Mittwoch, 25. Juli 2018

Kommentarfunktion


Achtung: Wegen eines hartnäckigen Trolls ist die Kommentarfunktion derzeit deaktiviert. Sie können mir aber Ihre Anmerkungen per Mail zusenden: mamuta-kg(at)web.de. Ich lade sie dann für Sie hoch!

Weiterhin gilt: Aus Ihrem Beitrag muss Ihr wahrer und voller Name hervorgehen.  Unterlassen Sie bitte beleidigende und herabsetzende persönliche Angriffe! Nur Anmerkungen, welche diese Voraussetzungen erfüllen, werden veröffentlicht.

Montag, 9. Juli 2018

Es nuschelt und tschillert


In zwei bemerkenswerten Artikeln hat die „Süddeutsche Zeitung“ nun ein Thema aufgegriffen, das mich schon länger beschäftigt: Um den „guten Ton“ scheint es im „Tatort“ und anderen Unterhaltungsproduktionen immer weniger zu gehen. Man kriegt die Dialoge schlichtweg oft nicht mit.

Im Beitrag vom 2.6.18 gab man noch eher dem (älteren) Zuschauer die Schuld – Stichwort ungeeignete Empfangsgeräte plus deren Einstellung. Immerhin aber stellte man damals schon fest, es könnte eventuell auch an den Schauspielern respektive der Aufnahmetechnik liegen: Im Münchner Polizeiruf ‚Der Tod macht Engel aus uns allen‘ aus dem Jahr 2013 waren die Schauspieler kaum zu verstehen. Der Bayerische Rundfunk rechtfertigte die Tonprobleme so: Die Schauspieler hätten ohne konkrete Vorgaben ‚ihren improvisatorischen Spielimpulsen spontaner folgen‘ können.“

Zudem ist wohl eine gute Sprechtechnik dramaturgisch nicht mehr erwünscht, so der Sender: „Wenn Regisseure wie im Theater sprechen lassen, sind die Dialoge zwar verständlicher, dafür leidet unter Umständen die Glaubwürdigkeit der Inszenierung."
Folglich legt man Wert auf „authentisch-umgangssprachliche Dialoge, realistische Milieuschilderungen" und dialektgefärbte Gespräche".


Im Artikel vom 26.6.18 lässt man einen Zuschauer zu Wort kommen:  
„Der Hintergrundton überdeckt die Gespräche. Die Lautstärkewechsel (...) sind teilweise unerträglich." An seinem Gehör allein liege es nicht, „da andere Sendungen wie Nachrichten, Talkshows, Kommentare und Dokumentationen keine Probleme bereiten."

Nunmehr diskutiert man die Anpassung an die „Seherwartung der Kernzielgruppe der 14- bis 49-Jährigen“ mit  „dynamischen, kurz geschnittenen Szenenfolgen" und einer deutlich erhöhten Erzählgeschwindigkeit. Anders ist offenbar die schwindende Gruppe der Jüngeren nicht mehr an der Glotze zu halten. Und die Ollen sollten halt die Untertitel zuschalten.


Offenbar ging das Vertretern meiner Generation nun doch über die Hutschnur – heute veröffentlichte die SZ etliche Leserbriefe zum Thema:

Man regte sich schon einmal auf, pauschal als „Hör- und Sehgeschädigte beleidigt und diffamiert“ zu werden. Und weiter:

„Krimis sind bei uns schon seit längerer Zeit gestrichen, da auch hier die Musik wahnsinnig laut, die Dialoge meist nur genuschelt und die Bildfrequenzen meist viel zu schnell sind.“

Und früher ging es ja auch noch anders: „Vor Kurzem ein neuer Tatort mit der üblichen Unverständlichkeit von einem Drittel, unmittelbar darauf eine Tatortwiederholung von 1980 mit Bayrhammer/Fischer mit annähernd voller Verständlichkeit.“

„Müssen Wortbeiträge mit einem Lärm (ich weigere mich, so etwas Filmmusik zu nennen) übertüncht werden bis zur Unhörbarkeit?“

Und auch die „authentisch-umgangssprachlichen Dialoge“ bekommen ihr Fett ab:

„Das akustische Phänomen begann vor langer Zeit, als die Sparte Fernsehspiel sich vorgenommen hatte, den sogenannten Theaterton und seine künstlich ausgestellte Sprache abzuschaffen, um einer authentischen, beiläufigen Sprechweise Platz zu machen – dem Medium durchaus angemessen; auch im Theater selbst hat das ‚uneigentliche‘ Sprechen seinen Platz gefunden. Inzwischen jedoch hat man diese Sprechweise gnadenlos überkultiviert - die DarstellerInnen unterbieten sich geradezu darin, ihren Ton aufs Allerbeiläufigste herunterzudimmen und jeden noch so kleinen Spannungsbogen flachzunuscheln, wobei häufig die nicht stattgehabte Sprechausbildung leider als Qualität behauptet wird.“


Ich gestehe, dass meine nostalgisch-positiven Erinnerungen an die Reihe „Tatort“ noch auf Charakteren wie Hansjörg Felmy („Kommissar Haferkamp“) fußen. Seit viele der heutigen Ermittler fast so gebrochene Typen darstellen wie die von ihnen zu fassenden Ganoven, überzeugen mich Drehbücher und Charaktere immer weniger. Und wenn ich immer wieder sehen muss, wie statt des SEK eine junge Beamtin solo und mit vorgehaltener Waffe ins Verbrecherquartier stürmt, muss ich herzlich lachen anstatt vor Spannung zu erschauern.

Und es liegt bei den Schauspielern nicht an der „natürlichen Spielweise“, sondern schlichtweg daran, dass wohl Sprechtechnik an den Ausbildungsstätten nicht mehr besonders ernst genommen wird. Da schließe ich mich der „FAZ“ an, welche zum Thema schreibt: „Den Tonmeister des Films wird man für die Sprachqualität des ‚Tatorts‘ freilich kaum verantwortlich machen können. Vielleicht wäre ein Besuch beim Logopäden empfehlenswert.“


Und ich möchte mich gar nicht an dem seinem Namen leider nur bedingt Ehre machenden Til Schweiger alias „Nick Tschiller“ abarbeiten – wie man am folgenden Trailer sieht, spielen Dialoge in diesen Produktionen eh keine entscheidende Rolle:



Zudem „tschillert“ es in vielen Produktionen – am wenigsten übrigens beim Münsteraner „Tatort“ mit dem herrlichen „Cat and Dog“-Duo Börne und Thiel. Das Drehbuch ist so gut, dass man es doch nicht völlig vernuscheln und mit Musik totdröhnen möchte.

Apropos: Ohne das, was man wohl optimistisch für „Filmmusik“ hält, geht wohl gar nichts mehr. Da offenbar gerade jüngere Zuschauer die Bedeutung eines Dialogs nicht mehr ohne Weiteres ergründen können, pfeffert man über jeden Satz irgendein dümmliches Georgel, welches dann fallweise Dramatik, Trauer oder Brünstigkeit transportieren soll. Der genaue Text hat dann eh keine Chance mehr, was für manche Drehbuchautoren mit der Lebenserfahrung eines abgebrochenen Soziologiestudiums durchaus einen Gnadenerweis bedeuten kann.

Einen ähnlichen Effekt, den man als „Mickey Mousing“ bezeichnet, beobachtet man übrigens verstärkt bei Dokumentationen: „Eine Filmmusiktechnik, bei der Geschehnisse im Film punktgenau von Musik begleitet werden. Diese oftmals stark akzentuierten musikalischen Elemente finden in dieser Form vor allem in frühen Zeichentrickfilmen von Walt Disney Verwendung.“


Das hört sich dann eventuell so an:

„Die Sonne (bizzel, sprazzel), seit Milliarden von Jahren (orgel) Zentrum unseres heimischen Planetensystems (hui, zisch), mit der heimischen Erde als Hort unseres Lebens (fidel), hat sich wie das gesamte Universum (orgel) seit dem Urknall (rumms, wummer)…“
Dabei könnte ich mir mit begrenzter Fantasie durchaus vorstellen, dass der „Big Bang“ ziemlich heftig war!

Für Jungschauspieler könnte sich jedenfalls eine gute Sprecherziehung durchaus lohnen. Mühelos habe ich im Internet einfache Tipps wie den folgenden gefunden:



Abschließend gestehe ich gerne, ein „Sprach-Junkie“ zu sein: Gute Texte erhöhen meine Lebenserwartung, schlechte Rhetorik macht mich krank. Und nachdem ich mich zum Finden eines Beispielvideos durch schlimme Miesnuschel-Sequenzen quälen musste, sei mir abschließend etwas Kompensation erlaubt. Ja, ich weiß, total altmodisch – und vielleicht gerade daher eine Hommage an das, was uns Sprache geben kann:





Freitag, 1. Juni 2018

Warum ich sicher nicht mehr Lehrer würde


Wieso ich diesen Beruf überhaupt ergriffen habe? Ich arbeite gerne „vor Publikum“: Vor Menschen aufzutreten, ihnen etwas „vorzuführen“ (egal, ob Chemie-Experimente oder Zauberkunststücke) hat mich schon immer fasziniert. Die Sprache ist für mich ein tolles Medium: die Aufmerksamkeit von Zuhörern zu gewinnen, Zusammenhänge zu erklären, die Gedanken anderer in bestimmte Bahnen zu lenken – ja, auch Leute in meinem Sinn zu beeinflussen. Daher auch meine Freude am Kabarett: Als ich mit zirka 12 Jahren im Fernsehen die ersten Soli von Dieter Hildebrandt in der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ erlebte, hat mich das fürs Leben geprägt.

In heutigen Zeiten hätte ich es vielleicht gewagt, es als Kabarettist oder professioneller Zauberkünstler zu probieren – oder etwas dazwischen, was es selbst derzeit kaum gibt. In den 1960-er Jahren und bei meinem kleinbürgerlichen Elternhaus war das aber Lichtjahre entfernt! Nach dem Willen meines Vaters hätte ich Friseur oder Bahnbeamter werden sollen. Schon das Gymnasium schien für seine Vorstellungen übertrieben – und trotz guten Abiturs sollte ich mich bestenfalls als Volksschullehrer (der er selber gern geworden wäre) betätigen.

Immerhin wagte ich doch das Studium der Biologie und Chemie für das Lehramt an Gymnasien – dank staatlicher Studienförderung inklusive diverser leistungsbedingter Stipendien, die ich vor allem in den Semesterferien mit privaten Nachhilfestunden aufbesserte. Meine Eltern wollten das nicht finanzieren – und selbst bei bestem Willen wäre es ihnen sicherlich schwergefallen.

Daher amüsiere ich mich stets, wenn ich (aufgrund etwas dubioser Studien) höre, wie sehr doch bei uns der Schulerfolg vom sozialen Status der Eltern abhinge. Ich kann nur sagen: Mein Studium verdanke ich der Bundesrepublik Deutschland und der Stiftung Volkswagenwerk – und meinem selber Hinzuverdienten. Freilich: Urlaub, ein Auslandssemester in Neuseeland oder die mir angebotene Promotion waren nicht drin. Gerade in Bayern und meinen Studienfächern rückte der „Einstellungsschnitt“ in immer größere Höhen, da hieß es möglichst schnell fertig werden – und wenn möglich mit Bestnoten.

Die Fächerwahl war von vornherein klar: Chemie war seit dem 14. Lebensjahr meine Leidenschaft – altersbedingt stark von Pyromanie geprägt. Was ich in der Pubertät zusammen mit einem Schulfreund in Rauch und Asche aufgehen ließ, würde heute sicherlich die Experten vom Landeskriminalamt anlocken. Doch zunehmend stellten wir „ernstere“ Experimente an, fanden auch Spaß am Theoretischen. Biologie dagegen war das notwendige Anhängsel hinsichtlich der erlaubten Fächerkombinationen: „Betonier den Garten doch und streich ihn grün an“ war der ökologische Vorschlag an meinen Vater, als ich wieder mal den Rasenrand nicht perfekt mit der Schere hinbekam. Im Studium jedoch verschoben sich die Interessen: Die Zulassungsarbeit verfasste ich in Botanik.

Mein Berufswunsch war stark vom Lehrerbild der damaligen Zeit geprägt: Gerade am Gymnasium erlebte ich in der Mehrzahl autoritäre Hansel mit eher mäßiger Befähigung zum Lehramt. Disziplin im Sinne von Kadavergehorsam und Tatsachen-Nachbeten bestimmten den Unterricht. Selbstständigkeit, eigenes Denken und Urteilen waren nicht direkt angesagt. Der Direktor war eine gottähnliche Figur – Zweifel hieran fast undenkbar. Was innerhalb des Kollegiums vor sich ging, konnte man als Schüler natürlich nur ahnen – aber nach außen hin hielt die Bande zusammen wie Pech und Schwefel. Selbst heftige Entgleisungen wie körperliche Züchtigungen wurden irgendwie vertuscht. Und bei den Eltern fand man mit Klagen wenig Rückhalt: „Strenge hat noch keinem geschadet“ und „dein Lehrer wird schon wissen, warum“ waren gängige Redensarten – und Benotungen göttliche Urteile.

Lehrkräfte, die aus dieser Phalanx ausscherten, hatten es nicht leicht, weder mit uns noch Kollegen sowie Chef. Einer der wenigen, der unsere Herzen gewann, war Chemie- und Biologielehrer (damals noch inklusive Geografie) – und wegen seiner Art, uns Schüler wie denkende und fühlende Menschen zu behandeln, des Direktors liebster Feind. Damals bereits sensationell: Man durfte ihn mit Familiennamen anreden anstatt mit „Herr Professor“! Mein Entschluss stand schon in der Oberstufe fest: Ich wollte und konnte es besser machen – verständlicher erklären, Zusammenhänge aufzeigen anstatt bloße Faktenhuberei zu zelebrieren, vielleicht sogar Begeisterung für meine Fächer wecken. Und vor allem: zumindest höflich, nach Möglichkeit freundlich zu bleiben, Schüler nicht als Menschen zweiter Klasse zu behandeln.

Ich weiß noch, wie ich meinem Lieblingslehrer kurz vor dem Abitur klopfenden Herzens gestand, beruflich in seine Fußstapfen treten zu wollen. Seine Antwort kam zögernd und in besorgtem Tonfall: „Mei‘, Riedl, hast dir des gut überlegt? Es gibt so schöne Berufe…“ Heute weiß ich: Er hatte Recht mit seiner Skepsis.

Als ich 1977 mit dem Referendariat begann, hatte sich in der Schule vieles verändert: Insbesondere war die nach dem G 8 zweitgrößte Idiotie im bayerischen Bildungswesen verwirklicht: die Kollegstufe. In den Köpfen klasssenzimmerferner Theoretiker hatte sich das Wunschbild einer Art von „Schmalspur-Uni“ mit damals noch eher freier Kurswahl etabliert. Die Arroganz, mit denen die nunmehrigen „Damen und Herren Kollegiaten“ gerade uns Referendaren gegenübertraten, erinnerte mich stark an die Umgangsformen meiner einstigen Lehrer.

Beispielsweise ist es mir noch sehr gut erinnerlich, welches Geschiss man ab diesem Zeitpunkt mit der „Anwesenheitspflicht“ veranstaltete. Es war der Beginn des taktikgeprägten stundenweisen Erkrankens: vormittags im Leistungskurs Mathematik noch gesund, nachmittags im Grundkurs Religionslehre dann arbeitsunfähig. Statt im Zweifelsfall wie in der Arbeitswelt ärztliche Krankschreibungen zu verlangen, wurde anfangs sogar nur eine mündliche Entschuldigung erwartet. Und natürlich gab es Oberstufler, welche daraus ein Machtspielchen machten und sich dann eben – auch auf Nachfrage – nicht entschuldigten. Dennoch durfte man sie natürlich über die letzte Stunde nicht prüfen – sie waren ja nicht da.

Was einem Arbeitnehmer eine Abmahnung eingebracht hätte, blieb an der Schule folgenlos: „Fragen Sie mich was Leichteres“ war die Antwort des Seminarvorstands auf Fragen von uns Referendaren zu diesem Thema. Vielleicht hätte man ihn auch nicht mit A 16 besolden sollen, wenn dieses Problem seine Fähigkeiten überstieg… Schulleiter, so meine frühe biologische Erkenntnis, gehören zu den Wirbellosen Rückgrat haben die meisten keines.

Klar sah und sieht die Schulordnung für solche Fälle diverse Konsequenzen vor: Man könnte einen Schüler zum Amtsarzt schicken oder ihn zu einer „Ersatzprüfung“ bestellen, wenn er mündliche Leistungserhebungen durch fallweises „Erkranken“ auszuhebeln versucht. Richtig: Könnte" der übliche pädagogische Konjunktiv. Ich habe Letzteres einige Male probiert, ohne damit die Sympathie meiner Dienstvorgesetzten zu erringen: In einem Fall erklärte mein Chef diese Maßnahme sogar für ungültig, worauf ich mich weigerte, eine Zeugnisnote festzusetzen. In schönster „Solidarität“ besorgte dies dann die Klassenkonferenz über meinen Kopf hinweg. Meine Beschwerde wurde natürlich abgebügelt – und als Dank erhielt ich eine schlechtere dienstliche Beurteilung.

Die Schulordnung sieht für mangelndes Engagement von Schülern auch „Nacharbeiten“ (früher „Nachsitzen“) vor. Aber auch da kann man ja nachmittäglich spontan erkranken. Eine Mutter hielt in einem solchen Fall zunächst nicht mal eine mündliche Entschuldigung für angebracht. Als ich daraufhin ein ärztliches Attest verlangte, schrieb sie einen Beschwerdebrief, aus dem mir ein Satz (nicht nur wegen der Grammatik) unvergesslich blieb: „Damit zweifeln Sie an meine Integrität, was ich Ihnen keinesfalls erlaube.“ Ob sie mit diesem Spruch auch bei einem Fahrkartenkontrolleur in der Bahn aufwartete? Aber: Schulleitern kann man mit solchem Schmarrn durchaus imponieren, was mir daher ein ernstes Gespräch im Chefbüro einbrachte.

Was uns Referendaren zur Schulordnung und den gesetzlichen Bestimmungen eingebläut wurde, ist übertrieben: Man stehe als Lehrer „stets mit einem Fuß im Gefängnis“, wenn man Formaljuristisches nicht beachte. Exaktheit ist natürlich dennoch erwünscht. Für Eltern hingegen gilt: Was „ungerecht“ ist, bestimmen sie. Und die Chefs kann man mit Blödsinn solcher Art schwerstens beeindrucken. Wenn also die Erzeuger (oder Betreuer) unserer Kundschaft Rabatz machen, sollte man als Lehrkraft lieber nicht auf Recht und Gesetz bestehen. In solchen Fällen wird nämlich gern die übergeordnete Karte der „Gefährdung des Schulfriedens“ gezogen.

Soll heißen: Wenn irgendwelche Eltern eine Presse- und Leserbriefkampagne (oder heute einen Shitstorm) inszenieren, könnte es für den Schulleiter eng werden. Von Lehrern hingegen hat er Ähnliches nicht zu befürchten – da steht die dienstliche Schweigepflicht entgegen. Und selbst, wenn nicht: Wen interessieren schon die Probleme von „faulen Säcken“?

Eindrucksvoll war meine Erfahrung, als sich an einer neuen Schule die Beschwerden über mich häuften. Ein ziemlich schwacher Chef war wohl zum Lieblings-Ansprechpartner einer größeren Querulantenschar geworden. Als ich dann wegen meiner dienstlichen Beurteilung vor das Verwaltungsgericht zog, hörte die Kampagne schlagartig auf. Das bewies mir, was ich schon lange vermutete. Solchen Eltern geht es nicht um „Gerechtigkeit“ oder gar eine „humane Schule“, im Gegenteil: Das sind reine Machtproben, um herauszufinden, wie weit man die Institution von außen steuern kann.

Auch den konkreten Anlass, mich mit 60 Jahren frühpensionieren zu lassen, habe ich schon einmal veröffentlicht:
https://gerhards-lehrer-retter.blogspot.com/2015/10/unversandter-brief-einen-ungehaltenen.html 

Ich habe in meinem Beruf schon bald die Erfahrung gemacht: Wir Lehrer haben den Rücken frei, denn hinter uns steht niemand mehr. Und die Kollegen? Da es vielen, wenn nicht an fachlicher Kompetenz, so doch mit Sicherheit an Zivilcourage gebricht, sind konsequente Aktionen oder gar Solidarität innerhalb des Lehrerzimmers Mangelware. Achselnässe wird gerne als „Realismus“ oder Verständnis" schön geredet. „Sei halt nicht so“, bekommt man dann zu hören. Bin ich aber.

Wenn ich heute daran denke, dass ich vor sieben Jahren noch selber hinter dem Pult stand, kann ich es kaum glauben – so weit weg ist das alles. Und ich habe nach dem letzten Dienst-Tag keinen Fuß mehr in meine Schule gesetzt. Das wird so bleiben (außer, man lädt mich nun wegen dieses Artikels vor).

Verbittert bin ich nicht: Die Arbeit im Klassenzimmer war stets interessant, oft spannend und manchmal sogar lustig. Daher bedanke ich mich ausdrücklich bei meinen Schülern, die mir viel gegeben haben (selbst diejenigen, welche man heute euphemistisch als „verhaltensoriginell“ bezeichnen würde). Böse kann ich keinem sein. Wenn das System mir derartige Möglichkeiten eröffnen würde, hätte ich sie vielleicht auch genutzt.

Jungen Kollegen oder gar Studierenden für das Lehramt gebe ich, wie mein alter Chemielehrer, den Rat, es sich mit der Berufswahl gut zu überlegen. Sie müssen sich darauf gefasst machen, innerhalb eines ziemlich perversen Systems als Einzelkämpfer zu agieren oder sich jeglicher Zivilcourage zu enthalten. Und sie sollten die Zeiten außerhalb des Klassenzimmers möglichst knapp bemessen!

Selber werde ich im nächsten Leben vielleicht doch Jurist – und dann bediene ich gerne die Klientel, welche mir im anderen Beruf so zu schaffen machte. Für einen Anwalt gehört es zur Normalität, puren Quatsch zu vertreten. Und er kriegt es sogar noch bezahlt.

P.S. In Memoriam:
Der strengste Lehrer, den ich je hatte, unterrichtete uns ein Jahr in Englisch. Er trat mit einer Verve und Autorität auf, welche heute sofort vor irgendwelchen Menschenrechts-Gerichtshöfen zur Anklage gebracht würde. In seinem Unterricht hätte man eine Stecknadel fallen hören können, wenn dies erlaubt gewesen wäre. Er war ein hochgebildeter Mann, zeigte fallweise sogar einen niveauvollen Humor, und seine gelegentlichen historischen und philosophischen Exkurse beeindrucken mich noch heute. Ich verdanke ihm fast meine gesamten Englischkenntnisse.
Später hörten wir gerüchteweise, was angeblich zu seiner Strenge geführt hatte: Sein bester Studienfreund, der wie er Englisch- und Geschichtslehrer werden wollte, kam im Schulalltag mit seinen Klassen nicht zurecht, man tanzte ihm auf der Nase herum. Eines Tages entzog er sich diesem Dilemma durch Suizid.

Pedagogic Fiction