Mittwoch, 28. Februar 2018

Der Klassen-Kampf in der Vierten



Da können Sie als Lehrer nicht einfach die Wahrheit sagen und den Eltern erklären: „Wenn Sie Glück haben, findet Ihr verkorkster Halbaffe mit Vierzehn eine Lehrstelle als Roggenbrot.“ Das geht nicht!
(Dieter Nuhr)

Derzeit ist wohl ganz in unserer Nähe einmal wieder die Hölle los, welche Grundschullehrern – zumal in der vierten Klasse – sattsam bekannt sein dürfte. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich war nicht dabei und kann mich nur an dem betreffenden Presseartikel orientieren. Dies dürfte allerdings den meisten Teilnehmern an dieser Debatte so gehen...

An der Grund- und Hauptschule Hohenwart, so beklagen Eltern, werde beim Übertritt an weiterführende Schulen zu viel Druck gemacht. Kritisiert werden schlechte Ergebnisse bei Prüfungen: Teilweise seien zu gute Bewertungen nachträglich herunterkorrigiert bzw. Fragen gestellt worden, welche im Unterricht nicht behandelt wurden.

Anders als in den meisten Fällen lobt man zwar die betreffenden Klassenlehrer, kritisiert jedoch den Rektor, welcher hinter alledem stecke: Es gehe ihm wohl um den Erhalt des Schulstandorts, der durch zu hohe Übertrittsquoten gefährdet sei.

Die Kinder litten per Schulangst und psychosomatischen Beschwerden unter diesen Zuständen. Wenn man sich nun recht erinnere, sei das schon früher so gewesen – und Druck gebe es auch in höheren Klassen.

Der Rektor, welcher sich stets gesprächsbereit gibt, sieht das natürlich anders, ebenso die Direktorin des Schulamts sowie der Bürgermeister als Vorsitzender des Schulverbands, der sich zudem nicht zuständig fühlt.

Die Beschwerden im Einzelnen: Dass manche Bewertungen mit Tipp-Ex korrigiert wurden, kam „Eltern komisch“ vor. Zudem seien bei einer Probe Dinge abgefragt worden, „die zwar im Schulbuch standen, aber im Unterricht nicht behandelt wurden“. Und Klassen, welche früher Zweierschnitte hatten, schrieben nun plötzlich Vierer oder Fünfer. Über 20 Tests würden in der 4. Klasse in den Vorrückungsfächern geschrieben. „Manche Kinder essen fast nichts mehr, andere essen zu viel" – manche weinten oder es werde ihnen schlecht, wenn sie in die Schule müssten. Sogar Neurodermitis-Fälle häuften sich.

Dies alles sind jedoch Dinge, die jeder Lehrer aus seiner ganz normalen Berufserfahrung kennt: Klar richtet sich die Korrektur nach dem Schwierigkeitsgrad, den man halt im Vorfeld nicht immer sicher einschätzt. Dann entschließt man sich, den Bewertungsschlüssel zu ändern. Manchmal leider auch auf „Anregung“ des Schulleiters, was nicht immer zu überzeugenden Resultaten führt. Nur: In der Denke von gewissen Eltern gibt es „zu gute“ Noten niemals, sondern ausschließlich „zu schlechte“. Und dass man sich bei einer Prüfung auch mal davon überzeugen möchte, ob die Schüler sich das Buch angeschaut haben, war zu meiner Zeit normal ebenso wie eine Prüfungsarbeit alle 14 Tage (im Zweifel eher mehr).

Tja, und es soll vorkommen, dass manche Kinder weniger als nötig essen – und leider immer mehr zu viel. Und dass es sie manchmal belastet, zur Schule gehen zu müssen, ist ein übliches Phänomen. Sicher muss man dem nachgehen, wenn es extrem wird – aber das kann tausend Ursachen haben.

Die harten Tatsachen, so muss der Autor des Artikels, Mathias Petry, zugeben, würden den Vorwurf nicht belegen, man siebe in Hohenwart stärker aus: Die Übertrittsquote liege im Durchschnitt des Schulamtsbezirks (bei 65 bis 70 Prozent – was ich nebenbei für skandalös hoch halte). Und eine Schließung der Schule, so Bürgermeister Russer, stehe nicht zur Diskussion. Man merkt es dem Journalisten an, dass er lieber etwas anderes geschrieben hätte – aber zu einer Objektivität wie Lehrer bei der Bewertung von Prüfungen ist er ja nicht verpflichtet...

Daher muss zum Ausgleich das Statement einer Mutter her, das allerdings eher entlarvend als bestätigend wirkt: „Es geht ja auch nicht um die sehr guten Schüler, die kommen eh durch, aber bei denjenigen, die auf der Kippe stehen, reichen ein, zwei schlechte Tests, um ihnen das Zeugnis zu verhageln."

Bliebe nur zur fragen, wie sinnvoll es ist, Kinder, die schon (oder noch) in der vierten Klasse „auf der Kippe stehen“, den Wechsel ans Gymnasium anzutun. Es gibt ja noch die Möglichkeit, den Probeunterricht zu absolvieren, falls die Grundschule die Eignung nicht bestätigt. Und, wie ein anderer Vater bekundet, würden dies solche Schüler dann „locker packen“. So what?

Aber um Tatsachen, so scheint es, geht es in der Debatte nicht wirklich: „Die nackten Zahlen geben es nicht her, aber das Gefühl ist da“ – so der Autor Mathias Petry, und zitiert noch eine Mutter: „Mir kommt das so vor, als ob da höhere Kräfte dahinter stecken." Ist ihm eigentlich klar, dass er damit die blitzsaubere Definition einer Verschwörungstheorie liefert?

Dunkle Mächte (wohl der Rektor, die Schulrätin oder gar die klingonische Zentralregierung) wollen „den Kindern den Weg in die Zukunft verbauen“ und hexen ihnen eine Neurodermitis an (Filzläuse noch nicht, kann aber noch kommen). Von der pädagogischen Verantwortung, die Kleinen nur wegen des Ehrgeizes der Erzeuger in eine Schulform zu verfrachten, wo sie nicht glücklich werden, ist weniger die Rede. Ich kenne solche fünften Klassen vom Gymnasium her – und wäre froh gewesen, man hätte uns und „auf der Kippe stehenden“ Kindern das erspart!

Irgendwie erinnert mich das an die bösen Impfungen, welche ja ebenfalls die Kinder so stark schädigen, dass sie Infektionen wie Masern nicht durchmachen müssen. Und wenn man ihnen die Schulmedizin als „böse“ hinstellt, weinen sie wahrscheinlich, wenn es denn doch mal einen Mediziner brauchen sollte…

Ich könnte mitheulen, wenn ich bedenke, wie man hier für einen gnadenlosen Elternehrgeiz die Basis jeden pädagogischen Handelns vernichtet: das Vertrauen in den Erzieher und die Ruhe im Bildungsprozess. Das Schema ist normiert: Regelmäßig rotten sich in den Übertrittsklassen mütterliche Helikopter-Brummseln zusammen, um vereint die Bildungsinstitute unter genau den Druck zu setzen, welchen sie für ihre Kinder ablehnen. Wenn ich als Sohn oder Tochter schon in der Zeitung lesen könnte, dass meine Schule ungerecht ist, wäre meine Unbefangenheit dahin, ich würde auch jeden Morgen kotzen.

Und die Eltern geben dem Nachwuchs ein schönes Vorbild in Sachen Zivilcourage: „Nur ihre Namen nennen wollen sie nicht, sie fürchten Sanktionen für ihre Kinder und einige auch für Geschwister, die vielleicht noch länger an der Schule sind.“

Dass daher bei diesem Klassen-Kampf das Volk die Signale hören wird, steht nicht zu erwarten.

Daher ist Dieter Nuhr nicht der einzige Lehrer, welcher die Flucht auf die Kabarettbühne angetreten hat. Und auch ich bin froh, mich seit einigen Jahren nur noch als Blogger mit diesem Wahnsinn abgeben zu müssen – und laut lachen zu dürfen, wo ich früher ernst bleiben musste:



Quelle: Pfaffenhofener Kurier, 26.2.18, S. 21
http://www.donaukurier.de/lokales/schrobenhausen/DKmobil-Ist-der-Druck-zu-gross;art603,3694585

Dienstag, 20. Februar 2018

Emma Gonzalez: „We call bullshit“



Am Valentinstag dieses Jahres (14.2.) hat ein ehemaliger Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland (Florida) dort 17 Menschen mit einem Schnellfeuergewehr erschossen, 14 Personen wurden verletzt. Es war im laufenden Jahr bereits der 18. Vorfall mit Schusswaffen in US-amerikanischen Bildungseinrichtungen – seit 2013 waren es insgesamt 290.

Die USA halten mit 89 Schusswaffen pro 100 Einwohner den unangefochtenen Weltrekord, ebenso bei der Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen (2012: 29,7). 2017 starben so 15590 Menschen.

Am 17.2.18 hielt die 18-jährige Schülerin Emma Gonzalez, die das Attentat selber miterlebte, bei einer Gedenkveranstaltung in Fort Lauderdale eine Rede, die es leider bislang nicht in voller Länge auf Deutsch gibt. Daher habe ich sie übersetzt:

Wir hatten im Repräsentantenhaus noch keine Schweigeminute, deshalb hätte ich gerne hier eine. (Stille) Vielen Dank.

Jeder einzelne Mensch hier oben, all diese Menschen sollten zu Hause trauern. Aber stattdessen stehen wir hier zusammen, denn wenn unsere Regierung und unser Präsident nicht mehr tun können als nur Gedanken und Gebete" zu senden, dann ist es an der Zeit, dass die Opfer die Veränderung verkörpern, die wir erreichen müssen. Seit der Zeit der Gründerväter und seit dem zweiten Zusatzartikel der Verfassung haben sich unsere Waffen so entwickelt, dass mir schwindlig wird. Die Waffen haben sich geändert, aber unsere Gesetze nicht.

(Anmerkung: Der zweite Verfassungszusatz gewährt den Amerikanern das Recht, Waffen zu tragen. Im republikanisch regierten Florida ist man da besonders „liberal“: Dort darf man erst mit 21 Jahren ein Bier bestellen, aber schon mit Achtzehn eine Waffe kaufen.)

Wir verstehen überhaupt nicht, warum es am Wochenende schwieriger ist, mit Freunden Pläne zu schmieden als eine automatische oder halbautomatische Waffe zu kaufen. In Florida brauchen Sie, um eine Waffe zu erwerben, keine Genehmigung, keinen Waffenschein, und Sie müssen sich beim Kauf nicht registrieren. Sie benötigen keine Erlaubnis, um ein Gewehr oder eine Schrotflinte versteckt zu tragen. Sie können so viele Waffen gleichzeitig kaufen, wie Sie wollen.

Ich habe heute etwas sehr Kraftvolles gelesen. Es war aus der Sicht eines Lehrers. Ich zitiere: Wenn Erwachsene mir sagen, dass ich das Recht habe, eine Waffe zu besitzen, kann ich nur hören, dass mein Recht, eine Waffe zu besitzen, das Recht des Schülers auf Leben überwiegt. Alles, was ich höre, ist mein, mein, mein, mein“.

Anstatt uns Gedanken über unseren Sozialkunde-Test zu machen, müssen wir unsere Notizen studieren, um sicherzustellen, dass unsere Argumente, die auf Politik und politischer Geschichte basieren, wasserdicht sind. Die Schüler dieser Schule haben gefühlt schon ihr ganzes Leben Debatten über Waffen geführt. (…) Einige Diskussionen zu diesem Thema fanden sogar während des Attentats statt, während sich Schüler in den Schränken versteckten. Die Leute, die nun betroffen sind, diejenigen, die dort waren, ihre Postings, Tweets, Interviews und Gespräche werden plötzlich gehört, wie es gefühlt das erste Mal bei einem Thema ist, das allein in den letzten vier Jahren mehr als 1000 Mal behandelt wurde.

Ich habe heute herausgefunden, dass es eine Website „shootingtracker.com“ gibt. Nichts in dem Titel deutet darauf hin, dass sie ausschließlich die Shootings der USA verfolgt, aber muss man das überhaupt dazu sagen? Australien hatte eine Massenschießerei 1999 in Port Arthur, danach wurde die Schusswaffensicherheit eingeführt, und es gab keine mehr. Japan hatte noch nie Amokläufe. Kanada hatte drei und das Vereinigte Königreich einen, und beide führten die Waffenkontrolle ein. Und alles, was wir haben, sind Webseiten, die Tatsachen zu diesen Tragödien zusammentragen, so dass wir sie zu statistischen Zwecken benützen können.

Ich habe heute Morgen ein Interview gesehen. Eine der Fragen war, ob deine Kinder weitere Amok-Sicherheitsübungen durchmachen müssen? Unsere Antwort ist, dass unsere Nachbarn sich das nicht antun müssen, wenn wir der Regierung unsere Ansage gemacht haben. Vielleicht haben sich die Erwachsenen daran gewöhnt, zu sagen „es ist, wie es ist" – aber wenn wir Schüler etwas gelernt haben, dann ist es, dass du versagen wirst, wenn du nicht dazulernst. Das heißt  in diesem Fall, wenn du aktiv nichts tust, sterben weiterhin Menschen, also ist es Zeit, mit etwas anzufangen.

Wir werden die Kinder sein, von denen du in den Lehrbüchern liest. Nicht, weil wir eine weitere Statistik über Massenerschießungen in Amerika sein werden, sondern weil, wie David sagte, wir das letzte Massenerschießen sein werden. Genau wie im Kampf um die politischen Schülerrechte während des Vietnamkriegs („Tinker v. Des Moines“) werden wir das Gesetz ändern. Das wird dann unsere Schule in diesem Lehrbuch sein, und es wird so werden aufgrund der unermüdlichen Bemühungen der Schulbehörde, der Fakultätsmitglieder, der Familienmitglieder und vor allem der Schüler. Der Schüler, die tot sind, der Studenten, die noch im Krankenhaus liegen, der Schüler, welche nun unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, der Schüler, die Panikattacken während der Nachtwache hatten, weil die Hubschrauber uns nicht allein ließen und 24 Stunden am Tag über der Schule schwebten.

Es gibt einen Tweet, auf den ich aufmerksam machen möchte. Es gab so viele Anzeichen, dass dieser Täter geistig gestört, sogar wegen schlechten und unberechenbaren Verhaltens von der Schule verwiesen worden war. Nachbarn und Klassenkameraden wussten, dass er ein großes Problem darstellte. Man muss solche Fälle immer wieder den Behörden melden. Wir haben es getan – wieder und wieder. Seit er in der Mittelschule war, war es keine Überraschung für jeden, der ihn kannte, dass er der Schütze ist. Zu denen, die uns nun sagen, wir hätten ihn nicht vertreiben sollen: Ihr kennt diesen Jungen nicht. Okay, wir schon. Wir wissen, dass man sich nun auf psychische Probleme beruft, und ich bin kein Psychologe, aber wir müssen sehen, es nicht nur eine Sache der psychischen Gesundheit ist: Er hätte nicht so viele Schüler mit einem Messer verletzen können.

Und wie wäre es, wenn wir aufhören würden, die Opfer für etwas verantwortlich zu machen, das die Schuld dieses Schülers war, die Schuld der Leute, die ihn überhaupt Waffen kaufen ließen, die der Waffenshows, der Leute, die ihn ermutigten, Zubehör für seine Waffen zu kaufen, um sie vollautomatisch zu machen, der Leute, die sie ihm nicht wegnahmen, obwohl sie wussten, dass er mörderische Neigungen äußerte. Und ich spreche nicht mal über das FBI. Ich rede von den Leuten, mit denen er lebte. Ich spreche von den Nachbarn, die ihn draußen mit Gewehren sahen.

Wenn der Präsident zu mir kommen und mir ins Gesicht sagen will, dass es eine schreckliche Tragödie war und es nie hätte passieren dürfen und uns weiterhin erzählt, wie nichts dagegen unternommen wird, werde ich ihn freundlich fragen, wieviel Geld er von der US-Waffenlobby erhalten hat.

Wisst ihr was? Es ist unnötig, weil ich es schon weiß: dreißig Millionen Dollar. Gemessen an der Anzahl der Opfer von Schussverletzungen in den USA in den anderthalb Monaten im Jahr 2018 beläuft sich dies auf 5.800 Dollar pro Person. Ist es das, was diese Leute Ihnen wert sind, Trump? Wenn Sie nichts tun, um zu verhindern, dass dies weiterhin geschieht, wird die Zahl der Schussopfer steigen, und der Preis, den sie wert sind, sinken. Und wir werden Ihnen wertlos sein.

An jeden Politiker, der Spenden von der National Rifle Association nimmt: Schäm dich!

(Sprechchöre: „Schäm dich!“)

Wenn Ihr Geld genauso bedroht wäre wie wir, wäre Ihr erster Gedanke, wie wird sich das auf meine Kampagne auswirken? Was sollte ich wählen? Oder würdest du uns wählen, und wenn du uns antwortest, wirst du dich einmal so verhalten? Weißt du, was ein guter Weg wäre, so zu handeln? Ich habe ein Beispiel dafür, wie man sich nicht verhalten darf. Im Februar 2017, vor einem Jahr, hob Präsident Trump eine Verordnung der Obama-Regierung auf, die es leichter gemacht hätte, den Verkauf von Schusswaffen an Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen zu verhindern.

Von den Begegnungen, die ich vor der Schießerei mit dem Schützen hatte, und von den Informationen, die ich derzeit über ihn habe, weiß ich nicht wirklich, ob er geisteskrank war. Ich habe das geschrieben, bevor ich gehört habe, was Delaney gesagt hat. Meine Mitschülerin sagte, dass er diagnostiziert wurde. Ich brauche keinen Psychologen und ich muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass die Aufhebung dieser Regelung eine wirklich dumme Idee war.

Der republikanische Senator Chuck Grassley aus Iowa war der einzige Sponsor dieser Gesetzesvorlage, die das FBI daran hindert, Hintergrund-Checks bei psychisch kranken Menschen durchzuführen, und jetzt sagt er: „Es ist eine Schande, dass das FBI keine Hintergrund-Checks durchführt über diese psychisch kranken Menschen." Na prima, Sie haben diese Möglichkeit letztes Jahr beseitigt.

Die Leute in der Regierung, die wir gewählt haben, belügen uns. Und wir Kinder und unsere Eltern scheinen die einzigen zu sein, die das merken und es BS (Bullshit) nennen.

Unternehmen, die heutzutage versuchen, Karikaturen von Teenagern zu zeichnen, indem sie sagen, dass wir selbstverliebt und trendbesessen seien und uns zur Unterwerfung zwingen, wenn unsere Botschaft die Ohren der Nation nicht erreicht: Wir sind bereit, das Blödsinn zu nennen.

Politiker, die auf ihren vergoldeten Abgeordnetenhaus- und Senatsposten sitzen, die von der Waffenlobby finanziert werden und uns sagen, nichts hätte getan werden können, um dies zu verhindern, nennen wir Blödmänner.

Sie sagen, härtere Waffengesetze verringerten die Waffengewalt nicht. Wir nennen das Blödsinn.

Sie sagen, dass ein guter Typ mit einer Pistole einen bösen Kerl mit einer Pistole stoppt. Wir nennen das Blödsinn.

Sie sagen, Waffen sind nur Werkzeuge wie Messer und so gefährlich wie Autos. Wir nennen das Blödsinn.

Sie sagen, dass kein Gesetz hätte Hunderte von sinnlosen Tragödien verhindern können. Wir nennen das Blödsinn.

Sie sagen, dass wir Kinder nicht wissen, wovon wir reden, dass wir zu jung sind, um zu verstehen, wie die Regierung funktioniert. Wir nennen das Blödsinn.

Wenn ihr einverstanden seid, registriert euch als Wähler. Kontaktiert eure lokalen Kongressabgeordneten. Gebt ihnen ein Stück eures Verstandes.

Wie man von Otto Wels, Martin Luther King und Malala Yousafzai weiß, hält man eine solche Rede nur einmal im Leben. Was die Schülerin sich da handschriftlich auf der Rückseite ihrer Notizen aus dem Politikunterricht aufgeschrieben hatte und im Stakkato, mit den Tränen kämpfend, in 11 Minuten und 40 Sekunden heraushaute, ist atemberaubend und zu Recht ein Internet-Hit.

Überall im Land formiert sich derzeit eine Protestbewegung von Schülern und Studenten. Motto: „Wir wollen weiterleben“. Wird es einer jungen Latina gelingen, was selbst Präsident Obama versagt blieb – den Schusswaffen-Fetischismus in den USA in den Griff zu kriegen?

I have a dream…



Und hier das Original im Wortlaut:

Statistiken:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/usa-traurige-statistik-zu-waffengewalt-an-schulen-a-1193644.html

Donnerstag, 25. Januar 2018

Des Pudel_ins Kern



Die Tatsachen sind schnell erzählt und gehen derzeit massenhaft durch die Presse:

Die Alice Salomon Hochschule in Berlin (eine Fachhochschule für Sozialarbeit) hatte 2006 einen Lyrik-Preis gestiftet, den 2011 Eugen Gomringer gewann. Der international bekannte, heute 93-jährige Begründer der konkreten Poesie wollte damals dem Institut eines seiner Gedichte widmen, bei denen es entscheidend auf die räumliche Anordnung der Wörter ankommt. Es sollte die Fassade der Hochschule zieren.

Angeblich war es die damalige Rektorin Theda Borde selber, welche sich für das folgende Werk entschied:

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Übersetzt bedeuten die Zeilen des in Bolivien geborenen Dichters:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer


Bis Anfang 2016 prangte das Werk unwidersprochen an der Fassade des Bildungsinstituts. Dann stieß der Text der Studierendenvertretung (AStA) sauer auf. Ohne das Gesamtwerk Gomringers in Frage stellen zu wollen, artikulierten die Student_innen doch Missfallen:

„Dennoch kommen wir nicht umhin, ausgerechnet dieses Gedicht als offizielles Aushängeschild unserer Hochschule zu kritisieren: Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind.“

Nach einer Online-Abstimmung der Studierenden, Podiumsdebatten und sonstigem Hin und Her hat der Akademische Senat der Hochschule vorgestern beschlossen: Das Gedicht wird im Herbst anlässlich einer „Renovierung“ übermalt und durch ein Werk der letztjährigen Lyrik-Preisträgerin Barbara Köhler ersetzt, die sich hierzu freundlicherweise schon selber angeboten hatte. Welches, ist noch nicht raus. Hauptsache, erstmal weg! Zukünftig soll das Höchsthaltbarkeitsdatum der Fassadenlyrik auf 5 Jahre begrenzt werden. Zum Trost werde eine Gedenktafel an Gomringer und die Umstände der Streichung angebracht.

Nun wollen wir uns nicht in der Frage vertiefen, welche maroden Schulfassaden im verschuldeten Berlin die Farbe vielleicht notwendiger bräuchten. Festzustellen bleibt jedoch, dass sich die Zustimmung zur Streichungsaktion außerhalb der betreffenden Fachhochschule in engsten Grenzen bewegt.

Während sich Rektor Uwe Bettig auffallend zurückhält, verteidigt seine Konrektorin Bettina Völter die Aktion in einem 2500 Wörter-Schwurbelmemorandum. Kostprobe aus dem Pressetext:

Prof. Dr. Völter, Prorektorin der größten staatlichen SAGE-Hochschule Deutschlands (Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung) erklärt weiter, dass ‚Bildungsprozesse durch Partizipation, Ernstnehmen und durch wechselseitiges Lernen im Prozess der Auseinandersetzung, auch mit unliebsamen Argumenten erreicht werde.‘ Und dass ‚Demokratie von der gemeinsamen Erarbeitung der besseren Argumente im Diskurs lebt.‘ Das Vorgehen der Studierenden könne nicht mit Bilderstürmerei verglichen werden. Das Vorgehen sei – im absoluten Gegensatz zur Bilderstürmerei – ein gewaltfreies, demokratisch legitimiertes sowie ein ideologie-, diskriminierungs- und klischeesensibles Verfahren.“


Gomringer selber spricht von „Dummheit“ und einer „Säuberungsaktion“, das deutsche PEN-Zentrum schreibt in einer Stellungnahme:

„Die Studierenden, die sich für die Übermalung des ihrer Meinung nach anstößigen Gedichtes einsetzen, bitten wir zu überdenken, welche Konsequenzen eine solche Zensur letztlich hätte, und sich mit dem Phänomen der Bilderstürmerei in Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Die Leitung der Hochschule fordern wir auf, unberechtigten und auf Missverständnissen, gar Unverständnis beruhenden Forderungen nicht opportunistisch Folge zu leisten.“

Und der Ehrenpräsident des deutschen PEN, Christoph Hein, legt noch einen drauf:

„Wirklich skandalös an diesem barbarischen Schwachsinn eines AStA ist: Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin ist eine Fachhochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung, d.h. diese Kulturstürmer werden einst den Nachwuchs ausbilden.“

Tobias Wenzel kommentiert im „Deutschlandfunk“:

„Dass Bettina Völter, die Prorektorin der Alice-Salomon-Hochschule, behauptet, Gomringer könne sich doch freuen, weil die Debatte seinem Gedicht zu einer ‚generationenübergreifenden Wirkung‘ verholfen habe, ist eine bodenlose Unverschämtheit. Alice Salomon, die Namensgeberin der Hochschule, hätte sich im Grab umgedreht. Wegen ihrer jüdischen Abstammung wurde die deutsche Sozialreformerin von Menschen ins Exil getrieben, die Bücher verbrannten, weil sie glaubten, so die eigene Bevölkerung vor dem vermeintlich bösen Wort schützen zu können.
Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin hat sich nach ihrer Entscheidung, auf Geheiß von verwirrten Studierenden das Gomringer-Gedicht zu ersetzen, dieses bewundernswerten Kunstwerks als unwürdig erwiesen und auch ihrer Namensgeberin Alice Salomon. Die Hochschule sollte sich deshalb umbenennen. In Hochschule für angewandte Ignoranz.“


Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die geplante Entfernung scharf gerügt: „Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei", sagte die CDU-Landesvorsitzende.

Fazit

Bei aller Komik einer solchen „Provinzposse“ sollte man sich schon überlegen, wann es zu einer „Säuberungsaktion“ der gesamten deutschen Literatur kommen wird, in deren Lyrik ja nicht selten die Kerle unverblümt Weiber anschmachten. Gerade Altmeister Goethe hat uns ja nicht nur auf das männliche Geschlecht des Faustschen Pudels festgelegt (welcher sich logischerweise dann in Mephisto verwandelt – vielleicht wär’s mit einer Pudelin nicht passiert). Auch ansonsten lieferte er wahrlich genügend genderspezifisches Überstreichmaterial:

Geh den Weibern zart entgegen,
Du gewinnst sie, auf mein Wort;
Und wer rasch ist und verwegen,
Kommt vielleicht noch besser fort.

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden.
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt' es eben leiden.

Für die Neugestaltung der Berliner Hausfassade würde mir jedoch Detlev von Liliencron (1844 -1909) vorschweben. Sein Gedicht „Hans der Schwärmer“ hat zwar vier längere Strophen, aber die weiße Fläche der Hochschule ist ja groß genug:


Hans Töffel liebt schön Doris sehr.
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr.
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie,
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie.
Im Kreise liest er Gedichte vor,
Schön Doris steht unten am Gartentor:
Ach, käm er doch frisch zu mir hergesprungen,
Wie wollt ich ihn herzen, den lieben Jungen.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend, der blöde Tor,
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor.
Schön Doris das wirklich sehr verdrießt,
Daß er immer weiter und weiter liest.
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht,
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht.
Schön Doris steht unten in Rosendüften
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend ist großes Fest,
Viel Menschen sind eng aneinandergepreßt.
Heut muß ers doch endlich sehn, der Poet,
Wenn schön Doris sacht aus der Türe geht.
Potztausend, er merkt es und merkt es auch nicht,
Er spricht und verzapft gar ein eigen Gedicht.
Und unten im stillen, dunklen Garten
Muß schön Doris vergeblich, vergeblich warten.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend, beim heiligen Gral,
Schön Doris fehlt im Gesellschaftssaal.
Und ist auch Hans Töffel mein Freund und mir wert –
Die Katze schläft unten am Feuerherd,
Beim Kätzchen steht sinnend schön Doris und sehnt,
Ihr Köpfchen an meine Schulter gelehnt.
Und hätte ich auch eine Legion Verdammer:
Zu süß war die Stunde bei ihr in der Kammer.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/unartige-musenkinder-3529/130