Mittwoch, 5. September 2018

Wir sind doch keine Nazis, aber…


„Alsdann bringe Aaron den Bock, auf den das Los für den Herrn gefallen ist, herbei und richte ihn als Sündopfer her. Der Bock aber, auf den das Los für Asasel gefallen ist, soll lebendig vor den Herrn gestellt werden, damit man an ihm die Sühne vollziehe und ihn zu Asasel in die Wüste schicke.“
(Lev 16.9-10)

Damit die Sache mit dem Sündenbock spannender wird, zunächst eine Frage: Aus welchem Parteiprogramm stammen die folgenden Zitate? Die Antwort finden Sie am Schluss des Artikels!

·         Wir fordern den Zusammenschluss aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker (…)
·         Wir fordern die Gleichberechtigung des deutschen Volkes gegenüber den anderen Nationen
·         Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muss unter Fremden-Gesetzgebung stehen.
·         Das Recht, über Führung und Gesetze des Staates zu bestimmen, darf nur dem Staatsbürger zustehen. Daher fordern wir, dass jedes öffentliche Amt, gleichgültig welcher Art, (…) nur durch Staatsbürger bekleidet werden darf.
·         Wir bekämpfen die korrumpierende Parlamentswirtschaft einer Stellenbesetzung nur nach Parteigesichtspunkten ohne Rücksichtnahme auf Charakter und Fähigkeiten.
·         Wir fordern, dass sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs- und Lebensmöglichkeit der Bürger zu sorgen. Wenn es nicht möglich ist, die Gesamtbevölkerung des Staates zu ernähren, so sind die Angehörigen fremder Nationen (Nicht-Staatsbürger) (…) auszuweisen.
·         Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern.
·         Erste Pflicht jeden Staatsbürgers muss sein, geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des Einzelnen darf nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muss im Rahmen des gesamten und zum Nutzen aller erfolgen.
·         Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens.
·         Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemein-Interesse schädigen.
·         Wir fordern Ersatz für das der materialistischen Weltordnung dienende römische Recht durch ein deutsches Gemein-Recht.
·         Die Lehrpläne aller Bildungsanstalten sind den Erfordernissen des praktischen Lebens anzupassen. Das Erfassen des Staatsgedankens muss bereits mit dem Beginn des Verständnisses durch die Schule (Staatsbürgerkunde) erzielt werden. Wir fordern die Ausbildung geistig besonders veranlagter Kinder armer Eltern ohne Rücksicht auf deren Stand oder Beruf auf Staatskosten.
·         Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen die bewusste politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse.
·         Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl (…) verstoßen.

Derzeit hört man von vielen, die in Chemnitz und anderswo hinter grölenden Deutschnationalen herlaufen, das Bekenntnis, selbst ja kein Nazi zu sein, nicht mal rechtem Gedankengut anzuhängen, i wo! Man sei lediglich ein besorgter Bürger, den die Bedrohung durch ausländische Gewalttäter umtreibe.

Das Schlimme daran ist, dass dies vermutlich stimmt – und zwar nicht nur heute, sondern auch schon in der Weimarer Republik: Auch zu ihren besten Zeiten hatten die Nationalsozialisten in Deutschland keine Mehrheit. Ihre Ergebnisse in Prozent bei den Reichstagswahlen:

4.5.1924:     8,5
7.12.1924:   3,0
20.5.1928:   2,6
14.9.1930: 18,3
31.7.1932: 37,4
6.9.1932:   33,1

Selbst bei der Wahl am 5.3.1933 (nach der Machtergreifung Hitlers am 30.1.1933, der Zerschlagung bzw. Verfolgung der KPD und SPD) erreichte die NSDAP lediglich 43,9 Prozent!

Bis 1930 war noch der Sozialdemokrat Hermann Müller Reichskanzler, danach Heinrich Brüning von der Zentrumspartei. Sein Nachfolger Franz von Papen (ebenfalls aus der Zentrumspartei stammend) setzte 1932 die SPD-geführte Regierung in Preußen ab. Der parteilose General Kurt von Schleicher schließlich regierte nur mehr von Dezember 1932 bis Ende Januar 1933. Sein Versuch, die NSDAP zu spalten, scheiterte – Hitler wurde von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt und regierte mit einer Koalition von NSDAP, Deutschnationaler Volkspartei und Stahlhelmbund.

Ohne die Unterstützung von Kräften aus dem Militär, der Großindustrie und vor allem von konservativen Parteien wäre die NSDAP nie auf parlamentarischem Weg an die Macht gekommen.

Adolf Hitler schrieb 1930:

„Die Verfassung schreibt uns nur die Methoden vor, nicht aber das Ziel. Wir werden auf diesem verfassungsmäßigen Wege die ausschlaggebenden Mehrheiten in den gesetzgebenden Körperschaften zu erlangen versuchen, um in dem Augenblick, wo uns das gelingt, den Staat in die Form zu bringen, die unseren Ideen entspricht.“

Selbst für die Zweidrittelmehrheit zum Ermächtigungsgesetz vom 24.3.1933 benötigte Hitler die Unterstützung der bürgerlichen Parteien, insbesondere des katholischen Zentrums und der Bayerischen Volkspartei (Vorläufer der heutigen CDU bzw. CSU). Letztlich stimmten, in der Kroll-Oper von SA-Leuten umringt, nur die 94 noch anwesenden SPD-Abgeordneten gegen das Gesetz, welches letztlich den Parlamentarismus in Deutschland abschaffte.

Die Missstände waren damals wie heute nicht zu leugnen: die Weltwirtschaftskrise einst bzw. die (bei Weitem weniger schlimmen) Probleme mit Flucht und Einwanderung heute. Extremisten „lösen“ Probleme jedoch nur scheinbar, indem sie einen Sündenbock finden: Was damals die Juden (und ihre „Weltverschwörung“) waren, sind heute die „Ausländer“ – in der rechten Propaganda alles Terroristen, Vergewaltiger und Messerstecher.

Selber werden die extremen Rechten nie eine Mehrheit erringen – so wie früher. Es sei denn, ihnen geht ein verhetztes Kleinbürgertum mal wieder auf den Leim…  

Es ist heroisch, was damals bei der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz der SPD-Vorsitzende Otto Wels den Nationalsozialisten entgegenhielt:

„Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. […] Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen.
Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht verbürgen eine hellere Zukunft.“

Ich lege allerdings auf solch Heldentum keinen Wert. Noch liegt die AfD in den Umfragen erst bei zirka 17 Prozent. Ein unterlassenes Kreuz auf dem Wahlzettel würde derzeit noch helfen. Denn wenn der Geist erst mal aus der Flasche ist, wird es schwierig, ihn wieder hineinzubringen!

Das sind doch keine Nazis, aber… Die Parallelen jedoch deuten sich unübersehbar an:



P.S. Das Eingangszitat meines Beitrags stammt aus dem 25 Punkte-Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei vom 24.2.1920.
http://www.documentarchiv.de/wr/1920/nsdap-programm.html


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