt dann verwendet, wenn man sich auf die Dauer einer Erledigung nicht festlegen will – sonst könnte man ja „sofort“ oder „bis übermorgen“ sagen. Stattdessen sieht man die Zeit nahen, in der man sich noch vor der Ausführung des Versprochenen drücken kann. Um nochmals Werner Schneyder zu zitieren: „Wenn Politiker von einem ‚Sofortprogramm‘ sprechen, weiß man: Es ist zu spät.“

„schlagen Alarm“

Eigentlich ist doch klar: Wenn eine Alarmglocke ertönt, hilft nur noch „rennen, retten, flüchten“. Inzwischen schlägt in fast jeder Nachrichtensendung einer Alarm – meist der Vertreter eines Interessenverbands, der seiner Lobbyarbeit den Anschein von Dringlichkeit verleihen möchte.

„Das macht Sinn“

Wird bevorzugt zur Rechtfertigung von sinnlosem Gedöns eingesetzt. Leider kann man aber Sinn nicht „machen“ – stattdessen wohnt er einer Sache halt inne oder auch nicht. Meist gilt der zweite Fall.

„kulturelle Aneignung“

Ähnlich verhält es sich mit der Kultur – sie gehört überhaupt keinem, sondern ist gemeinsames Erbe der Menschheit. Somit kann man sie weder verscherbeln noch sich „aneignen“.

„nachhaltig“

Laut Duden: sich auf längere Zeit stark auswirkend“

https://www.duden.de/rechtschreibung/nachhaltig

Wurde inzwischen von umweltbewussten Propheten ausschließlich für ihre Zukunftsvorstellungen gekapert. Dabei ist der Begriff völlig wertneutral. Wer jemand in den Bauch boxt, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck – hier stimmt sogar die Metapher perfekt!

„Das macht etwas mit einem“

Meist wird gar nicht gesagt, was ein Umstand denn mit einem mache. Was bleibt, ist eine beliebige verbale Flatulenz, welche der sprachlichen Beeindrucke dient sowie Innigkeit vorgaukelt. Wie immer es sei: Mir sind Menschen lieber, die aus einer Sache etwas machen – und nicht die Sache mit ihnen!

Nun aber – Lasergewitter, Bodennebel, Fanfaren, Tänzerinnen – meine drei Spitzenreiter:

„Achtsamkeit“

Ein Wort, welches bei mir inzwischen sofortige Übelkeit auslöst: Man achtet halt auf vieles – vielleicht auch auf Umstände, welche einem Vorteile verschaffen oder den lieben Nächsten sogar abschmieren lassen. Mit der früher verwendeten „Rücksichtnahme“ hat das wenig zu tun. Nach meinen Erfahrungen nennen sich speziell guruartige Leisetreter „achtsam“, um unter dieser Maskierung beliebige Sauereien anzustellen.

„Aktivisten“

bezeichnet heute nicht etwa Menschen, welche positive Aktivitäten zeigen, sondern meist Straftäter, welche von der Unwiderlegbarkeit ihrer Einstellungen überzeugt sind und ihre Mitmenschen mit Nötigungen drangsalieren.

Ähnlich schrecklich finde ich die Bezeichnung „Fans“ für Zeitgenossen, welche Massensportarten wie Fußball mit Gewalttaten überziehen. Mehr Euphemismus geht wirklich nicht!

Nun aber meine absolute Lieblings-Wendung aus dem Dummdeutschen:    

„Mit etwas umgehen“

Bezeichnenderweise wird selten gesagt, wie man denn konkret mit einem Problem umgehe – geschweige denn es löse. Eher „umgeht“ man es halt rhetorisch…

Diese Redewendung ersetzt perfekt eine Formulierung aus den 1990er Jahren. Wenn ein Politiker damals etwas nicht wusste oder wissen wollte, kam die unvermeidliche Aussage, er „gehe davon aus“. Was meist bedeutete, er mache sich leise vom Acker.

Das erinnert mich an einem Spruch aus meiner Pubertätszeit:

„Wer Ford fährt, kehrt nie wieder.“

Leider kann man heute unbesorgt die sprachliche Nebelmaschine anwerfen – Journalisten, welche gezielt und unerbittlich nachfragen, sind eher selten. Zumal sie oft dieselben Phrasen einsetzen.

Aus einem uralten Programm der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ kann ich noch heute diese Zeilen auswendig:

„Unbekannt, selbst ihren Kündern

Tropfen aus den Staatsmannsmündern

Ketten von verkackten Kürzeln

Achtlos wie aus Hühnerbürzeln“

Geben wir dazu noch einem Meister der sprachlichen Polemik das Wort:

https://www.youtube.com/watch?v=zfOGYckuHsw

P.S. Vielleicht gibt es demnächst einmal meine Hitliste aus dem Tango-Dummdeutschen“. Seien Sie gespannt!

https://milongafuehrer.blogspot.com/2023/01/die-hits-des-tango-sprachmulls.html

Dienstag, 3. Januar 2023

Zwischen Böllern und Gedöns

Das Chaos war vorhersehbar: In vielen größeren Städten, Berlin natürlich wie bei jedem Blödsinn führend, arteten die Silvesterfeiern in bürgerkriegsähnliche Zustände aus: Polizisten und Rettungskräfte wurden mit Pyrotechnik beschossen, ja sogar in Hinterhalte gelockt und von vermummten Randalierern angegriffen. Es gab teilweise Schwerverletzte.

Noch schlimmer als diese Randale waren dann diverse Interviews mit Politikern und „Konfliktforschern“, welche offenbar weder ein Abgeordnetensitz noch ein Professorentitel daran hindert, dummes Zeug zu erzählen.

Klar, die politisch Verantwortlichen kaschierten ihre Ratlosigkeit mit den erwartbaren Betroffenheits-Textbausteinen – samt der üblichen Forderung nach konsequentem Vorgehen und strengen Strafen. Lustig finde ich dabei stets, wenn regierende Politiker etwas „fordern“ – sie hätten doch die Macht, dies umzusetzen, oder? Wieso wenig dabei herauskommen dürfte: Es könnte beim Buhlen um Jungwähler" stören.

Akademiker aus Soziologie, Pädagogik, Psychologie und anderen Laber-Disziplinen betonten einmal mehr, es handle sich um junge Menschen, welche „von der Gesellschaft abgehängt“ worden seien, „keine Perspektive“ hätten. Daher müsse man sich verstärkt um deren „Integration“ kümmern, ihnen reale Chancen vermitteln.

Den Appetit aufs Abendessen verdarb mir gestern dann noch ein „Kriminologe“, welcher uns die Einsicht seiner Wissenschaft vermittle, strengere Strafen bewirkten keine Verbesserung – eher im Gegenteil. Ich hätte dem Herrn gerne den Vorschlag unterbreitet, die Höchststrafe für Mord auf zwei Jahre mit Bewährung zu reduzieren – wenn’s denn was hilft…

Und – wer hätte es nicht befürchtet – fordert man ein bundesweites „Böllerverbot“. Sprich: Wegen der Übergriffe einiger Knallköpfe will man Millionen Menschen, die sich anständig und sozialadäquat verhielten, den Spaß verderben. Ich warte noch darauf, dass man auch Baseball-Schläger verbieten will.

Wahrlich, dieses Gedöns ist schlimmer als jeder Böller-Zielwurf!

https://www.youtube.com/watch?v=vFACo7Wle0A

Vielleicht sollte man sich stattdessen klarmachen, dass die aufs Danebenbenehmen spezialisierte Klientel ziemlich klar einzugrenzen ist: Zu gut 95 Prozent handelt es sich um männliche Jugendliche und junge Männer unter dreißig. Dass die besonders notleidend wären, ist mir bislang noch nicht aufgefallen: Nicht selten fette Autos, Markenklamotten, frisch getrimmte Sportler-Frisuren und teure Smartphones – schließlich muss man sich ja zu gemeinsamen Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte verabreden. Und die Feuerwerks-Munition ist ja auch nicht gerade billig. Der „Berliner Zeitung“ entnahm ich, es hätten sich vor Silvester lange Schlangen an den Waffengeschäften gebildet, um sich noch rechtzeitig mit Schreckschusspistolen einzudecken.

https://www.cicero.de/innenpolitik/silvester-in-berlin-polizei-angriffe-randale-berliner-zeitung

Wie groß der Anteil von Migranten bei diesem Pack ist, interessiert mich eher wenig. Wir verfügen unter den Deutschstämmigen über ein ausreichendes Reservoir von Vollidioten.

Die Wurzeln solchen Verhaltens liegen bereits in der frühen Kindheit: Offenbar haben Eltern und Erzieher immer mehr panische Angst, den lieben Kleinen etwas zu verbieten und dann auch konsequent zu bleiben. Man fürchtet Liebesentzug, wenn man es täte. Es ist doch eine Schande, dass inzwischen gehobene Restaurants dazu übergehen, für Gäste ein Mindestalter von 14 Jahren festzusetzen, da offenbar Eltern zunehmend nicht mehr in der Lage sind, ihrem Nachwuchs die einfachsten Regeln sozialen Miteinanders beizubiegen.

Als Lehrer hatte ich genügend Zeit, den Niedergang zu erleben. Immer öfter hatte man bei konsequenter Ahndung schlechten Benehmens randalierende Eltern am Hosenbein, welche sich die Eingriffe in die empfindsame Kinderseele verbaten. Und natürlich gab es nur zwei Sorten von Noten: gute und ungerechte.

Das Mantra dieser speziellen „Kinderfreunde“ lautet, man habe alles zu unterlassen, was den Heranwachsenden Misserfolg oder gar mal ein Scheitern beschere. Dass es zu einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung gehört, auch mal unangenehme, sogar schlimme Dinge zu verkraften, ist in diesen Kreisen unbekannt. Und selbst ein Fußweg von zwei Kilometern zur Schule grenzt an Kindesmisshandlung, weshalb man den gepamperten Nachwuchs per SUV am Schultor abliefert. (Übrigens hatten meine Eltern keinen Führerschein, daher musste ich stets Fahrrad, Moped oder Bus benützen.)

Parallel wuchs der Druck, auch mangelhafte oder sogar indiskutable Leistungen per beschönigende Benotung abzusegnen. Wundert es dann jemand, wenn dann mit Placebo-Zertifikaten ausgestattete junge Menschen in der Berufsausbildung oder im Studium grandios versagen? Sie haben nie erlebt, dass Mühen oft zu Erfolgen führen, dass man dann zu Recht stolz auf sich sein kann und somit das Bedürfnis sinkt, Polizisten mit Feuerwerkskörpern zu beschießen!

Aber ums Geld geht es ja nicht: Wenn man die unzumutbare Belastung einer Lohnarbeit vermeiden will, gibt es ja, wie schon für die Eltern, staatliche Stütze, welche man neuerdings „Bürgergeld“ nennt. Was einen offenbar nicht daran hindert, bei passender Gelegenheit Repräsentanten des „Scheiß-Staates“ zu attackieren.

Und man muss klar benennen, dass es sich hier um das Ausleben eines völlig bescheuerten „Männlichkeits-Ideals“ handelt. Als Ursache sehe ich vor allem den weiblich dominierten Erziehungs- und Bildungsbereich – Jungs werden weitgehend von Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen betreut. Auch verheiratete Mütter sind oft „alleinerziehend“. Der männliche Nachwuchs braucht aber gleichgeschlechtliche positive Vorbilder, die man eher nicht auf der Straße findet.            

Ich sage daher voraus: Ohne ein generelles Umdenken auf dem Erziehungs- und Bildungssektor werden solche Krawalle weiterhin zur Deppen-Folklore gehören. Sie sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Diese hätte auch die „Titanic“ nicht sinken lassen.

Betrachtet man diese Jungmännerhorden, ist – zumindest für Biologen – mit Händen zu greifen: Es handelt sich um „subadulte Hormonmonster“, die nach Rangordnung lechzen. Leider verwehrt ihnen die Gesellschaft den Lerneffekt, Autoritäten zu respektieren, im Gegenteil: Sie dürfen Polizisten vor sich hertreiben. Diese „positive“ Erfahrung ist Gift für unsere Gesellschaft.

Eine solche Entwicklung kann man nicht mit Dashcams an Feuerwehrwagen korrigieren, sondern mit klaren Ansagen im Kinderzimmer. Und wer sich vor dieser Aufgabe hartnäckig drückt, sollte sich einmal überlegen, aus welchen Gründen er dann ein Sorgerecht beansprucht!

Die Forderung nach „strengeren Gesetzen“ ist wohlfeil, so lange sie eine Kuschel-Justiz"nicht ausreichend umsetzt. Einige juristische Normen halte ich allerdings für sehr fragwürdig:

·       Ich frage mich, warum man die Strafmündigkeit nicht längst von 14 auf 12 Jahre gesenkt hat. Der Entwicklungsstand von 12-Jährigen ist überhaupt nicht mehr mit dem vor 50 und mehr Jahren vergleichbar. Manche kriminelle Karrieren ließen sich so rechtzeitig stoppen.

·       Weiterhin sehe ich nicht ein, warum man zwischen 18 und 21 Jahren noch Jugendstrafrecht anwenden kann. Mit 18 ist man volljährig, kann Verträge abschließen, wählen, heiraten und notfalls sogar Bundeskanzler werden. Dann sollte für Straftaten auch der Erwachsenentarif gelten!

·       Für einen Wahnsinn halte ich es ebenfalls, wenn die Gerichte Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren fast stets zur Bewährung aussetzen. Ein Arrest – und sei es nur für ein Wochenende so ganz ohne Handy – könnte ein rechtzeitiges Umdenken bewirken. Stattdessen lässt man kriminelle Karrieren so lange laufen, bis es dann gleich mehrere Jahre Haft setzt. Und die Strafe muss auf dem Fuße folgen, sonst lernt man nichts. Jugendrichterinnen wie die leider verstorbene Kirsten Heisig waren bislang einsame Rufer in der Wüste.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kirsten_Heisig 

Hir noch ein aufschlussreiches Interview des altgedienten SPD-Bezirksbürgermeisters von Neukölln, Heinz Buschkowski:


Eigentlich könnte mich das Ganze ja kalt lassen. Den Lehrberuf muss ich ja längst nicht mehr ausüben – und im Landkreis Pfaffenhofen verlief die Silvesternacht ohne besondere Vorkommnisse – obwohl es in Pörnbach Feuerwerk bis zum Abwinken gab.          

https://www.donaukurier.de/lokales/landkreis-pfaffenhofen/kaum-einsaetze-fuer-die-rettungskraefte-an-silvester-im-landkreis-pfaffenhofen-10277391

Ist „hinter den sieben Bergen“ die Welt noch in Ordnung? Sicher nicht. Die Zwänge des Dorflebens sind nicht immer schön – gerade für Frauen. Und ich finde es unverständlich, dass unsere Gemeinde es bis heute nicht geschafft hat, ein funktionierendes Jugendzentrum aufzubauen. Als Jugendlicher auf dem Land bleibt einem dann halt der Sport- oder Schützenverein oder ein „Burschenverein“.

Man hätte also mehr Grund als in der Großstadt, mit Raketen auf Polizeibeamte oder Feuerwehrleute zu schießen. Warum man es dennoch nicht tut? Ich glaube, weil es auf dem Land noch (!) genug Eltern und Erzieher gibt, welche dem Nachwuchs beibringen, was in der Öffentlichkeit geht und was nicht. Gott sei Dank!

P.S. Daher benötigten wir auch für unsere „Wohnzimmer-Milonga“ keine speziellen Regeln.

Sonntag, 20. November 2022

Vom Knabbern an den Bildungslücken

 

Auf der Facebook-Seite der „Tagesschau“ war gestern zu lesen:

„Weltweit erreichen viele Jugendliche laut einer Studie keine grundlegenden Fähigkeiten, die in der Schule vermittelt werden sollen.“

Aus einer Grafik ging hervor, dass dabei China mit einem Anteil von nur 6,5 Prozent solcher Schüler weltweit führend ist. Deutschland belegt mit 23,8 Prozent lediglich den 30. Rang.

In den bislang fast 1900 Kommentaren lässt man mehrheitlich sowie reflexartig die deutsche Bildungswelt untergehen. Ja, früher war das besser… aber heutzutage! Schuld daran sind wahlweise die (linksgrün versifften) Politiker, die Schulen, Lehrer, Eltern sowie manchmal sogar die Schüler selbst.

Viel erkennen das kabarettistische Risiko nicht, dass man bei der Formulierung solcher Anmerkungen ein möglichst fehlerfreies Deutsch verwenden sollte. Daher verstrickt man sich in missglückter Rechtschreibung und Interpunktion, offenbart stilistische Schwächen oder schreddert die Syntax. Die bei Facebook vorgesehene Korrekturfunktion verwendet kaum jemand. Das ins Smartphone Gehackte selber nochmal durchzulesen gilt wohl als veraltet.

Hier eine kleine (!) Auswahl der schönsten Aussetzer:   

„Kleinkindern werden nur noch Tablets und Handys in die Hände gedrückt, und selber auch. Erwarten wir nicht mehr viel, denn man braucht sich nur mal bewusst umschauen.“

„Das kommt dabei heraus, wenn man sich verbohrt, kleinkariert und ohne Rücksicht auf Verluste unter anderem in der Schuldenbremse verbeist!“

„Dies ist dabei aber nicht unbedingt finanziell anhängig, sondern eher, wie die Eltern es von ihren Eltern vermittelt bekommen haben und verstanden haben.“

„Wenn ich hier schon wieder lese, die Politik hat schuld, das die Schüler Bildunglücken haben. Mann sollte sich einmal die Elternhäuser ansehen; wenn von denn keine Unterstützung kommt, kann die Schule auch nicht helfen. Das ist ein Gesellschaftliches Problem.

„Die story mit den Laptops geht nach meiner Ansicht in die völlig falsche Richtung den, denn wer nicht ordentlich zuhören kann.“

„Also, ich bin in zwei verschiedenen Bundesländern zur Schule gegangen. Es waren gute Lehrer, die uns selbstständigiges Arbeiten beigebracht haben. Wir sollten uns z.b. für ein Land, ein Tier, einen Schriftsteller vorbereiten, (die ganze Klasse).“

„Mensch Leute, vielleicht mal den deutschen Lehrplan ändern und Themen von Interesse anführen.“

„Nachdem das Schulsystem immer weiter vom Anspruch nach unten negiert wurde, verwundert mich das nicht.“

„Von 6 Schulstunden 4 selbstbestimmtes Lernen mit seinen Listen eigenständig, was aber bei Halligalli in der Klasse mit Filmen streemen garnicht geht.“

„Die Kinder sind unsere Zukunft, dass wird leider viel zu häufig vergessen. Jeder Euro, der in der Bildung gespart wir, kommt uns hinterher teuer zu stehen. Gerade da deutschlands Wohlstand, auf Innovationen und Qualität beruht“.

Asien bzw im Osten macht man etwas ganz bestimmtes bereits anders, wo wir noch hinteher hinken.“

„Wir waren mal in der Qualität gut unterwegs, daß machen jetzt andere.“

„Man past es so an, dass auch die schwächsten Schafen es bis zu 6. Klasse.“

„Wenn es bei uns nur noch um die ‚Sexualität, welchen Geschlechts man angehört o auch nicht o beidem, wen o was man liebt.....und um grüne (?)......festkleben....usw. können wir bzw. unsere Kinder nicht besser da stehen!!!!!“

„Schulabschluß heißt ja nur, das ein Abschlußzeignis vorliegt, und nicht, daß der Schüler eine grundlegende Ausbildungsbefähigung erreicht hat.“

„Wenn ich an die Kommentare der Telegram-YouTube-Universalgenies denke, die bisweilen so hinterlassen werden, hätte ein besseres Ergebnis mich doch stark verwundert.“

„Es gibt kein Personal - und weil es keine Bildung mehr gibt, gibt es auch keine Personal mehr.“

„Meine Eltern hatten keine Ahnung vom Lehrplan im Gymnasium. Sie konnten keine Fremdsprachen, und Grammatik war ihnen kein Begriff, obwohl mir mein Vater das Aggregat (?) mal erklärte.“

„Aber ich büffelte wie verrückt und hatte ein Ziel (?). Mein Vater hatte Tuberkulose vom Krieg.“

„Tja, wenn man das kleben an der Straße lernt und die sexualitäten, nicht ein mal weiß, ob man männlein oder weiblein ist, solche Dinge wichtiger als Mathe und Deutsch sind.“

„Bildung wird überbewertet, auf die Haltung kommt es an. Stalin, Mao und Pol Pott haben sich nicht getäuscht.“

„Eltern sprechen doch nur noch ausländisch mit ihren Kindern.

„So eine Scheisse entsteht nur nur durch Jahrzehntelangem wegsehen und das Schulsystem nicht an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts und 3. Jahrtausends anzupassen.“

„Was sind Bildungslücken? Sowas wie die Lücken zwischen den Bilden an der Wand?“

„Der reinste Experimentierzoo, voller anti-authoritärer, unausgereifter Konzepte, die nur dazu führen, dass die Kinder in den ersten vier Jahren Bildungslücken aufbauen, an denen sie bis zum Ende ihrer Schulzeit zu knabbern haben.

dieser Prozentsatz spiegelt sich in der Grünen Delegation wieder und bei den ganzen Vögeln, die sich auf Straßen festkleben.

„Es ist ein gutes Gefühl, klüger sein als die Anderen!“

„Mit Dumme bevölkerung kannst machen, was man will.

„Genau wie jedes Land sich sein Sozialprodukt erzeugen würde, wenn man es das lässt, hätte es auch Schulen.“

„Daher ist auch die geforderte Wahlpflicht mit 16 in Deutschland lächerlich.“

„Lehrkräfte dagegen können ein buntes Lied davon singen.“

„Überrascht mich nicht wirklich. Wenn ich aber so in den Beiträgen lese, spiegelt sich es so wünderschön wieder.

„Nicht gerechnet die psychischen Schäden, die viele Kinder davon tragen werden. Und das Schlimmste: es gibt 0 Anstrengungen, dies aufzuarbeiten und wenigstens jetzt das Angerichtet zu Lindern und zu Heilen.

„Bei den Zahlen könnte der Verdacht aufkommen, dass das so gewollt ist. Vor allem, wenn man mal objektiv verfolgt, zu was diese Menschen gebracht weden können, ohne das sie Zusammenhänge verstehen.“

„Die Bildungslücken sind bei einem Großteil der Erwachsenen noch viel enormer, andernfalls würde die Welt hierzulande nicht so sein, wie sie ist. Man ist ja auch immer nur so stark, wie sein schwächstes Glied.“

Ja, wer wüsste das besser als wir Männer! Gerade bei Körperteilen, die wir uns enormer wünschen...

Nach dem Studium dieser Texte bin ich fest davon überzeugt: 23,8 Prozent der Facebook-Kommentatoren fehlen grundlegende Fähigkeiten, die von der Schule vermittelt werden sollen!

Trösten wir uns abschließend mit einem wunderbaren Auftritt (Tschuldigung: „Performance“) der beiden Sprachkritiker Bastian Sick und Wolf Schneider:

https://www.youtube.com/watch?v=VZ6DeTfJ9ho

Quelle:

https://www.facebook.com/tagesschau/posts/pfbid0StUPzvWVpXPXNKb3ebY6RM38AdMd1wKFzX21Qzzq8WhG122YKq2a7oyqsEhMAUh5l

Mittwoch, 28. September 2022

Video: Grenze für den Mimen

Ich habe gespielt, was zu spielen war." (Gustaf Gründgens)

Menschen von der Bühne aus zum Lachen, Staunen und Nachdenken zu bewegen hat mich schon früh fasziniert. Leider gab es an meinem Gymnasium keine Theatergruppe – ich wäre sofort beigetreten,

Ersatzweise versuchten einige Kumpel und ich, selber ein solches Team aufzubauen und Sketche von Karl Valentin einzustudieren. An der eigenen Schule nahm uns Fünfzehnjährige keiner ernst. Schließlich gelang es meinem Vater, über Beziehungen einen Probenraum an einer Berufsschule für uns zu organisieren – sehr zum Leidwesen des dortigen Hausmeisters, dem die Aufgabe, uns einmal wöchentlich ein Klassenzimmer auf- und wieder zuzusperren, deutlich missfiel.

In der Folge lancierte er immer wieder Beschwerden über uns – es ging wohl um die „Unordnung“, welche wir angeblich hinterließen (wahrscheinlich hatten wir nach den Proben mal die Tische und Stühle nicht wieder vorschriftsmäßig zurückgestellt). Zudem fand sich auch kein Veranstalter, der uns hätte auftreten lassen. Nach einem halben Jahr gaben wir entnervt auf.

Glücklicherweise konnte ich später meine Leidenschaft, mich auf der Bühne zu produzieren, als Zauberer und später als Moderator genügend ausleben. Sogar gegen Gage – und meist ungestört von Hausmeistern.

In den ersten Berufsjahren lernte ich dann eine Kollegin kennen, die eine Schulspiel-Gruppe leitete und für jede Hilfe dankbar war. Meine Faszination fürs Theater sowie die junge Dame führte zu einer noch heute bestehenden Zusammenarbeit.

Ich erinnere mich, dass Karin damals ihr erstes Großprojekt – „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner – sehr erfolgreich realisierte. Schon dabei lernte ich manche Schwierigkeiten kennen, mit welchen sich Leiterinnen von Schultheatergruppen herumschlagen müssen. Und für diesen Job gab es weder eine Anrechnung auf das Pflichtstundenmaß noch eine extra Vergütung – obwohl eine solche Inszenierung locker ein paar hundert zusätzliche Arbeitsstunden bedeutete.

In den nächsten 25 Jahren inszenierte Karin ungefähr ebenso viele Bühnenstücke, vom „Kleinen Prinzen“ über das „Fliegenden Klassenzimmer“ bis hin zum „Guten Menschen von Sezuan“, und stets war ich auf oder hinter der Bühne beteiligt. So schrieb ich für das Kästner-Stück eine dramatisierte Fassung, ebenso für Molieres „Tartuffe“ und mein absolutes Lieblingsprojekt: „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury.

Im Laufe der Jahre erlebte ich eine deutliche Wandlung der Verhältnisse: Während es früher für die meisten Schülerinnen und Schüler eine Auszeichnung bedeutete, bei einem Theaterstück mitwirken zu dürfen, galt es später eher als Wertschätzung des Pädagogen, wenn seine Zöglinge bereit waren, ihm bei der Realisierung eines Bühnenwerks behilflich zu sein.

Soll heißen: Die Jungmimen erschienen zu spät oder auch mal gar nicht den Proben, konnten ewig ihre Texte nur ansatzweise und betrachteten die Vorarbeiten vor allem als Gelegenheit, sich anderweitig zu produzieren. Ich muss heute noch Karins Geduld bewundern – selber hätte ich den einen oder anderen Jungdramatiker hochkant rausgeschmissen. Oder gleich die ganze Inszenierung abgesagt.

Auch die Mithilfe von Kollegen (zum Beispiel für Bühnenbild oder Technik) geriet nicht selten zur Zitterpartie. Öfters erfolgte sie zu spät oder blieb Stückwerk, was kurz vor der Premiere meist zum Verschleiß der letzten Nerven führte.

Man darf sich ja viele Requisiten im Alleingang zusammenborgen. Ich erinnere mich noch an einen Kleiderständer, den wir dem Wirt eines Cafés abschwatzten. Oder die Aufnahme eines fahrenden Zugs, welche wir mittels tragbaren Kassettenrecorders an einem Bahnübergang hinbekamen. Und meine Kenntnisse als Chemiker und Zauberer setzte ich öfters bei Spezialeffekten ein.

Dass Schulleiter sich inhaltlich besonders für Theater interessieren, konnte ich in keinem Fall feststellen – man war schon froh, wenn sie einem keine bürokratischen Hürden aufbauten. Selbst Chefs, die Germanistik studiert hatten, war es im Endeffekt vor allem wichtig, was hinterher in der Zeitung stand. Die Show, mit der sie bei der Premiere begeistert taten und Blumensträuße überreichten, fand ich stets besonders peinlich.

Eltern, welche wirklich inhaltlich hinter den Projekten standen, wurden immer seltener. Hauptsache, man konnte vor den Verwandten angeben, wenn Söhnchen oder Töchterlein sich auf der Bühne produzierten. Auch ansonsten verlegte man sich immer mehr auf Egozentrik: Obwohl Karin lange zuvor detaillierte Probenpläne ausarbeitete, befand man oft in letzter Minute, der Besuch bei der Oma oder der Wochenend-Urlaub gehe schließlich vor.

All das bewegte mich 1990, die Satire „Grenze für den Mimen“ zu verfassen, welche sogar die Gnade erfuhr, in der führenden bayerischen Fachzeitschrift für Schultheater zu erscheinen (nebst eines säuerlichen Kommentars des Herausgebers). Ich nahm den Text in mein 2019 herausgekommenes Buch „Das fliegende Glossenzimmer“ auf. Die Mehrzahl der verwendeten Gags sind übrigens nicht erfunden, sondern selbst erlebt!

Trotz all der Probleme und Schwierigkeiten nehme ich sehr viele positive Erlebnisse aus dieser Zeit mit. Es ist faszinierend, den Werdegang eines Stücks vom Textbuch bis zur Premiere zu verfolgen. Und zumindest im Nachhinein wurde wohl auch den jungen Mitwirkenden klar, welch riesige Arbeit in einem solchen Projekt steckt.

Daher wünsche ich nun viel Vergnügen mit meinem neuen Video, in dem ich die Abenteuer einer schulischen Theater-Muse schildere:

https://www.youtube.com/watch?v=sG4pSIQtrjU

P.S. Eine andere Glosse aus meinem Buch habe ich schon früher als Video-Lesung produziert:

https://www.youtube.com/watch?v=oZ8mxB5OzF0

Und wer das „Glossenzimmer“ käuflich erwerben möchte:

http://www.robinson-riedl.de/glossenzimmer.htm

Montag, 1. August 2022

War nix mit dem Gendern

Man muss der BILD-Zeitung das Verdienst lassen, dass sie nun eine Diskussionssendung aufgriff, welche der Bayerische Rundfunk schon im Mai gesendet hatte: „Diversity Talk“ nannte sich eine tränentreibende Debatte ums Gendern – vor allem von jungen Leuten.

Unter der Leitung von Claudia Stamm (ex-grüne Tochter der früheren Landtagspräsidentin) diskutierten:

·       Fabia Klein (stellvertretende Landesschülersprecherin)

·       Julia Fritzsche (freie Journalistin beim Bayerischen Rundfunk – von ihr wie „Dschornalistin“ ausgesprochen)

·       eine sich „Seda“ nennende, non-binäre Sängerin

·       Moritz Meusel (ehemaliger Landesschülersprecher)

·       Markus Huber (Pressesprecher des BR)

Gendermäßig stand es also zirka 3,5 zu 2,5, von der Einstellung zum Thema her 4,5 zu 1,5: Während die dreieinhalb Damen strikt für das Gendern plädierten (auch die Gesprächsleiterin ließ das durchblicken), lavierte Herr Huber ziemlich zwischen den Fronten – nur Moritz Meusel vertrat eine gemäßigt kritische Einstellung.

Ausgewogenheit war also von Anfang an nicht zu befürchten.

Zu Beginn hatte man wohl eine (oder mehrere?) Schulklassen um ihre Meinung gebeten. Diese fiel nicht direkt zur Zufriedenheit des Podiums aus: „Was hältst du vom Gendern?“ wurde überwiegend mit „Ist mir ziemlich egal“ und „Gendern ist unnötig“ beantwortet.

Davon gänzlich unbeeindruckt entspann sich daraufhin eine lichtvolle Debatte, welche die „Süddeutsche Zeitung“ zu einem recht frechen Artikel veranlasste: „Wie meinst Diversity, Spatzl?“ formulierte der Autor Cornelius Pollmer in bestem „Monaco Franze“-Sprech.

Zur Gesprächsrunde hatte er absolut Satirisches anzumerken:

„Schon in ihrer Begrüßung hängt Moderatorin Claudia Stamm den Wortstämmen ‚lern‘ und ‚lehr‘ zunächst sämtliche Endungen an, die man sich nur denken kann, Motto: Wird schon was Richtiges dabei sein. (…)

Wer dann aber als freiwillige Lernleistung das Video selbst anklickte und 45 Minuten lang durchhielt, der musste feststellen, dass die Sache ausnahmsweise noch schlimmer war als vom Boulevard beschrieben – allerdings auch noch lustiger. (…)

Es lassen sich daraus nicht alle Highlights wiedergeben, weit vorne liegt aber Stamms Frage, ob künftig statt von der Wirtschaft besser von ‚Wirt*innenschaft‘ zu sprechen sei?“

Hier der schöne Text zum Nachlesen:

https://www.sueddeutsche.de/medien/br-gendern-diversity-oerr-1.5630422

Ich habe es fast geschafft, mir das vollständige Video der Sendung zu geben. Ich warne aber: Es klappt nur mit einem deutlichen Hang zum Masochismus:

https://www.br.de/mediathek/video/diversity-talk-2022-gendern-av:62aa56d6c6f9f00009e47c6e

Das Schönste kommt bekanntlich zum Schluss: Unvorsichtigerweise ließ man die „Schüler*innen“ zum Schluss nochmal abstimmen. Mit großem Abstand siegte „Gendern finde ich weiterhin unnötig“ vor „Habe da keine Meinung“. Positive Aussagen landeten am Ende der Charts. Aus der Sicht von „mindestens drei Diskussionsteilnehmenden“, so Claudia Stamm (also mit ihr vier), müsse man im nächsten Jahr nochmal drüber reden. Diese Drohung blieb im Raum stehen.

Die schönste Szene im Video ist das verstohlende Grinsen des kleinen Moritz bei dieser Aussage...

Klar, dass die BILD-Zeitung über dieses Kabarett etliche Kübel Hohn und Spott ausleerte: „Bayerischer Rundfunk blamiert sich mit Gender-Sendung“ titelte das Volksblatt.  

https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/sie-wollten-schueler-ueberzeugen-bayerischer-rundfunk-blamiert-sich-mit-gender-s-80835142.bild.html

Für mich ist die Auseinandersetzung ums Sternchen-Deutsch wahrlich ein Beitrag aus der „Habt ihr sonst keine Sorgen?“-Abteilung. Dabei kann ich die Ängste von Frauen (oder non-binären Menschen), sprachlich sozusagen im Dunkeln zu bleiben, durchaus verstehen. Wobei mir als Lehrer vollkommen klar war, dass ich männliche und weibliche „Schüler“ hatte – schon deshalb, weil letztere meist fleißiger und sozial verträglicher waren. Und ich vergaß keine Sekunde, dass sich im „Lehrerzimmer“ auch Frauen befanden (schon an der Geräuschkulisse erkennbar).

Wie halte ich es selber mit dem Gendern? Wo immer es mir sprachlich angemessen erscheint, verwende ich auch die weibliche Variante, manchmal die Verlaufsform. Vor allem dort, wo man vielleicht nicht ganz selbstverständlich draufkommt, es könnten auch Frauen beteiligt sein. Da ganze Sternchen, Binnen-I und Schräg- sowie Unterstrich-Gedudel ist für mich eine sprachliche Vergewaltigung, welche ich nur als satirisches Stilmittel einsetze.

Klar, die Sprache entwickelt sich ständig weiter – aber von „unten“ her, also durch den Gebrauch im Alltag. Was man derzeit aber versucht, ist eine von oben verordnete Reform: Von einschlägigen Universitäts-Instituten aus versuchen durchgeknallte Ideolog*innen, dem Volk nicht wie weiland Luther aufs Maul zu schauen, sondern ihm dieses zu verbieten.

Es wird sich nicht durchsetzen – ebenso wenig wie künstlich aufgedrückte „Códigos“ beim Tango.

Man erweist dem unbedingt nötigen Feminismus einen Bärendienst, wenn man ihn mit verstiegenen, theoretisierenden Forderungen der Lächerlichkeit preisgibt. Die wahren Probleme der Frauen in diesem Land sind nicht die Gender-Sternchen, sondern beispielsweise Männer, die sich um den Unterhalt drücken oder gar der Ex gewaltsam nachstellen und Arbeitgeber, die in ihren Büros fröhlich dem „Mansplaining“ frönen oder sich mit irgendwelchen Spitzfindigkeiten um eine gleiche Bezahlung von Frauen und Männern drücken.

Und im Tango sind es weniger die argentinischen Verhaltensnormen aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, sondern der sehr reale Machismo auf den Veranstaltungen.

Um trotz des ernsten Themas mit einer Pointe zu schließen: Auch militante Tierschützer beschimpfen auf offener Straße lieber eine alte Oma wegen ihres Pelzmantels als einen Hells Angel wegen seiner Lederjacke!

https://www.youtube.com/watch?v=UKRHZg-8ch4