Auf
unserer letzten „Wohnzimmer-Milonga“
am 30.12.19 habe ich den Gästen mein neues Buch „Das fliegende Glossenzimmer- Schulische Satiren“ vorgestellt.
Für
meine tangofernen Leser: Als „Milonga“ bezeichnen Anhänger des argentinischen Tango eine Tanzveranstaltung mit dieser Musik.
Seit einigen Jahren laden wir dazu einmal monatlich Gäste zu uns nach Hause ein.
Die
Zuhörer meiner Lesung waren also überwiegend nicht speziell mit dem
Lehrerdasein vertraut und hatten dennoch ihren Spaß. Gerade bei witzigen Texten
halte ich die Anwesenheit von Publikum für unbedingt erforderlich, damit eine
gewisse „Live-Atmosphäre“ entsteht.
Apropos:
An diesem Nachmittag tanzen wir sogar zu live gespielter Tangomusik. Da unsere
Gäste in erster Linie tanzen wollen, durfte mein Vortrag die Dauer einer Tanzrunde nicht
übersteigen. Und wegen der Größe unseres Wohnzimmers ist das Setup eh kompliziert genug – ein größerer
Umbau und längeres Einrichten des Lichts waren daher nicht möglich. Das sieht
man dem Video natürlich auch an.
Aber
vielleicht liegt gerade darin der Reiz: Es wurde spontan und in einem einzigen
Take ohne Schnitte produziert. Mein herzlicher Dank gilt der Video-Filmerin und
Tangofreundin Manuela Bößel, die
sich auf diese Bedingungen einließ und das Beste daraus gemacht hat!
Zum
Inhalt: „Fiesta paedagogica“ ist
eine von insgesamt 42 Glossen im Buch. Es geht um die Konkurrenz zweier
Gymnasien, denen wegen zurückgehender Anmeldezahlen die Schließung respektive
Zusammenlegung droht. Oberstudiendirektor Renner setzt daher zur Kunden-Akquise
ein Schulfest ein, was sein Kollege Dr. Währe vom Nachbargymnasium mit einer
Theateraufführung quittiert. „Brot und
Schulspiele“ steigern sich immer mehr ins Absurde – bis zum ernüchternden
Ende…
Der
Kern meiner Satire: Schule hat heutzutage immer mehr „Event-Charakter“. Unterricht?
Der kann doch ausfallen…
Ich
habe beim Verlag eine größere Zahl von Autoren-Exemplaren
bestellt, die in wenigen Tagen beimir
eintreffen werden. Ich liefere zum Original-Preis von 14,90 € porto- und versandkostenfrei: mamuta-kg(at)web.de
Die
E-Book Versionen werden ebenfalls bald
verfügbar sein, zum Beispiel bei „Amazon“.
Nun
hat sich auch der Westdeutsche Rundfunk
einen Shitstorm verdient – noch dazu
mit ziemlich schlichten Mitteln: Auf WDR2 veröffentlichte man kürzlich das
Video eines Kinderchors, welcher das alte Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall
Motorrad“ mit neuem Text sang.
Dieser
karikiert die Oma nun als „alte Umweltsau“, da sie mit ihrem
Zweirad unter anderem „tausend Liter
Super jeden Monat“ verpulvere, „zwei
Opis mit Rollator“ überfahre und sich „jeden
Tag ein Kotelett“ aus billigem Discounterfleisch brate. Und obwohl in der
Schlusszeile dann (ironisch wegen ihrer Kreuzfahrten) festgestellt wird: „Meine
Oma ist doch keine Umweltsau“ lief die hierzulande bestens eingeübte
Empörungsmaschine an. In kurzer Zeit gab es auf Facebook über 15000 Kommentare –
in der Mehrzahl kritisch bis vernichtend:
Geschmacklos
und diskriminierend nannte man das – und als minimale Lösung wird die fristlose Entlassung der
Verantwortlichen gefordert. Skandalös sei es, die singenden Kinder instrumentalisiert zu haben – Pfui Deibel aber
auch!
Selbst der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet fand die Affäre wichtig
genug, öffentlich seine Entrüstung zu bekennen – und WDR-Intendant Tom Buhrow zog alsbald die Reißleine, ließ
das Video vom Netz nehmen und entschuldigte sich „ohne Wenn und Aber“ dafür. In einer Sondersendung stellte sich der
WDR2-Chef Jochen Rausch den
Hörermeinungen. Natürlich hat es die Produktion längst auf YouTube geschafft
und ist dort zu besichtigen:
Noch
lustiger wird es, wenn man die Quelle
des Kinderlieds genauer recherchiert:
Es
benützt den Refrain des 1922 von Robert
Steidl geschriebenen Rheinländers „Wir
versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen“. Der Text ist an den Foxtrott „Meine
Oma fährt Motorrad, ohne Bremse, ohne Licht“ von 1928 angelehnt.
Im Laufe der Zeit entstanden immer wieder neue Strophen, beispielsweise:
„Meine Oma hat ’nen
Nachttopf mit Beleuchtung …“
„Meine Oma hat ’nen
Pet[t]icoat aus Wellblech …“
„Meine Oma hat im
Strumpfband ’nen Revolver …“
Allerdings
stellt hier der Refrain der
Großmutter jeweils ein ehrendes (nicht ganz ironiefreies) Zeugnis aus:
„Meine Oma ist ’ne
ganz patente Frau.“
Das
Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg
schreibt dazu:
„Es ist ein
Spiegelbild des spielerischen Vergnügens am Absurden und zugleich ein typisches
und virulentes Beispiel für jenes Liedgut, das sich parallel zur medial
geprägten Musikkultur des 20. Jahrhunderts entwickelt und mit einer
gewissen Eigendynamik beständig verändert.“
Ich
kann hierzu nur feststellen: Jahrzehntelang ist die Frauenfeindlichkeit und Altersdiskriminierung
des Machwerks niemandem aufgefallen. Die Kombination von Nachttopf über
blechernen Unterrock bis hin zu Strumpfbändern im James Bond-Stil sagt ja wohl
genug! Und wo blieb bitteschön der Empörungs-Feldzug der Tierfreunde? Hühnerstall statt Freilandhaltung – und dann
verängstigt man das Gefügel noch mit lautem Motorradlärm, überfährt vielleicht sogar
noch eins!
Wahrlich:
Solche Schmierfinken gehören geteert
und gefedert (na ja, letzteres vielleicht doch nicht, die armen Hühner…)
Im
Klartext: Dem deutschen „Empörialismus“
ist offenbar inzwischen kein Thema mehr zu dämlich für einen Shitstorm!
Klar
kann man darüber diskutieren, ob hier die Wortwahl „Umweltsau“ vielleicht zu
drastisch war – aber man vergleiche einmal, was sich Politiker in
Satiresendungen wie der „Heute Show“
alles sagen lassen müssen. Darüber regt man sich eher nicht auf. Und der Gag
funktioniert natürlich nur, wenn man das Lied einen Kinderchor singen lässt – das relativiert die Aussage. Zudem freuen
sich Menschen dieses Alters sehr, wenn sie einmal ganz öffentlich „unanständige
Wörter“ benützen dürfen!
Wie
viele Komödien geben den
Altersstarrsinn der Lächerlichkeit preis? Durch wie viele Fastnachtsreden geistert der Opa auf der Suche nach seinem
Zahnersatz? Das alles jetzt verbieten, die Intendanten rausschmeißen? Nein –
von Greta bis Oma gibt es am Theater sowohl das Rollenfach„jugendliche Naive“
wie „komische Alte“.
Wen
darf man heute mittels Satire noch
angreifen? Alte Menschen also nicht – wen dann? Kinder? Junge Leute? Menschen im
mittleren Alter?
Ach,
darf man alles, wenn nur die Richtung
stimmt! So kriege ich selber ja in Permanenz die „Oberlehrer-Schelte“ ab, man
attestiert mir, nur wegen altersbedingten Beschäftigungsmangels zu bloggen, und
auch das Stereotyp von den „heterosexuellen
alten weißen Männern“ durfte ich bereits genießen. Man hat sogar schon der Aussicht auf mein baldiges Ableben Ausdruck verliehen: http://milongafuehrer.blogspot.com/2019/04/warten-auf-den-sensenmann.html
Allerdings
würde ich die Bezeichnung „alte Umweltsau“ zurückweisen:
Beispielsweise habe ich in 69 Jahren noch nie in einem Flugzeug gesessen und
fahre selten in Urlaub – jedoch nicht aus ökologischen Gründen, sondern, weil
ich mit Werner Schneyder der Ansicht
bin, Reise bilde nicht, sondern verwirre eher. Daher habe ich die Hoffnung, von
der „Deutschen Umwelthilfe“ mal mit einem Preis geehrt zu werden, längst
aufgegeben…
Deswegen
geht es bei der neuen deutschen
Empörungskultur keineswegs darum, Menschen vor Entgleisungen zu schützen –
nein: Wer in eine Richtung pöbelt, mit welcher man übereinstimmt, darf das natürlich, und wehe, man kritisiert das!
Reine Zensur, die Meinungsfreiheit ist in Gefahr, weil man „das ja nicht mehr sagen darf“!
Wird
in die falsche Richtung gehetzt, ist
freilich Schluss mit lustig: Sofort verbieten, rausschmeißen, teeren, federn…
(ach nein, hatten wir schon). Auch, wenn‘s nur Satire ist.
Und
ich bitte herzlich, mir nun nicht mit den „zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen
Sendern“ zu kommen! Seit Jahrzehnten toleriere ich klaglos Sendungen
wie den „Musikantenstadel“ und bin
froh – anders als bei den „Privaten“ – nicht jede Viertelstunde mit Werbung
belästigt zu werden.
Daher
– auch wenn sich nun die letzten Facebook-Freunde von mir abwenden sollten: Wer
der Satire (ob nun gelungen oder
auch mal nicht so toll) an den Kragen will, kriegt es mit mir zu tun. Da lebe
ich mit Wonne meinen Altersstarrsinn aus!
Und
vielleicht kaufe ich mir morgen doch noch ein Feuerwerk – nur, damit sich gewisse Leute wieder aufregen können
und ich meinen Spaß dran habe…
Meinen
(verbliebenen) Lesern ein gutes Neues Jahr!
P.S. Man hätte das Oma-Epos schon längst
sprachwissenschaftlich sezieren sollen. Thomas
Freitag hatte es ja mal unternommen:
„Wir haben genaue Vorstellungen von einer
neuen Art Zeitung, die wir schaffen möchten. Für sie müsste die Wahrheit der
Tatsachen heilig sein, sie müsste sich der strengen Sachlichkeit in der
Berichterstattung befleißigen, sie müsste auch den Andersmeinenden gegenüber
immer Gerechtigkeit walten lassen; und sie müsste sich bemühen, nicht an der
Oberfläche der Dinge stehen zu bleiben, sondern ihre geistigen Hintergründe
aufsuchen. Dies alles also wollen wir redlich, aber wir glauben, zu diesem
neuen Typ von Zeitung müsste auch eine beträchtliche Volkstümlichkeit, ein
Ansprechen breiter Schichten – ohne ihre Umschmeichlung – gehören. Natürlich
denken wir nur an diejenigen, die sich mit uns bemühen wollen, über die Dinge
nachzudenken, statt Schlagworten nachzulaufen. Für die Denkfaulen möchten wir
nicht schreiben.“
(Leitartikel der 1.
Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen“, 1.11.1949)
Vor
drei Tagen sendete das ARD-Politikmagazin „Kontraste“
einen Beitrag: „Saskia Esken in
Kündigungsaffäre verwickelt“. In 7 Minuten 12 Sekunden gibt man sich größte
Mühe, die neue SPD-Vorsitzende zu demontieren.
Bereits
in der Anmoderation stellt man fest:
Saskia Esken„verkaufe” sich gern als das „gute
Gewissen der SPD“, „linker als die
meisten, aufrechter als viele“. Aber wer sich ihr „Vorleben“ ansehe, stoße auf einige, die „ihr das so nicht durchgehen lassen können“. Die hätten eine „andere Saskia Esken kennengelernt“.
Nur,
dass wir das Nachfolgende schon mal richtig
einzuschätzen wissen…
Worum
geht es?
Die
„waschechte Hinterbänklerin“ könne
als einzige Führungsqualität ihre
Funktion als Vizevorsitzende im
Landeselternbeirat Baden-Württembergs vorweisen. Christian Buksch, der Vorsitzende des Gremiums, in das Esken 2011
gewählt wurde und der 2012 aufgrund „heftiger
Auseinandersetzungen mit ihr“zurücktrat,
hat keine gute Meinung von der neuen SPD-Chefin: Sie sei mit für die Querelen verantwortlich, es habe zu der Zeit
viele Austritte von Mitgliedern
gegeben.
Hauptsächlicher
Zankapfel ist jedoch die damalige Kündigung
der Leiterin der Geschäftsstelle,
Gabi Wengenroth. Man habe sich die Passwörter der Beschäftigten des Büros geben
lassen und ihren Mailaccount angesehen. Auf Grund dessen, „was man da vorfand“, habe der neue Vorstand ihr gekündigt – und Saskia
Esken persönlich habe das Schreiben in den Briefkasten von Wengenroth geworfen.
Die Geschasste musste ihr Büro sofort räumen und den Schlüssel abgeben.
Die
folgende Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht endete mit einem Vergleich –
die Sekretärin erhielt einen neuen Arbeitsplatz im Stuttgarter
Kultusministerium.
War
das rechtens? „Kontraste“ lässt zwei Arbeitsrechts-Experten
zu Wort kommen, welche dies verneinen. Der Vorstand hätte gar nicht selber
kündigen dürfen, ein Kündigungsgrund sei nicht gegeben gewesen, und die
Durchsuchung des PC der Angestellten zudem rechtswidrig und strafbar gewesen. Arbeitsrechtlich sei „alles falsch
gemacht worden, was man falsch machen kann.“ Zudem habe man „grob und herzlos“ agiert. Schließlich
besorgte man sich noch den O-Ton des ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden von
Porsche, Uwe Hück. Das Parteimitglied
schreibt seiner neuen Chefin ins Stammbuch: „Das
passt zu der SPD nicht, und die SPD wird sowas nicht zulassen.“
Die
Nachricht löste in der deutschen Presselandschaft
ungefähr dieselbe Reaktion aus wie
der Abwurf einer Ladung Kalbsschnitzel in einen Tigerkäfig: Begeistert und offenbar
meist frei von eigenen Recherchen
druckte man die Vorwürfe nach. Die Formulierungen fallen teilweise noch saftiger aus: Die Mitarbeiter der
Elternbeirats-Geschäftsstelle seien „überwacht“
worden – schlimmer noch: Die SPD-Chefin persönlich habe „Mitarbeiter ausspioniert“.
Die
politischen Gegner denken bereits laut über ihren Rücktritt nach, so FDP-Mann Wolfgang Kubicki: „Sollte sich dann herausstellen, dass sie rechtswidrig gehandelt hat,
muss sie sich selbst überlegen, ob der Vorsitzendenposten bei einer Regierungspartei
damit kompatibel ist.“
Inzwischen sickert jedoch eine etwas andere Version der damaligen Ereignisse durch, von der bei Weitem
nicht alle Medien berichten:
Tatsächlich war wohl der Landeselternbeirat in Stuttgart ein seit Jahren zerstrittenes
Gremium: Hauptschul-Vertreter kämpften gegen Gymnasiums-Lobbyisten,
CDU-Anhänger gegen Fans der rot-grünen Regierung, wobei Esken sich offenbar kritisch mit der damaligen SPD-Bildungsministerin (!) befasste. Mehrere Vorsitzende traten in wenigen
Jahren zurück, dem jetzigen Kronzeugen Christian
Buksch wird „autokratisches Verhalten“
nachgesagt. Über die konkreten Gründe seines Rücktritt 2012 habe ich nichts
gefunden.
Der neue Vorstand
jedenfalls wurde von den Vorgängern in keiner Weise eingearbeitet, offenbar verschwand man im Zorn. In der
Geschäftsstelle häuften sich die Anfragen,
die auf dem Dienstcomputer der
später Gekündigten aufliefen. Beim Versuch, diese zu beantworten, stieß man auf
illoyales Verhalten: Die Sekretärin hatte offenbar Interna der neuen Leitung an die Zurückgetretenen durchgestochen und mit negativen Kommentaren versehen. Um das
abzustellen, schmiss man sie hinaus.
Das war sicherlich ein formaler Fehler, welcher der Unerfahrenheit der neuen Leute
zuzurechnen sein dürfte: Dienstherr der Sekretärin war nämlich das Kultusministerium. Interessant wäre für
mich, was in den Vergleich beim
Arbeitsgericht stand – aber das berichtet niemand. Warum hat das Gericht nicht festgestellt, die Sekretärin dürfe ihre Stelle behalten? Und wenn ein strafbares Verhalten (Verletzung des
Post- oder Fernmeldegeheimnisses, § 206 StGB) anzunehmen wäre: Wieso hat das
Gericht die Akten damals nicht an die Staatsanwaltschaft
weitergeleitet? Das wären Fragen, die mich als Journalisten interessieren würden. Die „professionellen“ Kollegen
wohl nicht!
Im neuen Vorstand war damals auch Carsten Rees, der nun seit einigen Jahren das Gremium leitet. Seine
Aussagen:
„Als Saskia Esken und ich 2012 als stellvertretende
Vorsitzende anfingen, war das Gremium äußerst zerstritten. Es war geprägt von
einer Vorsitzenden, die den ganzen Beirat über Jahre sehr hierarchisch geführt hatte.
Wir haben es im Team geschafft, den Landeselternbeirat in ein sachorientiertes
Gremium zu verwandeln, in dem die Arbeit Spaß macht.“
„Für ein so
schwieriges Terrain wie die SPD hat Saskia Esken die besten Voraussetzungen.
Sie kann richtig anpacken, wenn es ums Arbeiten geht. Nachtschichten und
Telefonkonferenzen am Wochenende sind auch bei uns im Beirat an der
Tagesordnung. Saskia Esken denkt sehr strukturiert und kann gut kommunizieren.
Das ist ja wichtig, wenn es auf Teamwork ankommt. Wer nur rumschwurbelt, kann
es gleich sein lassen.“
„Saskia Esken hat wie
alle anderen ehrenamtlich gearbeitet: oft viele Stunden in der Woche und das
neben dem regulären Job. (…) Ich finde, die SPD hat mit Saskia Esken echt
Glück. Was den Vorwurf betrifft, sie habe bislang noch kein Parteiamt ausgeübt,
so halte ich ihn für absurd. Viele Parteien haben in ihren Gremien Klüngeleien.
Da ist es doch vielleicht ganz gut, wenn mal jemand an die Spitze kommt, der
nicht Klüngelpolitiker ist.“
Nicht die Sekretärin sei vom Vorstand bespitzelt worden, sondern umgekehrt! Und
übrigens habe Esken die Kündigung zugestellt, weil sie schlicht
am nächsten dran wohnte. Aber solche Tatsachen sind wohl nicht genügend „skandal-sexy“…
Es stimmt wohl, was der Kabarettist Georg Schramm über Friede Springer und ihre „Lohnschreiber“ sagte: Eine Handbewegung von ihr genüge, Politiker
vom Thron zu holen. Dann werden Hundertschaften
von „Journalisten“ von der Kette gelassen, um jeden Tag im Leben eines Missliebigen zu
durchforsten – und man darf gewiss sein: Irgendeinen faulen Knochen werden die
Terrier des gedruckten Wortes schon ausgraben.
Gut,
die SPD hat nun rechtliche Schritte
gegen das Magazin (ein treffender Name) „Kontraste“
eingeleitet. Wird es etwas nützen? Nur bedingt – der „Skandal“ wird Saskia Esken
wie Hundedreck an den Sohlen kleben. Interviews zum konkreten Fall hat sie
bislang nicht gegeben. Ich würde es ihr auch nicht raten: Unvoreingenommenheit darf sie nicht erwarten. Seit Wochen schreibt
fast die gesamte Presse das neue SPD-Führungsduo in Grund und Boden – um dann zu vermelden: Die Sozialdemokraten haben
in Umfragen nicht zugelegt. Welch
ein Wunder!
Und
ja: Neue politische Führer müssen
unbedingt der alten Nomenklatura
entstammen – sonst fehlt einfach die Erfahrung.
Anschließend kann man dann beklagen, dass nur der Klüngel entscheidet…
Durch
puren Zufall bin ich auf den ersten Leitartikel
der FAZ aus dem Jahr 1949 gestoßen. Er beschreibt eine Medienwelt, die es heute nicht
mehr gibt – und die damals aus den schrecklichen Erfahrungen entstand, was
eine gelenkte Propaganda-Presse
anrichten kann.
Heute
müsste ein solcher Leitartikel
anders lauten:
Für uns ist die Wahrheit
der Tatsachen nur ein Mittel zum Zweck, wo sie nicht passt, wird sie passend
gemacht. Strenge Sachlichkeit in der Berichterstattung bringt in unserer
Empörungs-Gesellschaft keine Quote, Andersmeinende verwirren nur das gemeine
Volk; und wer nicht an der Oberfläche der Dinge stehen bleibt, sondern ihre geistigen
Hintergründe aufsucht, verliert Leser.
Wir
schreiben für die Denkfaulen – für wen denn sonst?