Freitag, 3. Januar 2020

Buchlesung: „Das fliegende Glossenzimmer“


Auf unserer letzten „Wohnzimmer-Milonga“ am 30.12.19 habe ich den Gästen mein neues Buch „Das fliegende Glossenzimmer- Schulische Satiren“ vorgestellt.

Für meine tangofernen Leser: Als „Milonga“ bezeichnen Anhänger des argentinischen Tango eine Tanzveranstaltung mit dieser Musik. Seit einigen Jahren laden wir dazu einmal monatlich Gäste zu uns nach Hause ein.

Die Zuhörer meiner Lesung waren also überwiegend nicht speziell mit dem Lehrerdasein vertraut und hatten dennoch ihren Spaß. Gerade bei witzigen Texten halte ich die Anwesenheit von Publikum für unbedingt erforderlich, damit eine gewisse „Live-Atmosphäre“ entsteht.

Apropos: An diesem Nachmittag tanzen wir sogar zu live gespielter Tangomusik. Da unsere Gäste in erster Linie tanzen wollen, durfte mein Vortrag die Dauer einer Tanzrunde nicht übersteigen. Und wegen der Größe unseres Wohnzimmers ist das Setup eh kompliziert genug – ein größerer Umbau und längeres Einrichten des Lichts waren daher nicht möglich. Das sieht man dem Video natürlich auch an.

Aber vielleicht liegt gerade darin der Reiz: Es wurde spontan und in einem einzigen Take ohne Schnitte produziert. Mein herzlicher Dank gilt der Video-Filmerin und Tangofreundin Manuela Bößel, die sich auf diese Bedingungen einließ und das Beste daraus gemacht hat!

Zum Inhalt: „Fiesta paedagogica“ ist eine von insgesamt 42 Glossen im Buch. Es geht um die Konkurrenz zweier Gymnasien, denen wegen zurückgehender Anmeldezahlen die Schließung respektive Zusammenlegung droht. Oberstudiendirektor Renner setzt daher zur Kunden-Akquise ein Schulfest ein, was sein Kollege Dr. Währe vom Nachbargymnasium mit einer Theateraufführung quittiert. „Brot und Schulspiele“ steigern sich immer mehr ins Absurde – bis zum ernüchternden Ende…

Der Kern meiner Satire: Schule hat heutzutage immer mehr „Event-Charakter“. Unterricht? Der kann doch ausfallen…

Hier nun mein Lesungs-Video:



Mehr zum Buch gibt es auch hier:

Ich habe beim Verlag eine größere Zahl von Autoren-Exemplaren bestellt, die in wenigen Tagen bei  mir eintreffen werden. Ich liefere zum Original-Preis von 14,90 € porto- und versandkostenfrei: mamuta-kg(at)web.de

Die E-Book Versionen werden ebenfalls bald verfügbar sein, zum Beispiel bei „Amazon“.

Sonntag, 29. Dezember 2019

Von Omas, Motorrädern und Shitstürmern


Nun hat sich auch der Westdeutsche Rundfunk einen Shitstorm verdient – noch dazu mit ziemlich schlichten Mitteln: Auf WDR2 veröffentlichte man kürzlich das Video eines Kinderchors, welcher das alte Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ mit neuem Text sang.

Dieser karikiert die Oma nun als „alte Umweltsau“, da sie mit ihrem Zweirad unter anderem „tausend Liter Super jeden Monat“ verpulvere, „zwei Opis mit Rollator“ überfahre und sich „jeden Tag ein Kotelett“ aus billigem Discounterfleisch brate. Und obwohl in der Schlusszeile dann (ironisch wegen ihrer Kreuzfahrten) festgestellt wird: „Meine Oma ist doch keine Umweltsau“ lief die hierzulande bestens eingeübte Empörungsmaschine an. In kurzer Zeit gab es auf Facebook über 15000 Kommentare – in der Mehrzahl kritisch bis vernichtend:

Geschmacklos und diskriminierend nannte man das – und als minimale Lösung wird die fristlose Entlassung der Verantwortlichen gefordert. Skandalös sei es, die singenden Kinder instrumentalisiert zu haben – Pfui Deibel aber auch!

Selbst der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet fand die Affäre wichtig genug, öffentlich seine Entrüstung zu bekennen – und WDR-Intendant Tom Buhrow zog alsbald die Reißleine, ließ das Video vom Netz nehmen und entschuldigte sich „ohne Wenn und Aber“ dafür. In einer Sondersendung stellte sich der WDR2-Chef Jochen Rausch den Hörermeinungen. Natürlich hat es die Produktion längst auf YouTube geschafft und ist dort zu besichtigen:



Den genauen Text kann man hier nachlesen:

Noch lustiger wird es, wenn man die Quelle des Kinderlieds genauer recherchiert:
Es benützt den Refrain des 1922 von Robert Steidl geschriebenen Rheinländers „Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen“. Der Text ist an den Foxtrott „Meine Oma fährt Motorrad, ohne Bremse, ohne Licht“ von 1928 angelehnt.

Im Laufe der Zeit entstanden immer wieder neue Strophen, beispielsweise:

„Meine Oma hat ’nen Nachttopf mit Beleuchtung …“
„Meine Oma hat ’nen Pet[t]icoat aus Wellblech …“
„Meine Oma hat im Strumpfband ’nen Revolver …“

Allerdings stellt hier der Refrain der Großmutter jeweils ein ehrendes (nicht ganz ironiefreies) Zeugnis aus:

„Meine Oma ist ’ne ganz patente Frau.“

Das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg schreibt dazu:
„Es ist ein Spiegelbild des spielerischen Vergnügens am Absurden und zugleich ein typisches und virulentes Beispiel für jenes Liedgut, das sich parallel zur medial geprägten Musikkultur des 20. Jahrhunderts entwickelt und mit einer gewissen Eigendynamik beständig verändert.“

Ich kann hierzu nur feststellen: Jahrzehntelang ist die Frauenfeindlichkeit und Altersdiskriminierung des Machwerks niemandem aufgefallen. Die Kombination von Nachttopf über blechernen Unterrock bis hin zu Strumpfbändern im James Bond-Stil sagt ja wohl genug! Und wo blieb bitteschön der Empörungs-Feldzug der Tierfreunde? Hühnerstall statt Freilandhaltung – und dann verängstigt man das Gefügel noch mit lautem Motorradlärm, überfährt vielleicht sogar noch eins!

Wahrlich: Solche Schmierfinken gehören geteert und gefedert (na ja, letzteres vielleicht doch nicht, die armen Hühner…)

Im Klartext: Dem deutschen „Empörialismus“ ist offenbar inzwischen kein Thema mehr zu dämlich für einen Shitstorm!

Klar kann man darüber diskutieren, ob hier die Wortwahl „Umweltsau“ vielleicht zu drastisch war – aber man vergleiche einmal, was sich Politiker in Satiresendungen wie der „Heute Show“ alles sagen lassen müssen. Darüber regt man sich eher nicht auf. Und der Gag funktioniert natürlich nur, wenn man das Lied einen Kinderchor singen lässt – das relativiert die Aussage. Zudem freuen sich Menschen dieses Alters sehr, wenn sie einmal ganz öffentlich „unanständige Wörter“ benützen dürfen!

Wie viele Komödien geben den Altersstarrsinn der Lächerlichkeit preis? Durch wie viele Fastnachtsreden geistert der Opa auf der Suche nach seinem Zahnersatz? Das alles jetzt verbieten, die Intendanten rausschmeißen? Nein – von Greta bis Oma gibt es am Theater sowohl das Rollenfach „jugendliche Naive“ wie „komische Alte“.

Wen darf man heute mittels Satire noch angreifen? Alte Menschen also nicht – wen dann? Kinder? Junge Leute? Menschen im mittleren Alter?

Ach, darf man alles, wenn nur die Richtung stimmt! So kriege ich selber ja in Permanenz die „Oberlehrer-Schelte“ ab, man attestiert mir, nur wegen altersbedingten Beschäftigungsmangels zu bloggen, und auch das Stereotyp von den „heterosexuellen alten weißen Männern“ durfte ich bereits genießen. Man hat sogar schon der Aussicht auf mein baldiges Ableben Ausdruck verliehen:
http://milongafuehrer.blogspot.com/2019/04/warten-auf-den-sensenmann.html

Allerdings würde ich die Bezeichnung „alte Umweltsau“ zurückweisen: Beispielsweise habe ich in 69 Jahren noch nie in einem Flugzeug gesessen und fahre selten in Urlaub – jedoch nicht aus ökologischen Gründen, sondern, weil ich mit Werner Schneyder der Ansicht bin, Reise bilde nicht, sondern verwirre eher. Daher habe ich die Hoffnung, von der „Deutschen Umwelthilfe“ mal mit einem Preis geehrt zu werden, längst aufgegeben…

Deswegen geht es bei der neuen deutschen Empörungskultur keineswegs darum, Menschen vor Entgleisungen zu schützen – nein: Wer in eine Richtung pöbelt, mit welcher man übereinstimmt, darf das natürlich, und wehe, man kritisiert das! Reine Zensur, die Meinungsfreiheit ist in Gefahr, weil man „das ja nicht mehr sagen darf“!

Wird in die falsche Richtung gehetzt, ist freilich Schluss mit lustig: Sofort verbieten, rausschmeißen, teeren, federn… (ach nein, hatten wir schon). Auch, wenn‘s nur Satire ist.

Und ich bitte herzlich, mir nun nicht mit den „zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sendern“ zu kommen! Seit Jahrzehnten toleriere ich klaglos Sendungen wie den „Musikantenstadel“ und bin froh – anders als bei den Privaten“ – nicht jede Viertelstunde mit Werbung belästigt zu werden.

Daher – auch wenn sich nun die letzten Facebook-Freunde von mir abwenden sollten: Wer der Satire (ob nun gelungen oder auch mal nicht so toll) an den Kragen will, kriegt es mit mir zu tun. Da lebe ich mit Wonne meinen Altersstarrsinn aus!

Und vielleicht kaufe ich mir morgen doch noch ein Feuerwerk – nur, damit sich gewisse Leute wieder aufregen können und ich meinen Spaß dran habe…

Meinen (verbliebenen) Lesern ein gutes Neues Jahr!

P.S. Man hätte das Oma-Epos schon längst sprachwissenschaftlich sezieren sollen. Thomas Freitag hatte es ja mal unternommen:

 

Sonntag, 15. Dezember 2019

Von den Hetzjagd-Medien


Wir haben genaue Vorstellungen von einer neuen Art Zeitung, die wir schaffen möchten. Für sie müsste die Wahrheit der Tatsachen heilig sein, sie müsste sich der strengen Sachlichkeit in der Berichterstattung befleißigen, sie müsste auch den Andersmeinenden gegenüber immer Gerechtigkeit walten lassen; und sie müsste sich bemühen, nicht an der Oberfläche der Dinge stehen zu bleiben, sondern ihre geistigen Hintergründe aufsuchen. Dies alles also wollen wir redlich, aber wir glauben, zu diesem neuen Typ von Zeitung müsste auch eine beträchtliche Volkstümlichkeit, ein Ansprechen breiter Schichten – ohne ihre Umschmeichlung – gehören. Natürlich denken wir nur an diejenigen, die sich mit uns bemühen wollen, über die Dinge nachzudenken, statt Schlagworten nachzulaufen. Für die Denkfaulen möchten wir nicht schreiben.“
(Leitartikel der 1. Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen“, 1.11.1949)

Vor drei Tagen sendete das ARD-Politikmagazin „Kontraste“ einen Beitrag: „Saskia Esken in Kündigungsaffäre verwickelt“. In 7 Minuten 12 Sekunden gibt man sich größte Mühe, die neue SPD-Vorsitzende zu demontieren.      

Bereits in der Anmoderation stellt man fest: Saskia Esken „verkaufe” sich gern als das „gute Gewissen der SPD“, „linker als die meisten, aufrechter als viele“. Aber wer sich ihr „Vorleben“ ansehe, stoße auf einige, die „ihr das so nicht durchgehen lassen können“. Die hätten eine „andere Saskia Esken kennengelernt“.

Nur, dass wir das Nachfolgende schon mal richtig einzuschätzen wissen…

Worum geht es?

Die „waschechte Hinterbänklerin“ könne als einzige Führungsqualität ihre Funktion als Vizevorsitzende im Landeselternbeirat Baden-Württembergs vorweisen. Christian Buksch, der Vorsitzende des Gremiums, in das Esken 2011 gewählt wurde und der 2012 aufgrund „heftiger Auseinandersetzungen mit ihr“ zurücktrat, hat keine gute Meinung von der neuen SPD-Chefin: Sie sei mit für die Querelen verantwortlich, es habe zu der Zeit viele Austritte von Mitgliedern gegeben.

Hauptsächlicher Zankapfel ist jedoch die damalige Kündigung der Leiterin der Geschäftsstelle, Gabi Wengenroth. Man habe sich die Passwörter der Beschäftigten des Büros geben lassen und ihren Mailaccount angesehen. Auf Grund dessen, „was man da vorfand“, habe der neue Vorstand ihr gekündigt – und Saskia Esken persönlich habe das Schreiben in den Briefkasten von Wengenroth geworfen. Die Geschasste musste ihr Büro sofort räumen und den Schlüssel abgeben.

Die folgende Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht endete mit einem Vergleich – die Sekretärin erhielt einen neuen Arbeitsplatz im Stuttgarter Kultusministerium.

War das rechtens? „Kontraste“ lässt zwei Arbeitsrechts-Experten zu Wort kommen, welche dies verneinen. Der Vorstand hätte gar nicht selber kündigen dürfen, ein Kündigungsgrund sei nicht gegeben gewesen, und die Durchsuchung des PC der Angestellten zudem rechtswidrig und strafbar gewesen. Arbeitsrechtlich sei „alles falsch gemacht worden, was man falsch machen kann.“ Zudem habe man „grob und herzlos“ agiert. Schließlich besorgte man sich noch den O-Ton des ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden von Porsche, Uwe Hück. Das Parteimitglied schreibt seiner neuen Chefin ins Stammbuch: „Das passt zu der SPD nicht, und die SPD wird sowas nicht zulassen.“

Die Nachricht löste in der deutschen Presselandschaft ungefähr dieselbe Reaktion aus wie der Abwurf einer Ladung Kalbsschnitzel in einen Tigerkäfig: Begeistert und offenbar meist frei von eigenen Recherchen druckte man die Vorwürfe nach. Die Formulierungen fallen teilweise noch saftiger aus: Die Mitarbeiter der Elternbeirats-Geschäftsstelle seien „überwacht“ worden – schlimmer noch: Die SPD-Chefin persönlich habe „Mitarbeiter ausspioniert“.

Die politischen Gegner denken bereits laut über ihren Rücktritt nach, so FDP-Mann Wolfgang Kubicki: „Sollte sich dann herausstellen, dass sie rechtswidrig gehandelt hat, muss sie sich selbst überlegen, ob der Vorsitzendenposten bei einer Regierungspartei damit kompatibel ist.“

Inzwischen sickert jedoch eine etwas andere Version der damaligen Ereignisse durch, von der bei Weitem nicht alle Medien berichten:

Tatsächlich war wohl der Landeselternbeirat in Stuttgart ein seit Jahren zerstrittenes Gremium: Hauptschul-Vertreter kämpften gegen Gymnasiums-Lobbyisten, CDU-Anhänger gegen Fans der rot-grünen Regierung, wobei Esken sich offenbar kritisch mit der damaligen SPD-Bildungsministerin (!) befasste. Mehrere Vorsitzende traten in wenigen Jahren zurück, dem jetzigen Kronzeugen Christian Buksch wird „autokratisches Verhalten“ nachgesagt. Über die konkreten Gründe seines Rücktritt 2012 habe ich nichts gefunden.

Der neue Vorstand jedenfalls wurde von den Vorgängern in keiner Weise eingearbeitet, offenbar verschwand man im Zorn. In der Geschäftsstelle häuften sich die Anfragen, die auf dem Dienstcomputer der später Gekündigten aufliefen. Beim Versuch, diese zu beantworten, stieß man auf illoyales Verhalten: Die Sekretärin hatte offenbar Interna der neuen Leitung an die Zurückgetretenen durchgestochen und mit negativen Kommentaren versehen. Um das abzustellen, schmiss man sie hinaus.

Das war sicherlich ein formaler Fehler, welcher der Unerfahrenheit der neuen Leute zuzurechnen sein dürfte: Dienstherr der Sekretärin war nämlich das Kultusministerium. Interessant wäre für mich, was in den Vergleich beim Arbeitsgericht stand – aber das berichtet niemand. Warum hat das Gericht nicht festgestellt, die Sekretärin dürfe ihre Stelle behalten? Und wenn ein strafbares Verhalten (Verletzung des Post- oder Fernmeldegeheimnisses, § 206 StGB) anzunehmen wäre: Wieso hat das Gericht die Akten damals nicht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet? Das wären Fragen, die mich als Journalisten interessieren würden. Die „professionellen“ Kollegen wohl nicht!

Im neuen Vorstand war damals auch Carsten Rees, der nun seit einigen Jahren das Gremium leitet. Seine Aussagen:

Als Saskia Esken und ich 2012 als stellvertretende Vorsitzende anfingen, war das Gremium äußerst zerstritten. Es war geprägt von einer Vorsitzenden, die den ganzen Beirat über Jahre sehr hierarchisch geführt hatte. Wir haben es im Team geschafft, den Landeselternbeirat in ein sachorientiertes Gremium zu verwandeln, in dem die Arbeit Spaß macht.“

„Für ein so schwieriges Terrain wie die SPD hat Saskia Esken die besten Voraussetzungen. Sie kann richtig anpacken, wenn es ums Arbeiten geht. Nachtschichten und Telefonkonferenzen am Wochenende sind auch bei uns im Beirat an der Tagesordnung. Saskia Esken denkt sehr strukturiert und kann gut kommunizieren. Das ist ja wichtig, wenn es auf Teamwork ankommt. Wer nur rumschwurbelt, kann es gleich sein lassen.“  

„Saskia Esken hat wie alle anderen ehrenamtlich gearbeitet: oft viele Stunden in der Woche und das neben dem regulären Job. (…) Ich finde, die SPD hat mit Saskia Esken echt Glück. Was den Vorwurf betrifft, sie habe bislang noch kein Parteiamt ausgeübt, so halte ich ihn für absurd. Viele Parteien haben in ihren Gremien Klüngeleien. Da ist es doch vielleicht ganz gut, wenn mal jemand an die Spitze kommt, der nicht Klüngelpolitiker ist.“

Nicht die Sekretärin sei vom Vorstand bespitzelt worden, sondern umgekehrt! Und übrigens habe Esken die Kündigung zugestellt, weil sie schlicht am nächsten dran wohnte. Aber solche Tatsachen sind wohl nicht genügend „skandal-sexy“

Es stimmt wohl, was der Kabarettist Georg Schramm über Friede Springer und ihre „Lohnschreiber“ sagte: Eine Handbewegung von ihr genüge, Politiker vom Thron zu holen.
Dann werden Hundertschaften von „Journalisten“ von der Kette gelassen, um jeden Tag im Leben eines Missliebigen zu durchforsten – und man darf gewiss sein: Irgendeinen faulen Knochen werden die Terrier des gedruckten Wortes schon ausgraben.



Gut, die SPD hat nun rechtliche Schritte gegen das Magazin (ein treffender Name) „Kontraste“ eingeleitet. Wird es etwas nützen? Nur bedingt – der „Skandal“ wird Saskia Esken wie Hundedreck an den Sohlen kleben. Interviews zum konkreten Fall hat sie bislang nicht gegeben. Ich würde es ihr auch nicht raten: Unvoreingenommenheit darf sie nicht erwarten. Seit Wochen schreibt fast die gesamte Presse das neue SPD-Führungsduo in Grund und Boden – um dann zu vermelden: Die Sozialdemokraten haben in Umfragen nicht zugelegt. Welch ein Wunder!

Und ja: Neue politische Führer müssen unbedingt der alten Nomenklatura entstammen – sonst fehlt einfach die Erfahrung. Anschließend kann man dann beklagen, dass nur der Klüngel entscheidet…

Durch puren Zufall bin ich auf den ersten Leitartikel der FAZ aus dem Jahr 1949 gestoßen. Er beschreibt eine Medienwelt, die es heute nicht mehr gibt – und die damals aus den schrecklichen Erfahrungen entstand, was eine gelenkte Propaganda-Presse anrichten kann.

Heute müsste ein solcher Leitartikel anders lauten:

Für uns ist die Wahrheit der Tatsachen nur ein Mittel zum Zweck, wo sie nicht passt, wird sie passend gemacht. Strenge Sachlichkeit in der Berichterstattung bringt in unserer Empörungs-Gesellschaft keine Quote, Andersmeinende verwirren nur das gemeine Volk; und wer nicht an der Oberfläche der Dinge stehen bleibt, sondern ihre geistigen Hintergründe aufsucht, verliert Leser.

Wir schreiben für die Denkfaulen – für wen denn sonst?
  
Weitere Quellen: