Mittwoch, 23. August 2017

So ein guter Junge



„Der ehemalige Schuldirektor (…) sagte aus, dass das gutartige Kind während der Schulzeit niemals auf Spatzen und deutsche Schriftsteller geschossen habe.“
(Kurt Tucholsky: Prozess Harden, 1922)

Hier meine Übersetzung des Briefs eines Vaters an den Richter, vor dem sein Sohn steht:

Euer Ehren Richter Aaron Persky,

ich schreibe diesen Brief, um Ihnen von meinem Sohn Brock, von der Person, wie er nach meinem Wissen wirklich ist, zu erzählen. Lassen Sie mich zunächst sagen, dass Brock absolut zerstört von den Ereignissen des 17. und 18. Januars ist. Er würde alles tun, um die Uhr zurückzudrehen und diese Nacht noch einmal anders ablaufen zu lassen.

Nach vielen Vier-Augen-Gesprächen, die ich mit Brock seit diesem Tag hatte, kann ich Ihnen berichten, dass ihm das Geschehene in dieser Nacht wirklich leid tut, und all der Schmerz und das Leid, das er für diejenigen verursacht hat, die darin verwickelt und dadurch beeinträchtigt waren. Er hat seine wahrhafte Reue für seine Taten in dieser Nacht zum Ausdruck gebracht. Nachdem wir seit diesem Vorfall mit Brock unter einem Dach leben, kann ich Ihnen aus erster Hand den vernichtenden Eindruck schildern, welches dies auf meinen Sohn hatte. Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich Ihnen gerne einige Erinnerungen an meinen Sohn darlegen, welche die Qualität seines Charakters zeigen.      

Brock hat eine gutmütige Persönlichkeit, die ihn bei fast jedem, den er trifft, beliebt macht. Er war stets eine Person, welche die Leute, ob Männer oder Frauen, gerne um sich haben – und dies von seiner Vorschulzeit bis heute. Ich habe nie erlebt, dass Brock seine Stimme gegen irgendjemand erhoben hätte – und er hat gegen niemanden Vorurteile. Er nimmt die Menschen so, wie sie sind – nicht mehr und nicht weniger. Er hat eine sehr sanfte und ruhige Natur und ein Lächeln, das wirklich anziehend für seine Umgebung ist. Kein einziges Mal hörte ich ihn über irgendeine seiner Leistungen prahlen oder sich rühmen. Er ist schlicht ein sehr bescheidener Mensch, der lieber von den Fertigkeiten anderer hört als über seine eigenen zu sprechen. Brock hat eine innere Kraft und Stärke jenseits all dessen, was ich je gesehen habe. Dies wurde zweifellos durch die vielen Jahre der Schwimmwettkämpfe ausgebaut und war der Hauptgrund dafür, dass er fähig war, die letzten 15 Monate zu bewältigen.

Brock war stets ein äußerst engagierter Mensch, ob es nun Wissenschaft, Sport oder die Entwicklung und Festigung von Bindungen und Freundschaften waren. Brocks Begeisterung für Bildung begann schon in der Grundschule. Meine schönste Erinnerung betrifft meine Mithilfe, Brock für den wöchentlichen Buchstabiertest vorzubereiten. Bei diesen Tests gut abzuschneiden war sehr wichtig für Brock, und er pflegte sich am Tag vorher vorzubereiten, indem er die Wörter auswendig lernte und sich zu vergewissern, dass er alles im Kopf beisammen hatte. Ich musste ihn immer wieder abfragen, nur so war er sicher, beim Test gut abzuschneiden.

Als wir immer am Freitagmorgen zur Schule fuhren, sollte ich ihn zur endgültigen Vorbereitung nochmals prüfen. Ich kann Ihnen versichern, dass Brock bei diesen Prüfungen immer gut abschnitt. Obwohl dieses Beispiel trivial erscheinen mag, war es doch ein frühes Anzeichen für die Wichtigkeit, die er der Schulbildung zumaß. Als er älter wurde und in der Schule weiterkam, benötigte er meine Mitwirkung immer weniger, da er begabt darin ist, sehr komplizierte Zusammenhänge zu begreifen. Diese natürliche Gabe, gepaart mit einer sehr starken Arbeitsethik, führte zu akademischen Erfolgen auf allen Ebenen.  

Brock war gleichermaßen talentiert im Sport und nahm am Baseball, Basketball und Schwimmen teil. Ich war lange während der Grundschulzeit sein Baseball- und Basketball-Trainer und häuslicher Betreuer. Ich war so stolz, als sein Coach mitzumachen und zu helfen, da ich so mehr Zeit mit ihm verbringen konnte. Auch war ich bei vielen Schulausflügen ein Eltern-Begleiter und oft der einzige Vater bei diesen Exkursionen. Selber liebte ich jede Minute davon, weil es ein Vergnügen war, Brock um mich zu haben. Er behandelte stets die anderen Kinder, Eltern und Lehrer mit Respekt. Ich werde die Erinnerung an diese Jahre für immer in meinem Herzen bewahren.

Ende des Sommers vor Brocks letztem Jahr an der High School bewarb er sich an der Stanford Universität mit dem Traum, sowohl seine akademischen wie sportlichen Talente auf ein neues Niveau zu heben. Brock hatte eine Menge Angebote von vielen Trainern der ersten Liga wegen seiner Erfolge im Schwimmen und seinen hervorragenden Schulnoten.

Viele College-Trainer hatten Interesse an Brock wegen seiner gesamten Arbeit, die er repräsentierte. Dennoch war Stanford stets seine erste Wahl und der ultimative Preis für jemanden, der so lange hart gearbeitet hatte. Er besuchte diese Universität im Sommer 2011 erstmals mit mir zwischen den ersten beiden Jahren an der High School. Brock war dort, um am ersten nationalen Schwimmwettkampf teilzunehmen (USA Junior Nationals). Wir waren beide beeindruckt vom Campus, den Schwimmeinrichtungen und der reichen Geschichte, welche diese Universität repräsentiert. Ich erinnere mich, Brock gegenüber damals geäußert zu haben, dies wäre doch ein großartiger Platz, zur Schule zu gehen. Es waren die Schwimmer, die Stanford besucht hatten.

Dieser erste Eindruck von Stanford hinterließ einen bleibenden Eindruck auf Brock. Unsere Familie war voller Stolz und Freude, als wir Ende 2013 erfuhren, dass Brock von Stanford eine Zusage erhalten hatte. Das war für ihn ein herausragendes Ereignis, da wir wussten, wie viel er gearbeitet hatte, um diesen Punkt zu erreichen. Was uns am stolzesten machte, war die Tatsache, dass Brock für das wissenschaftliche Studium zugelassen wurde, bevor wegen seiner sportlichen Ausbildung entschieden werden konnte. Dies war besonders bedeutsam angesichts der Rate von 4 Prozent Zusagen in diesem Jahr.

Brock erhielt ein 60-prozentiges Stipendium für seine Schwimmausbildung. Sogar bei einem derart großzügigen Angebot wussten meine Frau und ich, dass es für unsere Familie eine finanzielle Anstrengung werden würde, Brock in Stanford studieren zu lassen, aber wir waren entschlossen, es hinzubekommen, da wir den Wert einer Ausbildung in Stanford kannten. Als Brocks letztes Jahr an der High School zu Ende ging, war er bezeichnenderweise bescheiden, was seine Zulassung in Stanford betraf, und arbeitete bis zur letzten Minute hart im wissenschaftlichen Bereich und beim Schwimmen.

Als Carleen und ich Brock im September 2014 nach Stanford brachten, um sein erstes Studienjahr zu beginnen, fühlten wir beide, dass er umfassend auf diese Erfahrung vorbereitet war. Er hatte an vielen nationalen Lehrgängen und Wettkämpfen im Schwimmen teilgenommen und kam damit zurecht, weg von Zuhause zu wohnen. Wir waren sehr aufgeregt, als Brock sich in Stanford für das erste Vierteljahr als brandneuer Athletikstudent niederließ. Er zeichnete sich in der Schule aus, da er im Schwimmteam den besten Notendurchschnitt aller Erstsemester erreichte.

Was wir nicht erkannten, war das Ausmaß des Kampfes, den Brock so weit von daheim führte. Brock arbeitete hart, um den harten Ansprüchen von Schule und Schwimmen zu genügen. Als er in den Weihnachtsferien zu Hause war, brach er zusammen und erzählte uns, wie sehr er darum kämpfte, sozial akzeptiert zu werden und dass er nicht gerne so weit von zu Hause weg war. Er war nahezu aufgelöst, da er wusste, dass er bald aus den Weihnachtsferien zu einem Schwimm-Trainingslager musste.

Wir überlegten sogar, ob es richtig wäre, ihn ins Wintersemester nach Standford zurückzuschicken. Im Rückblick ist es klar, dass Brock sich verzweifelt bemühte, sich in Stanford einzufügen, und er in die Kultur von Alkoholkonsum und Partys geriet. Diese wurde maßgeblich beeinflusst durch viele ältere Studenten im Schwimmteam und spielte eine Rolle bei den Ereignissen des 17. und 18. Januar 2015.

Wenn wir auf Brocks kurze Erfahrung in Stanford zurückblicken, glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass sie ihm guttat. Er war zwar akademisch und sportlich vorbereitet, aber es war schlicht zu weit weg von daheim für jemand, der im Mittleren Westen geboren und aufgewachsen ist. Er brauchte die Nähe von Familie und Freunden als Unterstützung.

Wie es jetzt steht, hat sich Brocks Leben durch die Ereignisse des 17. und 18. Januar tiefgreifend und für immer geändert. Er wird nie wieder dieses sorglose Selbst mit seiner gutmütigen Persönlichkeit und diesem einladenden Lächeln haben. Jede wache Minute ist für ihn erfüllt mit Sorge, Angst, Furcht und Depression. Man kann es an seinem Gesicht sehen, in der Art, wie er geht, seiner schwachen Stimme und seinem Appetitmangel. Brock liebte immer bestimmte Gerichte und ist selbst ein guter Koch. Ich war immer darum bemüht, ihm ein großes Ribeye Steak zum Grillen oder seinen Lieblingsimbiss zu besorgen. Ich musste stets meine Lieblings-Brezeln oder Chips verstecken, da ich wusste, sie würden nicht lange herumliegen, wenn Brock nach einem langen Schwimmtraining heimkam. Jetzt isst er kaum irgendetwas und das nur, um zu existieren.  

Diese Verurteilungen haben ihn und unsere Familie in vieler Hinsicht erschüttert und zerbrochen. Sein Leben wird nie das sein, von dem er geträumt und für das er so hart gearbeitet hat. Das ist ein gesalzener Preis für 20 Minuten Action in seinem mehr als zwanzigjährigen Leben. Die Tatsache, dass er nun für den Rest seines Lebens als Sexualtäter registriert ist, ändert für immer, wo er leben, hinkommen und arbeiten, wie er mit Menschen und Organisationen zusammenwirken kann.

Ich weiß als Vater, dass Einsperren nicht die passende Strafe für Brock ist. Er hat keine kriminelle Vergangenheit und war nie gewalttätig zu irgendjemand, einschließlich seiner Taten in der Nacht vom 17. zum 18. Januar 2015. Er kann so viele positive Dinge für die Gesellschaft beitragen und ist völlig damit beschäftigt, andere Studenten im College-Alter über die Gefahren von Alkoholkonsum und Promiskuität aufzuklären.

Wenn Menschen wie Brock andere auf den auf den Colleges unterrichten, dann kann die Gesellschaft damit beginnen, den Teufelskreis von Komasaufen und seinen unglückseligen Folgen zu durchbrechen. Bewährung ist in dieser Situation die beste Antwort für Brock und erlaubt es ihm, der Gemeinschaft netto und in positiver Weise etwas zurückzugeben.

Mit respektvoller Hochachtung
Dan A. Turner

Die Tatsachen:

Der damals 19-jährige Brock Turner hatte auf der Party einer Studentenverbindung eine junge Frau kennengelernt. Als diese stark betrunken und bewusstlos war, vergewaltigte er sie. Auch der Täter war alkoholisiert. Er wurde von zwei anderen Studenten in flagranti ertappt und der Polizei übergeben.
Er behauptete zunächst, die Frau nicht zu kennen. Später war seine Version, sie sei mit dem Sex einverstanden gewesen.
Vor Gericht wurde Brock Turner schuldig gesprochen. Der Staatsanwalt forderte 6 Jahre Haft. Der Richter, selbst ein ehemaliger Absolvent der Stanford University, verurteilte ihn lediglich zu 6 Monaten Gefängnis mit der Aussicht auf Bewährung nach der Hälfte der Haftdauer. Von der Universität wurde er ausgeschlossen.
Der Prozess erregte in den USA großes Aufsehen. In einer Online-Petition forderten 800000 Unterzeichner die Absetzung des Richters.

Mein Kommentar:

Der obige Brief des Vaters von Turner hatte also durchaus Erfolg. Für mich ist er einer der gruseligsten Texte, die ich je gelesen habe. Er beschreibt, wie man solche Menschen züchtet: Von klein auf musste der Sohn verstiegenste Erwartungen von Papi erfüllen und hatte keine Chance auf seine eigenverantwortliche Entwicklung. Als die „Fernsteuerung“ dann für ein paar Monate aussetzte, kam es zur Katastrophe. Herr Turner senior wurde für sein Schreiben öffentlich stark angegriffen. Er entschuldigte sich mit einem typisch männlichen Argument: Man habe ihn missverstanden…

Die Partys der Studentenverbindungen werden inzwischen auch von diesen selbst als Problem erkannt: Man kommt dort auch unter der legalen Grenze von 21 Jahren an Alkohol. Jede fünfte Studentin gibt an, an der Uni schon einmal sexuelle Gewalt erfahren zu haben.

Vom Opfer ist in dem Brief des Vaters nicht direkt die Rede. Vor Gericht las die junge Frau ein Schreiben an den Täter vor, das es auch in deutscher Übersetzung gibt (siehe Quellen). Unter anderem heißt es da:

„Ich wurde malträtiert mit komponierten, gezielten Fragen, die mein Privatleben sezierten; Liebe, Leben, Vergangenheit, Familienleben, dumme Fragen, die triviale Details aus meinem Leben aufwarfen, um eine Entschuldigung für diesen Typen zu finden, der mich halbnackt ausgezogen hatte, bevor er sich für meinen Namen interessierte. Nach einem körperlichen Missbrauch wurde ich mit Fragen missbraucht, die designt waren, um mich zu attackieren, um zu sagen, seht, ihre Fakten stimmen nicht überein, sie spinnt, sie ist praktisch eine Alkoholikerin, sie wollte vielleicht abgeschleppt werden, er ist ein Athlet, richtig, sie waren beide betrunken, was auch immer, das Spital-Zeug, an das sie sich erinnert, ist nach dem Vorfall, warum sollte man es in Betracht ziehen, für Brock steht viel auf dem Spiel, es ist für ihn eine richtig schwere Zeit. (…)

Und zu guter Letzt, an alle Mädchen überall, ich bin an eurer Seite. In den Nächten, wenn ihr euch alleine fühlt, bin ich mit euch. Wenn die Leute an euch zweifeln oder euch zurückweisen, bin ich mit euch. Ich habe jeden Tag gekämpft für euch und ich werde nie aufhören für euch zu kämpfen, ich glaube euch. Wie die Autorin Anne Lamott einmal geschrieben hat: «Leuchttürme rennen nicht über die ganze Insel, um nach Booten Ausschau zu halten, die es zu retten gilt. Sie stehen einfach da und leuchten.»

Obwohl ich nicht jedes Boot retten kann, hoffe ich, dass ich euch ein bisschen Licht spenden kann, indem ich jetzt hier spreche. Ein kleines Zeichen, damit ihr wisst, dass man euch nicht zum Schweigen bringen kann, eine kleine Befriedigung, dass etwas Gerechtigkeit geschehen ist und ein klein wenig Sicherheit, dass wir ein Schrittchen vorwärtskommen. Und das große, wirklich große Signal, dass ihr wichtig seid, nicht in Frage gestellt werden dürft, dass ihr unberührbar seid, dass ihr schön seid, dass ihr zu wertschätzen und zu respektieren seid und zwar vollkommen und jede Minute des Tages. Ihr seid kraftvoll und niemand kann euch das wegnehmen.

An all die Mädchen überall: Ich bin mit euch. Vielen Dank.“

Quellen:
http://www.watson.ch/International/watson-Leser%20empfehlen/857792001-%C2%ABDu-kennst-mich-nicht--aber-du-warst-in-mir-drin%C2%BB-%E2%80%93-Ein-Lesebefehl-f%C3%BCr-alle-jungen-M%C3%A4nner

Montag, 24. Juli 2017

Zimtschnecken und Glücksmomente



„Und die meisten Toggenburger fanden:
Endlich hätten sie das Stück verstanden.“
(Erich Kästner: Hamlets Geist)

Mit der Kultur in unserer Kreisstadt Pfaffenhofen an der Ilm ist das so eine Sache: Als Transporteur ästhetischer Anliegen kommt dort nur zu Wort oder Tat, wer von einem Trust kommunaler Juroren für würdig befunden wird.

Der ortsansässige Autor Steffen Kopetzky (immerhin mit einem eigenen Wikipedia-Eintrag) hat das Glück, als städtischer Kulturreferent sowohl Bestimmer als auch Auserwählter zu sein.

Daher werden seine Auftritte in der Hallertauer Region von der regionalen Presse stets ausgiebig gewürdigt. Ein Kritiker des „Pfaffenhofener Kuriers“ hat die sich einzustellende Begeisterung über das neuste Schaffen des Meisters in Worte gekleidet, welche mir heute schon zum Frühstück via Lachanfall den ganzen Tag verschönten. Wohl unbeabsichtigt gelang dem Reporter eine glitzernde Satire auf den provinziellen Kunstbetrieb.

Zur Sache: Der Braunschweiger Kunstprofessor Wolfgang Ellenrieder hat eine „begehbare Installation“ geschaffen, welche er „Kiosk des Glücks“ nannte. Leider passte das Dingen zwar schon vor die Münchner Pinakothek der Moderne, jedoch nicht in die Pfaffenhofener Kunsthalle (was man durchaus metaphorisch verstehen könnte).

Dies hinderte den örtlichen Literatur-Doyen allerdings nicht daran, wenigstens zum Katalog einen „Essay in drei Schichten“ mit dem Titel „Knoten meiner schlaflosen Nächte“ zu verfassen. Erwähnenswert scheint dem Reporter auch, dass Kopetzky für die Gäste lediglich zwölf Stühle herbeigeschafft hatte, sich dann aber auf Bierbänke verlegen musste, auf dass die rund 50 Zuhörer schließlich sitzen konnten. (Nun gut, meine Zauberauftritte bei der Pfaffenhofener Gartenschau lockten zirka 200 Zuschauer an, was der Presse nicht eine Zeile Bericht wert war…).

Kopetzky spannte wohl in seinen Essays einen weiten Rahmen – von zufälligen Begegnungen auf einem Literaturfestival in Indien bis zur Frage, warum man nix mehr lesen kann, wenn man alle Buchstaben einer Geschichte übereinander druckt. Oder ob eine Erzählung noch verständlich sei, wenn sie nur aus dem Satz bestehe: „Als er aufwachte, war der Dinosaurier immer noch da.“ Ebenfalls aus dem Mesozoikum dürfte ein bekannter jiddischer Witz sein, den der Autor ebenfalls für mitteilenswert hielt und – da der Journalist ihn offenbar kapierte – immerhin eine halbe Spalte der Kritik füllt.

Zeitweise fühlte man sich angeblich auch in die „Atmosphäre eines indischen Hotel-Bistros“ oder die „Raucherlounge des Flughafens von Abu Dhabi“ versetzt. Auf solche Zusammenhänge muss man erstmal kommen! Und, wie wahr und dringend nötig: „Immer wieder greift der Sprachästhet zur Semantik“. Kann man statt „Milch“ nicht auch „Leiter“ sagen? Muss man doch mal fragen dürfen…

Immerhin des Autoren Gattin habe das bereits begriffen und einen Gefrierbeutel mit Zimtschnecken als „Schinken“ beschriftet. Für den Zimt, so die abschließende frohe Presse-Botschaft, gab es „begeisterten Applaus“. Dies freilich lässt uns an einer Kernbotschaft des Schriftstellers zweifeln:

„Kein Wort ist notwendig.“

(Quelle: http://www.donaukurier.de/lokales/pfaffenhofen/Kleine-Gl-uuml-cksmomente;art600,3471484)

Mittwoch, 12. Juli 2017

Gaga 20



„Der königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande.“
(Ludwig Thoma: Der Vertrag)

Über die Ereignisse des letzten Wochenendes in Hamburg ist weiß Gott schon genügend geredet und geschrieben worden – selbst von Leuten, welche davon etwas verstehen.

Glücklicherweise kann ich mir daher die Empörung über den dort grassierenden Mob und die Verwüstung ganzer Stadtviertel schenken – ebenso wie über die Arroganz und Abgehobenheit, eine internationale Konferenz mit zirka 10000 Teilnehmern nur wenige Steinwürfe (!) von einem Zentrum linksextremen Gedankenguts zu veranstalten, wo sich der Senat der Freien und Hansestadt schon seit Jahrzehnten im Ertragen von Gesetzesbrüchen übt.

Weiterhin fällt es mir als gelerntem Sozi leicht, ein Loblied auf die Versammlungsfreiheit zu singen – diese und andere Grundrechte sind ja im besten Staat, den es je auf deutschem Boden gab, zumindest grundsätzlich nicht mehr strittig.

Ob aufgeplusterte Treffen wie der  G 20-Gipfel sinnvoll und zielführend sind, darf gerne bezweifelt werden – und natürlich sah Hamburg eine Vielzahl sympathischer und bedenkenswerter Protestaktionen.

Aber vielleicht ist es mir in meinem Alter gestattet, Jüngere darauf hinzuweisen, dass es Zeiten gab, in denen sich die Mächtigen nicht zu persönlichen Gesprächen trafen, sondern (wenn überhaupt) ihre Botschafter mit der Kriegserklärung schickten.

Gar nichts damit zu tun hat es allerdings, dass es heute für junge Leute unter dreißig insbesondere vier Möglichkeiten gibt, einen erhöhten Testosteronspiegel, verbunden mit abgrundtiefer Dummheit sowie grenzenloser Egozentrik, auszuleben:

·         Man kann unter fälschlicher Berufung auf Fußball-Interesse als Hooligan anderen jungen Männern (bei deren Abwesenheit ersatzweise Polizeibeamten) die Nase einschlagen. Die Presse bezeichnet solche Kreaturen gerne als „Fans“.
·         Eine vorgebliche „nationale Gesinnung“ reicht als Rechtfertigung, Asylbewerber-Unterkünfte abzufackeln. In den Medien werden solche Dummdödel korrekt „Neonazis“ genannt.
·         Die vorgeschobene „motorsportliche Begeisterung“ führt dazu, mit aufgemotzten Boliden in Innenstädten wettbewerbsmäßig andere Verkehrsteilnehmer totzufahren. Journalisten nennen solche Existenzen zutreffend „Raser“.
·         Eine behauptete „antikapitalistische Gesinnung“ nimmt ein wohlstandsverwahrlostes, pseudoproletarisches Gschwerl zum Anlass, ganze Stadtviertel in Schutt und Asche zu legen. Die politisch korrekte Bezeichnung hierfür lautet „linke Aktivisten“.

Während die anderen Betätigungen wenigstens etwas Aufwand und Risiko beinhalten (Erwerb von Karten fürs Stadion, gesellschaftliche Verachtung bzw. Ankauf teurer Autos), wird bei einen Wochenend-Urlaub für Barrikaden-Rambos eine gepflegte Infrastruktur geboten:

Organisation der Reise, Kost, Logis und Versorgung mit Requisiten scheinen generalstabsmäßig von lokalen und überregionalen Netzwerken organisiert zu sein – sozusagen „All inclusive“ mit „All you can throw“-Garantie für den smarten Marodeur von heute… Dazu ein eigener Sanitätsdienst sowie anwaltliche „Nothilfe“, falls ein selbstredend unschuldiger Junge doch einmal festgenommen werden sollte!

Ich habe in den letzten Tagen stundenlang im Internet Bilder der Ereignisse angesehen – mithin also sehr schlimme Dinge. Das Grauenhafteste war jedoch ein Video, in dem eine Vertreterin des „anwaltlichen Notdiensts“ Hamburgs sich um Kopf und Kragen redet. Ich konnte wegen immer wieder aufkommender Übelkeit erst heute das Dokument insgesamt ansehen und mit sich sträubender Feder etliche Einlassungen mitschreiben:



Die Rechtsanwältin Gabriele Heinecke lässt an Staat und insbesondere Polizei kein gutes Haar: Letztere habe „Fake News“ verbreitet, „rede die Zustande herbei“ – ein Staat allerdings (wohl im Gegensatz zu Anwälten) „darf nicht mit Lügen arbeiten“. Auch ihr selbst ist offenbar schweres Unrecht widerfahren: Trotz Anwaltsleibchen sei sie bei Demonstrationen „geschubst worden“.

Die Demonstration „Welcome to Hell“ am letzten Freitag beschreibt sie so: „Es war am Anfang eine spielerische, eine freundliche, eine solidarische Situation“. Nachdem der „Schwarze Block“ sich bekanntlich weigerte, die Vermummungen abzunehmen, stellt sie die Situation wie folgt dar: „Das Versammlungsgesetz sieht vor, man darf nicht vermummt demonstrieren, aber die waren gerade dabei, sich die Sachen abzulegen, um die es ging.“ (…) „Es war eine Orgie der Gewalt von Seiten der Polizei.“  Erst danach seien Böller und Flaschen geworfen worden.

Die Schuldfrage ist für sie eindeutig: „Das polizeiliche Vorgehen zur Zeit gleicht einem Vorgehen in einem Bürgerkrieg, gleicht dem Niederschlagen eines Aufstands, der gar nicht da ist.“

Insgesamt zeigt die Dame ein Rechtsverständnis, welches eigentlich bereits das Bestehen des Ersten Staatsexamens hätte verhindern müssen (aber eventuell gibt es ja in Deutschland auch schon sehr spezielle juristische Fakultäten…). Ihr Satz ist angesichts der Situation unsäglich: „Gegen eine friedliche Demonstration darf nicht eingegriffen werden.“

Vielleicht wenigstens ein bisschen rechtliche Nachhilfe:

Der Artikel 8 GG lautet:
(1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.
(2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

Eine solche Eingrenzung liefert das Versammlungsgesetz, § 17a:

(2) Es ist auch verboten,

1. an derartigen Veranstaltungen in einer Aufmachung, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern, teilzunehmen oder den Weg zu derartigen Veranstaltungen in einer solchen Aufmachung zurückzulegen,
2. bei derartigen Veranstaltungen oder auf dem Weg dorthin Gegenstände mit sich zu führen, die geeignet und den Umständen nach dazu bestimmt sind, die Feststellung der Identität zu verhindern.

(4) Die zuständige Behörde kann zur Durchsetzung der Verbote der Absätze 1 und 2 Anordnungen treffen. Sie kann insbesondere Personen, die diesen Verboten zuwiderhandeln, von der Veranstaltung ausschließen.

Selbst wenn also die Klientel der Frau Anwältin „gerade dabei“ gewesen sein sollte, „sich die Sachen abzulegen“ – sie hätte ihren Mummenschanz nicht mal mit zur Demonstration nehmen dürfen!

Weiterhin wird immer so getan, als betrachte man eine Wirtshausrauferei, bei der die Kontrahenten sich auf Augenhöhe beharken. Nein, hier hat nur die eine Seite das Gewaltmonopol nach ständiger Rechtsprechung des BGH gibt es kein Notwehrrecht gegen hoheitliches Handeln:

https://www.alpmann-schmidt.de/downloads/entscheidung_monat_201510.pdf
 
Noch aufschlussreicher ist jedoch, was Frau Heinecke nicht sagt: Zu den schrecklichen Bildern des Abends dieses Tages (7.7.) findet sie in ihrer Stellungnahme einen Tag später keinerlei Worte. Dafür aber zum Abschluss:
„Wir brauchen Meinungsfreiheit, wir brauchen Versammlungsfreiheit, wir brauchen keinen Polizeistaat.“

Noch Bemerkenswerteres äußert der Anwalt des linksautonomen Zentrums „Rote Flora“, Andreas Beuth:



Nach einem Sturm der Entrüstung ist der Herr inzwischen mit einem typischen Juristenargument zurückgerudert: Er sei missverstanden worden. Nun, dies zeigt immerhin, dass selbst solche Leute noch geistig erreichbar sind, wenn ihnen Zustimmung und Sympathie drastisch wegbrechen…


Nochmal und mit bitterem Ernst: Dies sind „Organe der Rechtspflege“ – aber ihre pflegerische Bemühung kann sich natürlich nicht auf Lappalien richten wie ruinierte Ladenbesitzer und kleine Leute, die sich nun dank verschmorten Automobils überlegen müssen, wie sie zur Arbeit kommen. Ihre Fürsorge hat sich zuvörderst auf die wahrhaft unschuldig Verfolgten zu richten: Schließlich mussten, wie Frau Heinecke wortreich beklagt, ihre hochmögenden Klienten zum Teil stundenlang auf den Ermittlungsrichter warten: ein eklatanter Verstoß gegen die Menschenrechte!



Frau Heinecke spricht  von der „Polizei, die die Herrschaft in der Stadt übernommen hat“. Wie froh wären viele Hamburger gewesen, hätte sie recht gehabt!


Ich weiß wirklich nicht, wem ich den höheren Gagaismus zubilligen soll: den Brandstiftern vom Schwarzen Block oder ihren Servicekräften in den gleichfarbigen Roben…