Donnerstag, 21. Mai 2020

Deutsch-Abitur reloaded II

Vor vier Jahren beschloss ich aus einer Laune heraus, nochmal mein Deutsch-Abitur abzulegen und unter Original-Bedingungen ein Thema der bayerischen Reifeprüfung zu bearbeiten: in nicht mehr als fünf Stunden und natürlich ohne unerlaubte Hilfsmittel:

Was ich nie vermutet hätte: Der Text ist mit fast 2000 Zugriffen bis heute der mit Abstand meistgelesene dieses Blogs!
Wie lustig: Da schreibt man ketzerische Texte zur Bildung, und was Schüler und Kollegen interessiert, ist ein Musteraufsätzchen!

Aber gut – meine Seite hat sich ja der pädagogischen Lebenshilfe verschrieben. Und im Germanistik-Studium lernt man bekanntlich eine Menge Sprachwissenschaft, nicht jedoch, selber einen guten Text hinzubekommen…

Aber bevor ich nun wieder in Satire verfalle: Vorletztes Jahr durften die Prüflinge meines Bundeslandes ja etwas zum Thema verfassen. Ich habe es daher auch einmal probiert:

Deutsch Bayern – Abiturprüfung 2018
Aufgabe 5: Materialgestütztes Verfassen eines argumentierenden Textes

Variante 1: Erörtern Sie Möglichkeiten und Grenzen der Satire! Beziehen Sie sich dabei auf Formen der Satire in Wort und Bild! Nutzen Sie dazu die folgenden Materialien 1-9 sowie eigenes Wissen und eigene Erfahrungen!

Gliederung

A. Einleitung
Satire: Wie sich die Probleme wandeln

B. Hauptteil
B 1. Möglichkeiten der Satire
   1.1 Satire – kaum zu fassen
   1.2 Der Vorzug des Unernstes
   1.3 Satire: nicht zweckfrei
   1.4 Idealismus als Waffe

B 2. Grenzen der Satire
   2.1 Was ihr verboten ist
   2.2 Lächeln oder Schärfe?
   2.3 Gegen den Mainstream

B 3. Satire – eine Gratwanderung

C. Schluss
Das Beispiel Helmut Palmer

A.   Satire: Wie sich die Probleme wandeln

Im 19. Jahrhundert war die Welt noch übersichtlich: Satire galt hierzulande als unbotmäßiger Angriff auf die Obrigkeit, Schriftsteller wie Heinrich Heine wurden verfolgt und mussten ins Exil flüchten. Das Verbot solcher Artikel oder Karikaturen war normal, wie der Autor es in einem Text von 1827 andeutet, in denen nur die Begriffe „Die deutschen Censoren“ und „Dummköpfe“ nicht gelöscht sind (Mat. 8). Auch im wilhelminischen Kaiserreich konnte man für Unbotmäßiges noch ins Gefängnis kommen, und nach einer kurzen Blüte dieser Kunstform in der Weimarer Republik mit Autoren wie Kästner und Tucholsky war 1933 Schluss: Berufsverbote, Haft oder sogar KZ drohten denen, welche auf die Freiheit des Wortes bestanden.

Erst unter dem Schutz der Meinungs- und Pressefreiheit des Grundgesetzes und einer sehr liberalen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes konnte sich die Satire im Nachkriegsdeutschland als „erlaubte“ Kunstform durchsetzen. Beliebt ist sie jedoch bis heute eher bei denen, deren jeweilige Meinung sie vertritt. Vom Rest wird ihr häufig die Wesensart bestritten: „Das ist doch keine Satire!“ Shitstorms gegen Kabarettisten wie Dieter Nuhr oder gar der Mordanschlag auf die französische Zeitschrift „Charlie Hebdo“ beweisen: Es gibt auch heute noch „Unsagbares“!

Blogger wie ich machen diese Erfahrung beinahe tagtäglich, selbst wenn ihre Satiren nur einen Gesellschaftstanz wie den argentinischen Tango berühren. Mit heftigsten Anwürfen wird man selten in der Sache, meist dagegen als Person angegriffen.   

Legendär ist das Wort von Kurt Tucholsky, wonach die Satire „alles darf“ (Mat. 5). Die Frage ist nicht nur, ob er damit recht hat – sondern vor allem: Was sie überhaupt erreichen kann.

B 1.1 Satire – kaum zu fassen

Der Vorteil dieser Kunst ist vor allem, dass sie schwer zu fassen ist. Entzieht sie sich doch – typisch Satire – einer genaueren Beschreibung oder gar Eingrenzung: „Eine Definition für ‚Satire‘ existiert nicht“ schreibt der Jurist und Autor Jan Hedde im SPIEGEL. Es gebe „keinen verbindlichen Katalog von Eigenschaften“, den sie aufzuweisen habe. (Mat. 4).

Entsprechend benötigt Gero von Wilpert in seinem „Sachwörterbuch der Literatur“ elf Adjektive zu ihrer Charakterisierung: „sarkastisch, bissig, zornig, ernst, pathetisch, ironisch, komisch, witzig, humoristisch, heiter, liebenswürdig“. Immerhin ihr Ziel scheint fester umrissen: „durch Aufdeckung der Schäden eine Besserung zu bewirken“. (Mat. 3).

Somit ist es sicherlich eines der dümmsten Argumente gegen eine Satire, ihr zu attestieren, keine zu sein. Diesen Kampf kann sie nur gewinnen.

B 1.2 Der Vorzug des Unernstes

Wie Jan Hedde im SPIEGEL-Artikel schreibt, schafft diese Kunstform eine „Umgebung des Unernsten“, in der Aussagen möglich seien, die im ernsten Rahmen Widerspruch oder gar Gegenmaßnahmen provozieren würden. In ihrer Welt dürfe man nicht auf eine Ordnung hoffen, die einem beistehe. (Mat. 4).

Überspitzung, Pointe und Witz sind sicherlich die erfolgreichsten Waffen der Satire. Wer ausgelacht wird, kann sich schwerlich ernsthaft verteidigen. Sie schafft stets eine Gegenwelt zu herrschenden, als ungerecht empfundenen Verhältnissen, in der man fabulieren und träumen darf. Einem „Faktencheck“ braucht sie sich nicht zu stellen. Gegen den häufigen Vorwurf, „alles ins Lächerliche zu ziehen“, muss sie sich nicht verteidigen – im Gegenteil: Ohne diese Eigenschaft würde sie nicht wirken.

B 1.3 Satire: nicht zweckfrei

Die Satire ist jedoch keine reine „Spaßmacher-Kunst“: „Der Witz ist für Satire das Mittel, für Comedy der Zweck. Satire ist sich selbst nie genug. Satire ist immer Satire auf etwas“, schreibt Jan Hedde (Mat. 4).

Dies ist sicherlich ihre stärkste Option. Während der Komiker die Verhältnisse erträglicher macht, indem er Späße treibt, will die Satire sie ändern. So wird sie durchaus zur ernsten Gefahr der Herrschenden. Reglements, über die gelacht wird, geraten in Gefahr, übertreten zu werden – ja schlimmer noch: Die Frage aufzuwerfen, ob die Regierenden überhaupt noch die Richtigen seien.

In den seltensten Fällen kann Satire allein zu politischen Veränderungen führen, vermag jedoch oft ein Klima zu schaffen, in dem Probleme überhaupt erst bewusst werden, man sich erlaubt, über Unbotmäßiges nachzudenken.

B. 1.4 Idealismus als Waffe

Glaubwürdig wird diese Kunst vor allem durch ihren meist moralisch überzeugenden Ansatz: „Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an“, schreibt Kurt Tucholsky. (Mat.5) Hehre, uneigennützige Ziele wirken auf viele gewinnender als Selbstdarstellung und Machtansprüche.

Sympathie erwirbt sich die Satire auch dadurch, dass sie stets aus der Position des Schwächeren agiert, sozusagen mit der Schleuder Davids den überlegenen Goliath attackiert. Auf Schwächere einzuhauen ist daher keine Satire, sondern Zynismus – eine ihrer wenigen Grenzen.

B 2.1 Was ihr verboten ist

„Darf“ Satire wirklich alles? Natürlich nicht, sagen Juristen wie der bekannte Medienanwalt Christian Schertz: „Ein Blick in die Rechtsprechung ergibt, dass die klare Antwort ‚Nein“ lauten muss.“ (Mat. 6). Die Grundrechte der Meinungs- und Pressefreiheit konkurrieren selbstverständlich mit der verfassungsmäßig ebenso geschützten Menschenwürde. Das Verbot einer staatlichen Vorzensur bedeutet also nicht, dass „Schmähkritik“ nicht sanktioniert werden kann. Entscheidend ist stets die Intention: Geht es vorwiegend um die Sache oder darum, eine konkrete Person oder Menschengruppe herabzusetzen? Beleidigung oder gar Volksverhetzung bleiben daher weiterhin verboten.

Gerade bei „identifizierender Berichterstattung“, so der Deutsche Presserat, müsse stets zwischen dem Interesse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsschutz derer abgewogen werden, die man persönlich attackiert. (Mat. 7)

Allerdings steht unsere Rechtsprechung im Zweifel stets auf der Seite der Meinungsfreiheit – erstaunlich liberale Grundsatzentscheidungen beweisen dies. So entschied das Bundesverfassungsgericht, das Tucholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder“ dürfe durchaus legal verwendet werden.

B 2.2 Lächeln oder Schärfe?

Eine andere Frage ist, wie sehr man das Publikum durch überzogene Schärfe „vergrätzt“. Friedrich Schiller unterschied bereits „lachende und strafende Satire“. Die Erstere meint sicherlich auch Georg Christoph Lichtenberg: „Die feinste Satire ist unstreitig die, deren Spott mit so weniger Bosheit und so vieler Überzeugung verbunden ist, dass er selbst diejenigen zum Lächeln nötigt, die er trifft“. Jean Paul dagegen fordert, „die Toren, die man nicht bessern kann, wenigstens zu bestrafen.“ (Mat. 2)

Gerade Karikaturen sind ein wirksames Mittel der Satire, da Bilder mehr sagen als viele Worte. So stellt Thomas Wizany eine satirische Vollstreckerin dar, die auf den Delinquenten namens „guter Geschmack“ anlegt: „Darf ich?“, fragt sie. „Müssen Sie?“, antwortet der. (Mat. 1) Eine wirksame Umschreibung des Problems!

Sicherlich gibt es auch ungeschriebene Gesetze des guten Benehmens, Äußerungen, welche als „unanständig“ empfunden werden. Diese Abwägung ist ein satirisches Dauerthema: Formuliert man zu scharf und humorlos, verschreckt man die Leser. Setzt man zu sehr auf Witz und Unterhaltung, gerät das angesprochene Problem in den Hintergrund.

Nur: Der häufig gegen diese Kunstform verwendete Satz, einem sei „das Lachen vergangen“, senkt nicht die Wahrscheinlichkeit, es könnte sich um Satire handeln. Im Gegenteil!

B. 2.3 Gegen den Mainstream

Die entscheidende Grenze der Satire ist jedoch, dass sie häufig gegen den „Mainstream“ anschreibt, also Ansichten und Verhältnisse, die von einem Großteil als akzeptabel, ja sogar attraktiv empfunden werden. Hier ein Nachdenken oder sogar einen Umschwung zu bewirken ist ein schwieriges Geschäft:

„Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“, fragt der Satiriker Lichtenberg (Mat. 9).

Daher arten Satiren nicht selten zu Publikumsbeschimpfungen aus – wie bei Kurt Tucholsky, der die Masse als dumme „Griesbreifresser“ tituliert, die es dann auch nicht besser verdienten.

Zweifellos ist das Anrennen der Satiriker gegen Vorurteile und verholzte Einstellungen mühsam und nicht immer erfolgversprechend.

B. 3 Satire – eine Gratwanderung

So wohnt der Satiriker oft zwischen Baum und Borke: Er schreibt gegen etwas an, was herrschende Vorstellung ist – entweder erzwungen oder sogar plebiszitär gerechtfertigt. Ist er zu scharf, liefert er denen Munition, welche sein Tun als „respektlos“ bis „destruktiv“ denunzieren. Oder seine Texte gar nicht erst weiterlesen, da man sie nicht lustig genug findet. Ihn im Extremfall sogar vor Gericht zerren oder gleich ohne Verhandlung einsperren wie in vielen Ländern dieser Welt.

Ist er hingegen zu unterhaltend, verlagert er die Aktivität vom Kopf auf die Schenkel, welche dann ersatzweise beklopft werden. Die Missstände, welche er beheben will, ändert er so nicht.     

Um auf Tucholsky zurückzukommen: Satire kann weniger, als sie darf.

C.   Das Beispiel Helmut Palmer

Die ganze Klaviatur ausgereizt hat eine Person, deren Biografie mich sehr beeindruckt hat: Der schwäbische Obsthändler und Baumschnittexperte Helmut Palmer (Vater des heutigen grünen Oberbürgermeisters von Tübingen, Boris Palmer).

Mit einem unglaublichen rhetorischen Talent hat sich der „Remstal-Rebell“ immer wieder in die Politik eingemischt, propagierte ökologische Ideen schon in den 1950-er Jahren. Seine Reden und Zeitungsanzeigen waren voller satirischer Großangriffe und auch Beleidigungen seiner Gegner, weswegen er oft mit der Justiz in Konflikt kam.

Bei etwa 300 Bürgermeister-, Landtags- und Bundestagswahlen kandidierte er, konnte jedoch zwar Achtungserfolge, aber nie ein Mandat erringen. Erfolglos? Die Historiker sind sich einig: Er hat bei vielen Menschen die Bereitschaft gefördert, sich gegen zu viel staatliche Einmischung und einen trägen, autokratischen Beamtenapparat zu wehren.

Das Einzige, was er konkret erreichte: Die offenen Enden der Straßen-Leitplanken, die oft zu schlimmen Unfällen führten, werden seither in Baden-Württemberg im Boden versenkt – nachdem er öfters und unerlaubt selbst zur Tat geschritten war.
Und seine zunächst verteufelte Methode zum Schnitt von Apfelbäumen ist nun anerkannt.

Kein Zweifel: Satiriker müssen genügsam sein.

P.S. Der reine Text (ohne Gliederung) hat 1464 Wörter.

Freitag, 15. Mai 2020

Die Corona-Schule

In den letzten Wochen quälte mich der Gedanke, auf meinem Lehrer-Blog doch nun endlich etwas dazu schreiben zu sollen, wie sich die Pandemie auf unser zeitweise stillgelegtes Schulwesen auswirken werde.

Sorry – immer wieder machte ich einen Bogen um die Tastatur, da mir jedes Mal nur einfiel: „Was bin ich froh, nicht mehr in diesem Laden arbeiten zu müssen!“ Der klägliche Rest war Zynismus in ähnlicher Preislage…

Aber da mir inzwischen doch einige Gedanken mehr kamen und die Krise nun anscheinend den absteigenden Ast besetzt:

Was ich in erster Linie rasend amüsant finde: Dass unser Bildungswesen nun ausgerechnet von einer Gefahr bedroht wird, der man vor allem mit Hygiene begegnen müsste. Kein Zweifel: Der liebe Gott muss Humor haben!

Dass der durchschnittliche Deutsche von dem Thema eher wenig hält, habe ich bereits an anderer Stelle dargelegt: Nach einer Studie waschen sich hierzulande 27 Prozent nach dem Toilettenbesuch die Hände nur mit Wasser, nicht mit Seife, 7 Prozent gar nicht. Auf den Schülerklos dürften es deutlich mehr sein – zumal dort oft nur Wasser vorhanden ist. Und Handtücher, gar saubere? Die Frage kann nur jemand stellen, der in den letzten 50 Jahren keine Schule mehr von innen gesehen hat!
http://milongafuehrer.blogspot.com/2020/02/tango-und-coronavirus.html

Ich weiß nicht, wie oft ich in meinen Büchern und Artikeln darauf hingewiesen habe, dass man in unserer Kulturnation die Schulen versiffen und vermüllen lässt. Persönlich durfte ich erleben, wie man es in wenigen Jahren fertigbrachte, ein neu gebautes Gymnasium in dieser Hinsicht herunterzuwirtschaften. (Nur bei der Inspektion der Aufsichtsbehörde roch es einen Mittag lang nach frischer Farbe…)

Alarmiert hat das kaum jemand. Das liegt nicht nur am fehlenden Interesse der Schulträger, mal einige Zehntausend Euro in die Hand zu nehmen, um die schulischen Latrinen und andere Gebäudeteile von Entwicklungsländern unterscheidbar zu gestalten. Oder wieder fest angestellte eigene Reinigungskräfte anstatt kirgisischer Putzkolonnen einzusetzen, die den Dreck vornehmlich von einer Ecke in die andere kehren. Beim Spargelanbau ist man ja auch nicht weiter – nur, dass es sich dabei um ein Naturprodukt handelt, welches man vor dem Verzehr abkocht.

Mindestens ebenso schlimm finde ich es, dass man halt im Lande der Katheder jahrein, jahraus davon schwobelt, die Schüler zu Ordnung und Sauberkeit zu erziehen (ich verwende extra diese Begriffe, damit man sich genügend darüber empören kann). Nur findet bei der durchschnittlichen Lehrkraft auf den hundert Metern vom Lehrer- ins Klassenzimmer die Metamorphose von pädagogischer Konsequenz zu jämmerlichem Kneifertum statt. Und in den klassenfernen Büros derer, welche meinen, die Schule zu leiten, ist die Sache eh mit einem Rundschreiben erledigt.

Daher überrascht es mich auch nicht, nun in den Medien Chefs zu erleben, welche sich offenbar erst kurz vor der Wiedereröffnung ihrer Einrichtung mit dem Gedanken befassen, die Schüler könnten dereinst zurückkehren. Ja, was soll man denn jetzt machen – und zudem fehlten noch die genauen Anweisungen vom Ministerium… Ja, das ist die Penne, wie ich sie kannte und liebe – es ist zum Heulen!

Das alles hat nicht nur den Grund, dass selbstständig denkende, selbstbewusste Individualisten selten den Weg von der Uni zurück zur Penne einschlagen: Sie wissen ja, wie es dort zugeht. Unselbstständige Schwarmintelligenzler dagegen zieht es dorthin – aus demselben Grund.

Vor allem aber ist Konsequenz im Reich der Wissensvermittlung der Karriere nicht förderlich. Wenn Sie Fehlverhalten ohne Wenn und Aber sanktionieren, fühlen Sie sich bald wie ein Dissident im früheren deutschen Arbeiter- und Bauernstaat: Ihr Tun und Lassen wird akribisch überwacht sowie ideologisch eingeordnet, und immer öfter landen Sie beim Verhör. So bleibt der Dreck halt weiterhin in der Ecke liegen – auch im übertragenen Sinne.

Infektionsschutz vor Corona? Unser Bildungssystem darf sich glücklich schätzen, bislang nicht von einer Typhusepidemie heimgesucht worden zu sein! Dass ich das Folgende noch erleben darf, verdanke ich der Pandemie: Angeblich nun Seife, Einmalhandtücher und Desinfektionsmittel auf jedem Schülerklo – na, schau’n wir mal, wie lange. Irgendwer müsste das nämlich gelegentlich nachfüllen…

Das gilt ebenso für die Verhaltensweisen zur Infektionsverhütung: Die wären ja mit Konsequenz und notfalls Sanktionen längerfristig durchzusetzen.

Insgesamt sicher ein Lichtblick: Deutschland wird hygienischer. Ich hoffe, unsere Medizin-Statistiker, welche uns derzeit mit geschätzten R-Werten, Lebenserwartungen und Todesraten bei Laune halten, rechnen auch irgendwann mal aus, wie viele andere Infektionskrankheiten dank Corona-Maßnahmen in der nächsten Zeit zurückgehen werden. Bei den Hospitalkeimen jedenfalls gäbe es noch Luft nach unten!

Nun singen wir also das Loblied der digitalen Bildung – wobei manche Sänger leider nicht zur Probe erscheinen: Nach einer Umfrage gibt nur die Hälfte der deutschen Schulmitarbeiter an, praktisch alle Schüler elektronisch zu erreichen – 22 Prozent konnten ein Viertel und mehr auf diese Weise nicht kontaktieren (Quelle: web.de). Damit schneidet Deutschland schlechter ab als Österreich und die Schweiz – und das liegt vor allem an der mangelnden technischen Ausstattung. Dass man damit gerade die sozial schwachen Schülerinnen und Schüler benachteiligt, bestätigt halt eine langjährige Tradition unseres heimischen Bildungssystems.

Ansonsten würde es mich nicht schrecken, die Schulen nicht jeden Werktag gänzlich füllen zu können: Endlich würde das elende Gezerre in den Hintergrund treten, im Unterricht eine halbwegs störungsfreie Atmosphäre zu erreichen. Praktiker dürften ahnen, welcher Anteil an Bildungs-Zeit tagtäglich allein dafür draufgeht! Und im Klassenzimmer könnte man notorische Störer endlich anderthalb Meter auseinander setzen, ohne sich sofort die nächste Elternbeschwerde einzuhandeln. Nicht Pädagogik – Corona macht’s möglich!

Apropos: Das Bombardement aus dem Helikopter dürfte auch deshalb abnehmen, weil die werten Erzeuger und/oder angeheiratet Erziehungsberechtigten endlich einmal merken, welche Nervensägen sie oft der Gesellschaft aufdrängen. Ja, Home Office mit zwei „kleinen Terroristen“ kann auf den Geist gehen. Ich darf nur versichern: Analoges School Office mit bis zu 30 solcher Exemplare ist auch nicht vergnügungssteuerpflichtig!

Und ja – die Damen und Herren Abiturienten dürfen sich nun ziemlich eigenständig auf das vorbereiten, was man früher „Reifeprüfung“ nannte. Für Volljährige natürlich eine Zumutung, sich einmal auch selber um ihre berufliche Zukunft zu kümmern – gar so selbstständig wollte man nun doch nicht sein… Und man muss ja auch noch den Stoff nachholen, den man durch Schwänzerei versäumt hat. Immerhin: Die Freitage hat man ja nun mangels Klima-Demo wieder zur Verfügung.

Und gar ein Abitur ohne Feiern, Bälle, Wasserbomben, Schaumtorten, Besäufnisse und Fahrten zum Ballermann – stattdessen nur die Ablegung einer Prüfung, welche einem mehr Karrieremöglichkeiten eröffnet als ein sonstiges schulisches Examen! Wie armselig und nur mit dem „Not-Abitur“ in Kriegszeiten zu vergleichen! Ein Trost wenigstens: Der nächtliche HJ-Dienst am Flakgeschütz bleibt einem erspart.

Vielleicht – und das wäre meine Hoffnung – erkennt man in diesen Zeiten den gigantischen Nutzen, den Schule hat (oder hätte): Unser Gemeinwesen finanziert zu diesem Zweck immerhin eine Dreiviertelmillion Lehrkräfte. Ich meine, das verpflichtet diejenigen, welche weitgehend kostenlos von diesem Service profitieren, zur Kooperation, zu eigenen Anstrengungen. Bildung ist alles andere als wertlos – man macht sie aber dazu, indem man sie oft geradezu verachtet.

Auf diese Weise hätte man tatsächlich etwas gelernt: in der Corona-Schule.
           
Und vielleicht gehören solche Bilder dann irgendwann der Vergangenheit an – so viel zum „Humboldtschen Bildungsideal“:


Freitag, 3. April 2020

Nur ganz kurz…


„Um eine gute Stegreifrede zu halten, brauche ich drei Tage Vorbereitungszeit.“
(Mark Twain)

Gleich ein Geständnis: Ich bin ein Rhetorik-Junkie. Von einer guten Rede kann ich wochenlang leben – bei einer schlechten möchte ich weinend unter den Teppich kriechen.

Bei der Mehrzahl der Ansprachen, denen ich schon ausgesetzt war, suchte ich verzweifelt nach der Auslegeware, um dem sprachlichen Sondermüll zu entgehen: Sie vereinten meist einen grauenvollen Einstieg mit einem schwachen Schluss – und das dazwischen war viel zu lang und nicht selten unverständlich.

Wie bei vielen satirischen Themen hat uns eigentlich Kurt Tucholsky schon fast alles gesagt. Seine „Ratschläge für einen schlechten Redner“ erschienen 1930. Sie sind heute so aktuell wie damals:

Ich kenne einen Milonga-Organisator, der seine allabendliche Rede vor den Gästen stets mit den Worten beginnt, die ich als Titel gewählt habe. Die kannte schon Tucho:

„Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ...“

Prima – immer schon „drei Meilen vor dem Anfang anfangen“ sowie die Leute fälschlicherweise damit trösten, es werde nicht lang: Zuerst müssen ja die Ehrengäste begrüßt werden – und auch die eigene Vorstellung nebst kurzem Werdegang ist ebenso nötig wie die Darlegung, wie es überhaupt zu Ihrem Auftritt kam und wem Sie dafür alles danken müssen. Auch das Thema Ihres Vortrags sollten Sie kurz umreißen, da man es an Ihrem Text vielleicht nicht erkennen kann.

Ich weiß meistens schon nach den ersten dreißig Sekunden, dass eine Rede nicht funktionieren wird. Das ist nämlich die Zeit, in der die Zuhörer entscheiden, ob es für sie interessant wird oder nicht. Wenn Sie die mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten füllen, haben Sie Ihre große Chance vertan!

Daher: Worüber Sie reden, erkennt man hoffentlich auch, wenn Sie es nicht extra benennen. Und wenn Sie schon jemandem danken oder einen Sponsor erwähnen müssen, geht das gegen Schluss auch noch. An den Beginn Ihrer Ansprache gehört eine Aussage, welche die Zuhörer aufhorchen lässt: Vielleicht eine provokante These, ein treffendes Zitat, ein schönes Wortspiel, eine Anekdote – was auch immer. Auf jeden Fall aber kein umständliches Geschwafel, wieso und wozu Sie überhaupt eine Rede halten wollen (oder müssen). Und dann kommen Sie ohne Umschweife zum Thema!

Zumindest Ihnen selber sollte schon klar sein, worüber Sie eigentlich sprechen wollen – und erst dann überlegen Sie sich maximal fünf Gesichtspunkte, welche Sie unbedingt behandeln wollen. Nicht mehr! Es ist ein häufiger Fehler, ein Thema in lexikalischer Vollständigkeit durchkauen zu wollen. Dann kommen Sätze wie „nebenbei darf ich anmerken“ oder „ergänzend wäre noch zu sagen“ – und der Nebel um Ihre Kernaussagen steigt und steigt…
„Die Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um lebendiges Leben zu hören, sondern das, was sie auch in den Büchern nachschlagen können ... sehr richtig!“

Bei Ihrem Publikum handelt es sich um Zuhörer und nicht eine Versammlung von Stenografen, die alles mitschreiben! Wenn Sie Glück haben, bleibt vielleicht zehn Prozent von dem hängen, was Sie erzählen. Lassen Sie Ihre Rede zusätzlich in Details ersaufen, wird es noch schlimmer! Mit Tucholsky bin ich der (ironischen) Meinung, dass  „viel Statistik eine Rede immer sehr hebt. Das beruhigt ungemein, und da jeder imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten, so macht das viel Spaß.“

Ihre Hauptpunkte dagegen müssen Sie herausmeißeln wie griechische Statuen – je griffiger Ihre Thesen, desto eher bleiben sie haften. Dazu dienen gleichlautende Satzanfänge (Anaphern) oder Satzenden (Epiphern). Und die wickeln Sie Ihrem Publikum gegen Ende in einer Zusammenfassung nochmal um die Ohren!

„Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe.“

Ich meine, eine gute Rede muss stets beides enthalten – je nachdem halt in unterschiedlichem Mischungsverhältnis. Ein sachliches Thema kann man durch kleine Pointen ungemein auflockern – und auch der witzigste Anlass gewinnt sehr, wenn man zwischendurch mal ernst wird. Und ja – man sollte fühlen, dass es dem Redner wirklich nahe geht, was er da erzählt. 

Zum Schluss dürfen Sie gerne im Sinne einer „Captatio benevolentiae“ dem Publikum ein wenig schmeicheln, sich bedanken und mit einer witzigen oder eleganten Formulierung enden. Daran sollten Sie mindestens so lange feilen wie am Einstieg.

Sollte man eine Ansprache vorher schriftlich ausformulieren oder anhand von Stichpunkten frei sprechen?

Tucholskys Ansicht ist da eindeutig:

„Sprich nicht frei – das macht einen so unruhigen Eindruck. Am besten ist es: Du liest deine Rede ab. Das ist sicher, zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel Satz misstrauisch hochblickt, ob auch noch alle da sind.“

Positiv gesagt: „Klare Disposition im Kopf – möglichst wenig auf dem Papier.“

Ich meine, dass es schon auch auf Thema und Länge einer Ansprache ankommt. Auf jeden Fall aber müssen Sie Ihre schriftliche Ausarbeitung probeweise vortragen und dann von einem Schreibstil in einen Sprechstil umformen. Dabei sollte auch ein weiterer Rat unseres großen Satirikers klar werden:

„Hauptsätze, Hauptsätze. Hauptsätze.“
   
In einer Rede ist überhaupt kein Platz für umständliche Satzkonstruktionen, die sich bestenfalls beim Lesen erschließen – oder, wie Tucho es ironisch ausdrückt:

„Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß, wie du schreibst.“

Wenn Sie Ihre Rede dann ein paar Mal probeweise gehalten haben, schauen Sie auf die Uhr: Richtig – sie ist zu lang! Die Hauptursache sind umständliche Formulierungen und Redundanz. Ihre Rede wird nicht besser, wenn Sie alles dreimal sagen – Sie gewöhnen das Publikum nur daran, die ersten zwei Male gar nicht hinzuhören – kommt ja eh nochmal…

Und bedenken Sie: Die Zeitvorgaben, welche Ihnen ein Veranstalter macht, sind Maximalwerte! Wenn Sie es in der halben Zeit schaffen, etwas Zündendes zu bieten, wird Ihnen niemand böse sein – im Gegenteil. Ich meine, es war ebenfalls Meister Tucholsky, der einmal schrieb, der beste Reden-Beginn sei der Satz: „Ich komme zum Schluss.“

Der schlimmste Zwischenruf, der Sie am Anfang ereilen kann, ist die Aufforderung: „Lauter!“

Nach meinem Eindruck kümmern sich die wenigsten Redner um die gute Hörbarkeit – und damit begraben sie von Vornherein Sinn und Zweck ihres Tuns. Wann immer es geht: Machen Sie vorher einen „Soundcheck“, wobei Sie berücksichtigen müssen, dass die Akustik sich in einem vollen Raum verschlechtern wird.

Nach Möglichkeit versuche ich, ohne künstliche Verstärkung auszukommen. Erstens sind Mikrofone technische Geräte, die im Ernstfall gerne versagen, und zweitens verzerren sie die Stimme oft sehr – von Rückkopplungen und Störgeräuschen ganz abgesehen.

Glauben Sie mir: Mit einer guten Sprechtechnik ist man erstaunlich weit hörbar! Dazu gehört vor allem, den Mund aufzumachen anstatt herumzunuscheln. Weiterhin wäre es eine gute Idee, keine Endsilben zu verschlucken und vor allem: langsam zu sprechen. Wenn Sie frei sprechen, geraten Sie auch nicht in Gefahr, mit gesenktem Kopf Ihr Manuskript statt die Zuschauer anzureden. Und modulieren Sie Ihre Stimmlage je nach Aussage: laut, leise, sanft, dramatisch, witzig oder ernst. Vor allem aber: Übertreiben Sie mimisch und gestisch – was sich auf die Nähe überzogen anfühlt, wirkt möglicherweise auf 20 Meter Entfernung noch zu zaghaft. 

Weiterhin eine herzliche Bitte an die Milongaveranstalterinnen: Lassen Sie das hochfrequente Babygequäkse, das wir von weiblichen C-Promis kennen! Fahren Sie Ihre Tonlage um mindestens eine große Terz herunter: Sonore Stimmen klingen erwachsen und daher überzeugend, schrilles Gezeter dagegen wirkt kindlich und daher eher irrelevant.

Was mich bei vielen Rednern nervt wie die Sau sind die Übersprungshandlungen: Klar, verhaltensbiologisch pendelt er zwischen Angriff und Flucht, daher kommen ihm angeborene Aktionen aus anderen Bereichen in die Quere: Umklammern des Pults (Revierverhalten), Richten der Frisur oder Brille, Kratzen am Kopf, (Körperpflege) oder ständiges Herumnesteln am Mikrofon (Beutefang?). Es erfordert viel bewusstes Training, das abzustellen. Und bitte: Lassen Sie stereotype, sich ständig wiederholende Gesten wir das (ein- oder beidhändige) „Dirigieren“!

„Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen – das sind Kinkerlitzchen.“

Auch wenn nur einer spricht, ist es stets ein Dialog mit den Zuhörern. Ein guter Redner spürt, ob er „den Saal im Griff hat“, das Publikum so reagiert, wie er sich das erwartet. Wenn man aber Zwischenapplaus oder einen Lacher möchte, muss man den Leuten die Gelegenheit dazu geben, also eine Pause einlegen. Nochmal: Viele Reden sind zu schnell und geben den Zuhörern zu wenig Gelegenheit, nachzudenken oder hörbar zu reagieren. Sprechen Sie nicht an das Publikum, sondern mit ihm!            

Liebe Leser,

es würde mich freuen, wenn durch meine Tipps die nächste Milonga-Ansage, Geburtstagsrede oder das Referat in Ihrer Firma überzeugender gelänge und Tucholsky somit nicht recht hat:

„Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören – das ist deine Gelegenheit! Missbrauche sie.“



Und hier der Text: