Samstag, 13. Juli 2019

Anja Wolbergs: „In Liebe, Jana!“



Wahrscheinlich werden viele meiner Leser nicht verstehen können, warum ich eine Rezension ausgerechnet zu diesem Buch schreibe.

Ich schon.

Die Autorin ist die Noch-Ehefrau des (derzeit suspendierten) Regensburger Oberbürgermeisters. Wer die „Regensburger Parteispenden-Affäre“ nicht kennen sollte – hier in Kurzform:

Joachim Wolbergs (damals noch SPD) gewann im Mai 2014 die Stichwahl um den Posten des Oberhaupts der viertgrößten bayerischen Stadt mit zirka 70 Prozent. Etwa 2 Jahre später leitete die Regensburger Staatsanwaltschaft gegen ihn (und andere) ein Ermittlungsverfahren ein. Der anfängliche Vorwurf: Vorteilsgewährung bzw. Vorteilsannahme sowie Verstöße gegen das Parteiengesetz. Es ging um (gestückelte) Parteispenden und private Vergünstigungen, die Wolbergs angeblich von einem Bauunternehmer bekommen hatte. Als Gegenleistung sollte der fette Bauaufträge von der Stadt erhalten haben.

Im Januar 2017 wurde der Vorwurf auf Bestechlichkeit erhöht. Der Oberbürgermeister und weitere Personen wurden in Untersuchungshaft genommen, die Landesanwaltschaft verhängte die einstweilige Suspendierung Wolbergs. Nach knapp 6 Wochen wurde der Haftbefehl gegen ihn mit  Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Im März 2018 eröffnete das Landgericht Regensburg das Hauptverfahren gegen den OB und drei Mitangeklagte, allerdings wurde der Tatvorwurf der Bestechung bzw. Bestechlichkeit nicht angenommen. Am Ende des Prozesses, der sich von September 2018 bis Juli 2019 hinzog, wurde Wolbergs von allen wesentlichen Anklagepunkten freigesprochen. Lediglich in 2 Fällen ging das Gericht von einem „Verbotsirrtum“ aus und kam zu einem Schuldspruch wegen Vorteilsannahme. Von einer Bestrafung sah das Gericht ab – Wolbergs sei durch das Verfahren „quasi ruiniert“.

Das betrifft nicht nur seine Finanzen. Gerade die Inhaftierung hat bei ihm, seiner Frau sowie seinen beiden Kindern heftige Traumata ausgelöst. Wolbergs beteuert bis heute seine Unschuld und strebt die Aufhebung seiner Suspendierung sowie eine neue Kandidatur bei den Kommunalwahlen 2020 an. Er und seine Verteidiger kritisierten immer wieder den unverhältnismäßigen und zum Teil illegalen Aufwand, mit dem die Ermittler gegen ihn vorgegangen seien – so wurden (auch höchst private) Telefonate abgehört und zirka 2 Millionen E-Mails ausgewertet.

In ihrer Urteilsbegründung rüffelte die Richterin die Staatsanwaltschaft in einer selten dagewesenen Weise: Die U-Haft sei unangemessen gewesen, ebenso viele Ermittlungen, insbesondere die bei der Telefonüberwachung.

Das Urteil ist wegen laufender Revisionen noch nicht rechtskräftig. Zudem hat die Staatsanwaltschaft weitere Verfahren gegen den OB (wegen der gleichen Delikte) angestrengt. Zankapfel ist der sehr breit ausgelegte Vorwurf der Vorteilsannahme, der einen Amtsträger schon in Verdacht bringt, wenn er überhaupt Parteispenden annimmt – auch, wenn seine dienstlichen Tätigkeiten stets legal waren.
   
Große Vorwürfe macht Wolbergs vielen Repräsentanten seiner Partei, die ihn weitgehend abgeschrieben hätten. Im April 2019 hat er die SPD verlassen und sich einem unabhängigen Wählerverein angeschlossen.

Damit man mich nicht missversteht: Ich kann und will nicht entscheiden, ob bzw. wie sich das suspendierte Stadtoberhaupt schuldig gemacht hat. Fest steht derzeit jedenfalls: Das lange Verfahren hat nicht bewiesen, dass Wolbergs in seinen dienstlichen Handlungen „käuflich“ gewesen ist.

Mir geht es um ein Buch:

„In Liebe, Jana!“ nennt Anja Wolbergs ihren Roman – mit dem Untertitel „Ein Skandal und große Gefühle in Regensburg“ (welcher, so die „Zeit“ in ihrer Rezension, eine ZDF-Verfilmung geradezu erzwinge).

Das Werk ist in großen Teilen wohl autobiografisch, was schon die Namen der Eheleute („Jonas und Jana Wolters“) nahelegen. Und auch Sohn und Tochter sind im realen Teenager-Alter. Lediglich der Ich-Erzähler, ein guter Freund und kurz vor der Rente stehender Lokaljournalist, wurde wegen des Perspektivenwechsels (sowie zur Beschreibung der Medien-Aktivität) hinzuerfunden.
   
Wie aus ihren Schlussbemerkungen deutlich wird, hat die Autorin mit Verrissen gerechnet, vor allem von Menschen, „deren eigenes Leben furchtbar langweilig sein musste oder die selbst viel mitgemacht hatten und nun ihre Verzweiflung und ihren Hass öffentlich auslebten, um ihr eigenes Selbstwertgefühl zu steigern“.

Wohl wahr! Es ist für mich immer wieder ein großes Vergnügen, auf „Amazon“ negative Rezensionen zu lesen. Über missliebige Bücher (nicht nur zum Tango) gehören folgende Einschätzungen zum Standard:

·         Das Motiv des Autors ist wahlweise Eitelkeit oder Geldgier.
·         Das geistige Niveau ist unterirdisch.
·         Unglaublich, dass ein Verlag so etwas veröffentlicht!

Kostproben zum vorliegenden Buch:

„Unerträgliche Selbstbeweihräucherung“

„Unverständlich das ein Verlag dahinter steht !
Ich konnte dieses Buch kaum lesen, unerträglich die Ausdrucksform, Wortwiederholungen , Satzbau und eine Sprache die, vergleichbar mit einer häuslichen Unterhaltung ist .“

„Ein kleiner unwichtiger Skandal aus dem eine kleine unwichtige Frau Profit schlagen möchte.“

 „Zur Schau stellt sie sich als infantile Naive, die unter Drucksituationen/ in Konflikten keinen Windhauch stand hält.“

„Es ist ein einfach geschriebener ‚Hausfrauenroman‘ auf dem Niveau eines Aufsatzes der Mittelstufe.“

„Stilistisch und inhaltlich ist dieser Groschenroman ein einziges Desaster. Der mitunter weinerliche Ton und die küchenpsychologischen Plattitüden sind einfach nur zum Fremdschämen.“

(Hinweis: Rechtschreibung und Interpunktion unkorrigiert!)


Aber auch professionelle Rezensenten lassen kaum ein gutes Haar an dem Buch so bezeichnet sie die Zeit" (Link siehe oben) die Autorin ironisch als die Hillary Clinton" Regensburgs.

Klar, die Autorin ist keine geübte Schriftstellerin. Ihre Sprache ist einfach und gelegentlich unbeholfen, manchmal auch redundant – und einige Exkurse in „philosophische“ Sphären hätte ich ihr als Lektor gestrichen. Einen „literarischen“ Anspruch erhebt der „Roman“ jedoch gar nicht.

Was mich an dem Werk fasziniert: Es ist authentisch und beschreibt den Tsunami, der über eine Politiker-Familie hereinbricht. Und der beginnt bereits vor den juristischen Attacken gegen den Ehemann, als der seiner Frau mitteilt, er würde sich von ihr trennen. Der nicht gerade originelle Grund: eine neue Beziehung in Gestalt einer Arbeitskollegin.

Wie wird man allein schon damit fertig – und dann noch mit den ganzen üblen Gerüchten und Verdächtigungen, die ein solcher Politskandal mit sich bringt? Wie reagierend die Kinder, wenn man ihnen mitzuteilen hat, der Vater sei verhaftet und in die psychiatrische Abteilung einer Justizvollzugsanstalt eingewiesen worden – wegen angeblicher Suizidgefahr? Wie verhalten sich Verwandte, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Lehrer, Schulkameraden? Wie geht man mit einer Staatsanwaltschaft um, der man jeden Besuchsschein abbetteln muss und bei der man das Mitbringen frischer Unterwäsche für den Häftling zu beantragen hat?

Einen „Windhauch“ nennt das ein Rezensent. Ich sehe darin die komplette Vernichtung einer bürgerlichen Existenz. Die „Unschuldsvermutung“ steht dabei nur auf dem Papier – schon lange vor dem Prozess hatten viele den einstigen Polit-Hoffnungsträger abgeschrieben. Insbesondere die völlig überzogene U-Haft trug dazu bei: Wenn die Behörden zu so harten Maßnahmen griffen, müsse ja „etwas dran“ sein!

Vieles an dieser Affäre erinnert an den Absturz des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff: Auch bei ihm ging es um Vorteilsannahme von reichen „Freunden“ sowie eine überzogen agierende Staatsanwaltschaft – und er bekam sogar einen glatten Freispruch.

Warum gerade Wolff oder Wolbergs? Ich fürchte, das ist eher Zufall. Zu sorglos mit der gefährlichen Melange aus beruflicher und privater Nähe sind viele. Wenn man dann Verdächtiges entdeckt, bricht bei manchen Menschen etwas durch, was ich als „Bluthund-Natur“ bezeichnen möchte: Das angeschossene Wild wird gnadenlos verfolgt, bis es erlegt ist – je prominenter, desto besser. Leider gibt es diese Spezies nicht nur bei Journalisten, sondern auch in staatlichen Ermittlungsbehörden. Die pflichtgemäße Suche auch nach Entlastendem findet dann nicht mehr statt.

Mehr noch: Man tritt nach, auch wenn der Gegner schon am Boden liegt. Ein Begriff wie „Ritterlichkeit“ erscheint dann mehr als altmodisch. Die Stärke des Buches besteht vor allem darin, dass Anja Wolbergs dies auch an kleinen und kleinsten Details durchdekliniert: Da gibt es Beamte, die sich an ihre Vorschriften halten müssen und dennoch Verständnis für eine Ehefrau haben, die nach der Verhaftung ihres Mannes völlig durch den Wind ist. Und andere, welche ihre gesetzlichen Möglichkeiten anscheinend genießerisch einsetzen, um die Familie noch mehr zu traktieren.

Und auch darüber könnte das Werk zum Nachdenken anregen: Man kommt – auch in einem Rechtsstaat – schneller in Haft, als die meisten es sich vorstellen können. Da reicht eine falsche Aussage, und schon steht morgens um Sechs die Polizei vor der Tür! Das Leben wird danach nie mehr so, wie es einmal war.

Im Gegensatz zum ehemaligen Staatsoberhaupt ist Joachim Wolbergs nicht zurückgetreten, musste seine Geschichten nicht immer wieder nachbessern, sondern kämpft nach wie vor um die Wiederherstellung seiner Reputation. Und Anja Wolbergs ist keine „Glamour-Gattin“: Während seiner Amtszeit war sie stets im Hintergrund geblieben, ist ein Beispiel für viele Politiker-Ehefrauen, die sich stattdessen um Haus, Hof und Kinder kümmern, ihrem Mann den Rücken freihalten, dazu noch halbtags berufstätig sind – und schließlich von einer Neuen ersetzt werden. Politik ist Gift fürs Familienleben.

Doch nicht einmal die private Krise konnte sie aus der Bahn werfen: „Jana wollte zeigen, dass man trotz einer Trennung ordentlich mit seinem Partner umgehen konnte, dass das Ende einer Beziehung nicht zwangsläufig Rosenkrieg bedeutete. Dass man selbst in der schlimmsten Krise das Vertrauen zueinander nicht verlieren musste.“

Im August 2018, kurz vor Prozessbeginn, ist sie erstmals in die Öffentlichkeit gegangen – mit einem Buch, das sie wohl in erster Linie schreiben musste, um die Dinge für sich zu klären. Voraussehbar wurde sie dafür mit Dreck beworfen, von Selbstdarstellern der Selbstdarstellung geziehen. Doch auch das wird sie in ihrer bodenständig-rustikalen Art überstehen:

„Als Pfauen bezeichnete sie heimlich die Selbstdarsteller, die ebenso wie das schöne Tier ihr gefiedertes Rad schlugen, um aufzufallen. Wenn sie sich umdrehten, sah man allerdings ihren nackten Arsch.“

Hier die Autorin im Interview:



P.S. Demnächst erscheint diese Rezension in gekürzter Fassung auch bei Amazon.
 

Donnerstag, 20. Juni 2019

„Der Feind steht rechts!“


Nachdem bereits 1921 der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger einem Attentat der rechtsradikalen „Organisation Consul“ zum Opfer fiel, ermordeten Mitglieder dieser Gruppe 1922 auch den liberalen Politiker und Außenminister Walther Rathenau.

Beide waren als angebliche „Erfüllungspolitiker“ der alliierten Siegermächte („Entente“) Hassobjekte der rechten Szene. Deren Presse veröffentlichte schon lange übelste Verunglimpfungen über demokratische Politiker. Zudem war die jüdische Abstammung Rathenaus Ziel vieler Attacken.

Das Deutsche Reich stand damals wegen der Reparationszahlungen aus dem Versailler Vertrag unter erheblichem politischen und wirtschaftlichen Druck. Dies lasteten die Nationalisten jedoch nicht der kaiserlichen Kriegspolitik, sondern den Vertretern der jungen Weimarer Republik an.

Der Mord an Rathenau führte zu riesigen Protesten in der Arbeiterschaft und Tumulten im Reichstag. Einen Tag später (25.6.1922) kam es dort zu einer sehr bemerkenswerten, häufig von Beifall aus der Mitte und der Linken begleiteten Ansprache, die ich in Ausschnitten zitiere. Den Redner nenne ich erst zum Schluss!          

Trotz der Leere des Hauses oder gerade deswegen will ich eine ruhige Minute benutzen, um Ihre Aufmerksamkeit zu erbitten. Es war nicht möglich, gestern Mittag und gestern Abend den Werdegang des Herrn Ministers Rathenau und seine Verdienste um das deutsche Volk, den deutschen Staat und die deutsche Republik ausgiebig zu würdigen. Es war auch nicht möglich, in Ihrer Mitte – und ich persönlich müsste als sein Freund das mit besonderer Bewegung tun – über die großen Entwürfe seiner Seele zu sprechen. Allein, meine Damen und Herren, eins will ich in Ihrer Mitte doch sagen. Wenn Sie in Deutschland auf einen Mann, auf seine glänzenden Ideen und auf sein Wort hätten bauen können, in einer Frage die Initiative zu ergreifen im Interesse unseres deutschen Volkes, dann wäre es die Weiterarbeit des Herrn Dr. Rathenau bezüglich der großen Schicksalsfrage der Alleinschuld Deutschlands am Kriege gewesen.
(…)
Ich habe erwartet, dass heute nicht nur eine Verurteilung des Mordes an sich erfolgt, sondern dass diese Gelegenheit benützt wird, einen Schnitt zu machen gegenüber denen, gegen die sich die leidenschaftlichen Anklagen des Volkes durch ganz Deutschland erheben. Ich habe erwartet, dass von dieser Seite heute ein Wörtchen falle, um einmal auch die in Ihren eignen Reihen zu einer gewissen Ordnung zu rufen, die an der Entwicklung einer Mordatmosphäre in Deutschland zweifellos persönlich Schuld tragen.
(…)
Wie weit die Vergiftung in Deutschland geht, will ich einmal an einem Beispiel zeigen. Ich verstehe, dass man an der Politik der Regierung, an unserem Verhalten persönlicher und politischer Art Kritik üben kann. Warum nicht? Ich verstehe auch ein scharfes Wort, verstehe auch Hohn und Spott im politischen Kampf, verstehe die Verzerrung zur Karikatur. Ziel und Richtung unserer Politik – das ist, glaube ich, oder sollte es wenigstens sein, Gemeingut des ganzen Hauses – Ziel und Richtung unserer Politik ist die Rettung der deutschen Nation.
(…)
Meine Damen und Herren, da glaubt nun ein Reichstagskollege folgendes schreiben zu können:
(…)
Er spricht in seinem Blatte von Forderungen über neue Verträge, die notwendig sind, um die Arbeiter und Beamten in ihren Bezügen aufzubessern. Dann fährt der betreffende Kollege fort:
„Die jetzige Regierung ist in Wirklichkeit nur eine vom Deutschen Reich zwar bezahlte Angestellte der Entente, die ihre Forderungen und Vorschriften einfach zu erfüllen hat; sonst wird sie einfach auf die Straße gesetzt und ist brotlos.“
(…)
Können Sie sich eine größere Entwürdigung von Menschen denken, die, wie wir, seit Jahresfrist an dieser Stelle stehen? Steigt Ihnen (zu den Deutschnationalen) da nicht auch die Schamröte ins Gesicht?!
(…)
Nun kommt er zum Schluss und sagt von uns, die wir hier seien, um unser Brot zu verdienen, die wir Entente-Knechte seien, die wir deshalb die Politik machen, damit wir der Entente gefallen und dadurch eine Anstellung haben:
„... nur das diese Kreise von der Arbeiterschaft nicht zu dem Schluss kommen, dass das ganze System zum Teufel gejagt werden muss, weil wir in Berlin eine deutsche Regierung, aber keine Entente-Kommission brauchen.
(…)
Meine Damen und Herren! Wo ist ein Wort gefallen im Laufe des Jahres von Ihrer Seite gegen das Treiben derjenigen, die die Mordatmosphäre in Deutschland tatsächlich geschaffen haben?! (..) Da wundern Sie sich über die Verwilderung der Sitten, die damit eingetreten ist?
Wir haben in Deutschland geradezu eine politische Vertiertheit.
(…)
Ich habe die Briefe gelesen, die die unglückliche Frau Erzberger bekommen hat. Wenn Sie, meine Herren, diese Briefe gesehen hätten – die Frau lehnt es ab, sie der Öffentlichkeit preiszugeben – wenn Sie wüssten, wie man diese Frau, die den Mann verloren hat, deren Sohn rasch dahingestorben ist, deren eine Tochter sich dem religiösen Dienst gewidmet hat, gemartert hat, wie man in diesen Briefen der Frau mitteilt, dass man die Grabstätte des Mannes beschmutzen will, nur um Rache zu üben –
(…)
Wundern Sie (nach rechts) sich, wenn unter dem Einfluss der Erzeugnisse Ihrer Presse der letzten Tage Briefe an mich kommen, wie ich hier einen von gestern in der Hand habe, der die Überschrift trägt: „Am Tage der Hinrichtung Dr. Rathenaus!“
Wundern Sie sich dann, meine Herren, wenn eine Atmosphäre geschaffen ist, in der auch der letzte Funke politischer Vernunft erloschen ist?
Ich will mich mit dem Briefe sonst nicht weiter beschäftigen und nur den Schlusssatz vorlesen:
Im Guten habt ihr Männer des Erfüllungswahnsinns auf die Stimme derer nicht hören wollen, die von der Fortsetzung der Wahnsinnspolitik abrieten. So nehme denn das harte Verhängnis seinen Lauf, auf dass das Vaterland gedeihe!“
Wollen wir aus dieser Atmosphäre – und das ist es doch, worauf es allein ankommt – wieder heraus, wollen wir gesunden, wollen wir aus diesem Elend herauskommen, dann muss das System des politischen Mordes endlich enden, das die politische Ohnmacht eines Volkes offenbart.
(…)
Niemals habe ich einen Mann edlere vaterländische Arbeit verrichten sehen als Dr. Rathenau. Was aber war nach der rechtsvölkischen Presse sein Motiv? Ja, meine Damen und Herren, wenn ich in diesem Briefe lese, dass natürlich die Verträge alle nur abgeschlossen sind, damit er und seine Judensippschaft sich bereichern können, dann können Sie wohl verstehen, dass unter dieser völkischen Verheerung, unter der wir leiden, unser deutsches Vaterland rettungslos dem Untergang entgegentreiben muss.
(…)
Ich muss hier das Wort wiederholen, das ich seinerzeit gesprochen habe, dass in einem so wahnwitzigen Entscheidungskampf, den viele von Ihnen gewissenlos herbeiführen, uns unsere Pflicht dahin führt, wo die großen Scharen des arbeitenden Volkes stehen.
(…)
Wie oft haben wir mahnend und flehend gerade nach dem Auslande hin die Hände erhoben und haben gesagt: Gebt dem demokratischen Deutschland jene Freiheit, deren das demokratische Deutschland bedarf, um im Herzen Europas eine Staatsform zu schaffen, die eine Gewähr des Friedens bietet. Unsere Mahnungen sind verhallt. Erst in dem Augenblick, wo man gesehen hat, dass die ganze Welt leidet, wenn das deutsche Volk zugrunde geht, ist allmählich erst durch wirtschaftliche Erwägungen der Hass etwas zurückgetreten. Aber die politischen Folgerungen aus dieser veränderten Atmosphäre sind bis zur Stunde noch nicht gezogen.
(…)
Darüber besteht kein Zweifel. Es ist für ein Sechzig-Millionen-Volk auf die Dauer unmöglich, unter der Herrschaft von fremden Kommissionen, und wenn es die Herren noch so gut meinen sollten, ein demokratisches Deutschland überhaupt lebensfähig zu machen.
(…)
Da wundert es mich nicht mehr, dass diese Erkenntnis den General Ludendorff veranlasst hat, in einer englischen Zeitschrift einen Artikel zu schreiben und für Deutschland die Diktatur zu empfehlen, die monarchistische Diktatur. Dieser Artikel ist eines deutschen Generals unwürdig.
(…)
Gewiss, meine Damen und Herren, mit nationalistischen Kundgebungen lösen Sie kein Problem in Deutschland. Ist es denn eine Schande, wenn jemand von uns, von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten, in idealem Schwung die Fäden der Verständigung mit allen Nationen anzuknüpfen versucht? Ist es eine Schande, wenn wir mit jenem gemäßigten Teil des französischen Volkes, der die Probleme nicht nur unter dem Gesichtspunkt sieht: Wir sind die Sieger, wir treten die Boches nieder, heraus mit dem Säbel, Einmarsch ins Ruhrgebiet – wenn wir durch persönliche Beziehungen mit allen Teilen der benachbarten Nationen zu einer Besprechung der großen Probleme zu kommen suchen? Dr. Rathenau war wie kaum einer zu dieser Aufgabe berufen.
(…)
Geduld, meine Damen und Herren, wieder Geduld und nochmals Geduld und die Nerven angespannt und zusammengehalten auch in den Stunden, wo es persönlich und parteipolitisch angenehmer wäre, sich in die Büsche zu drücken!
(…)
In jeder Stunde, meine Damen und Herren, Demokratie! Aber nicht Demokratie, die auf den Tisch schlägt und sagt: Wir sind an der Macht! - Nein, sondern jene Demokratie, die geduldig in jeder Lage für das eigene unglückliche Vaterland eine Förderung der Freiheit sucht! In diesem Sinne, meine Damen und Herren, Mitarbeit! In diesem Sinne müssen alle Hände, muss jeder Mund sich regen, um endlich in Deutschland diese Atmosphäre des Mordes, des Zankes, der Vergiftung zu zerstören!
Da steht (nach rechts) der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. - Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!

Die Ansprache in vollem Wortlaut:


Diese Rede hielt weder ein Sozialdemokrat oder gar Kommunist, sondern der Zentrums-Politiker Joseph Wirth, seines Zeichens Reichskanzler von 1921 bis 1922.

Er warnte vor einer Entwicklung, die 11 Jahre später schlimme Wirklichkeit wurde. Wenn heute wieder deutsche Politiker Opfer von Bedrohungen, Attentaten und Mordanschlägen werden, sollte man sich erinnern: Die erste Republik auf deutschem Boden scheiterte, weil sie sich nicht genug gegen Antidemokraten wehrte…   

P.S. Die beiden Mörder Erzbergers flohen zunächst ins Ausland und wurden 1933 von den Nazis amnestiert. Erst nach dem Krieg verurteilte man sie auf Betreiben Frankreichs zu langjährigen Freiheitsstrafen, von denen sie nur einen kleinen Teil absitzen mussten. Bereits 1952 waren sie wieder auf freiem Fuß.
Der ehemalige Reichskanzler Joseph Wirth emigrierte 1933 ins Ausland und kehrte erst 1954 in die Bundesrepublik zurück. Er galt als entschiedener Gegner der Politik Adenauers und erhielt wegen seiner Ost-Kontakte in seiner Heimat keine Pensionszahlungen.