Donnerstag, 16. Juli 2015

Sind die Lehrer noch zu retten?

Wenn man ein Blog mit diesem Begriff einrichtet, ist dies doch eine naheliegende Frage!

Viele Außenstehende würden schon die Notwendigkeit einer Rettung bezweifeln: In ihren Augen sind die Menschen, welche Bildung verbreiten sollen, „faule Säcke“ (so das Zitat eines Altkanzlers), die nur halbtags arbeiten, zu lange Ferien haben, im Unterricht dummes Zeug schwafeln und dafür – inklusive Pensionsanspruch – fürstlich entlohnt werden. Auf die Gegenfrage, warum die Kritiker dann nicht selber einen solchen „Traumberuf“ gewählt hätten, wird meist halbherzig zugestanden, sich eher nicht so gerne in den Clinch mit den „heutigen Kids“ begeben zu wollen.

Ärzte gar fallen als Retter unseres Berufsstandes völlig aus: Immer wieder muss ich hören, Lehrer seien grauenhafte Patienten, da sie den Kontrollverlust fürchteten, wenn sie sich in Behandlung begäben. Ihre „Compliance“ (oder moderner „Adherence“) sei daher gleich null. Nun, vielleicht sollten Mediziner das vertikale Verhältnis zu ihren Patienten einmal um neunzig Grad drehen – aber ihre eigene Angst vor dem Machtverfall wird das wohl verhindern…

In den Augen der Eltern sind Lehrer oft genug „unfähig“, da sie es nicht fertig bringen, in einer Klasse mit dreißig Schülern innerhalb eines Schul-Mikrokosmos von gelegentlich mehr als tausend Beteiligten die Individualität ihres Sprösslings ausreichend zu würdigen, was den Erzeugern mit ihrem Einzelkind am heimischen Herd mühelos gelingt – sollten sie sich dort einmal aufhalten.

Die Vorgesetzten der Pädagogen möchten von Problemen ihrer Untergebenen (welche sie „Kollegen“ nennen) möglichst verschont werden: Schließlich haben sie sich jahrelang karrieremäßig abgestrampelt, um selber (fast) keinen Unterricht mehr geben zu müssen – und nun soll sie all das wieder einholen? Lieber kümmern sie sich um den neuen Schulentwicklungsbericht…

Die Schüler schließlich reagieren enttäuscht und genervt darauf, dass ihnen vorbildhaftes Erwachsensein weitgehend unterschlagen wird. Stattdessen erleben sie – nicht nur im Klassenzimmer – häufig Personal, welches ihnen via Cargohose, Kapuzenpulli, Rucksack plus niedriger Sprachebene vorzugaukeln versucht, es sei so ähnlich wie sie. Da sie davon aber schon mehr als genug haben, müssen solche Versuche fehlschlagen.

Das Schlimmste aber ist, dass Lehrer gemeinhin gar nicht an Rettung von außen denken. Vielmehr halten sie ihre Probleme für hausgemacht: Tief in der Pädagogenseele verwurzelt ist das Gefühl, welches in allen Sozialberufen ruinös wirkt: nicht genug zu leisten, sich – trotz warnender Krankheitssignale – noch immer unzureichend zu verausgaben. Ersatzweise wird dann viel zuviel geredet (siehe „Logorrhö“ – die natürlich ins Leere läuft, da ihnen keiner zuhört) und noch mehr gejammert (noch vergeblicher).

Dies war 2012 – nach 35 Jahren Schuldienst – der Grund, mein Buch „Der bitterböse Lehrer-Retter“ zu veröffentlichen. Oft genug machte es mich fassungslos, wenn Kollegen sich standhaft weigerten, einfache Lösungen zu verwirklichen – nur aus der Angst heraus, die übrigen Beteiligten könnten sich darob mit Schnappatmung auf dem Teppich wälzen. Na und? Das ist doch ihr Problem, und sie helfen ja bei unseren Schwierigkeiten auch nicht!

In der oben verwendeten Reihenfolge (und leicht kabarettistisch übertrieben) lauten solche Befreiungsschläge beispielsweise:

  • Da fast alle Menschen hierzulande einmal (irgend)eine Schule besucht haben, glaubt inzwischen jeder Depp, in Bildungsfragen mitreden zu können. Solchen Zeitgenossen muss man verdeutlichen, dass sie einer sind und es nicht können.
  • Gerade Ärzte (oder Juristen), welche uns mit ihrem Nachwuchs im Klassenzimmer nicht selten sehr viel Freude bereiten, sollten sich lieber einmal mit der Problematik eines Studiums befassen, welches dem Auswendiglernen von Telefonbüchern nahekommt und daher ein lausiges Transfervermögen plus null Sozialkompetenz liefert.
  • Zeitgenossen, welche lediglich bewiesen haben, dass sie zur Zeugung von Nachwuchs fähig sind, sonst aber oft genug über die Erziehungskompetenz von Autisten verfügen, haben nicht den mindesten Grund, sich in unsere schulischen Entscheidungen einzumischen. Wir können sie ihnen erklären, falls sie es kapieren (wollen) – mehr nicht.
  • Personen, welche in ihren lauschigen Büros – vor jungen Menschen durch mindestens zwei Sekretärinnen geschützt – residieren, sollten dort bleiben und sich weiterhin nur mit Dingen beschäftigen, bei denen sie wenig Schaden anrichten können: also nicht mit Unterricht und keinesfalls mit dessen Bewertung!
  • Die Schüler allerdings haben es verdient, Erwachsene zu erleben – und zwar analog, nicht digital – die ihnen klare Maßstäbe, ein solides Wissen und beste Fähigkeiten vermitteln. Dies alles traut man nur seriösen Alphatieren zu und nicht herumalbernden Berufsjugendlichen.

Das mag hart und provozierend klingen – und soll es auch. Irgendwo ist uns die Einsicht verloren gegangen, dass Konflikte nicht die Erziehung gefährden, sondern ihr notwendiger Bestandteil sind. Die dialektische Erkenntnis, dass man durch Widersprüche zur Wahrheit gelangt, versackt in unseren Bildungseinrichtungen im gutmenschigen Akzeptanz-Gedudel.

Wer mehr von solchen haarsträubenden Ideen lesen möchte, kann sich ja einmal auf meiner Website umsehen (www.robinson-riedl.de) oder im Extremfall mein Buch bestellen. Wie bei meinen anderen Blogs gilt auch hier: Sie sind werbefrei – mit Ausnahme des Marketings meiner Bücher.

Es würde mich freuen, wenn Sie die eine oder andere Idee für nützlich hielten (merkt man meist erst, wenn man sie ausprobiert hat) und dann hier per Kommentar darüber berichten. Selbstverständlich dürfen Sie mir ebenfalls mitteilen, welch ewiggestrigen Unsinn ich verbreite – beides allerdings, wie in meinen anderen Foren – unter zwei Bedingungen: mit wahrem Namen und ohne persönliche Herabsetzungen.

Ach ja, nun habe ich die Ausgangsfrage noch nicht beantwortet:
Sind die Lehrer noch zu retten?
Mir fällt dazu nur das ein, was ich bereits im Buch geschrieben habe:

Lehrer schon, die Lehrer nicht.

Mit besten kollegialen Grüßen
Ihr Gerhard Riedl

Kommentare:

  1. Herr Riedl war ein toller Lehrer. Er inszenierte jede Stunde quasi als eine Show, die uns Schüler ziemlich in den Bann zog . Natürlich hatten wir auch ein bisschen
    Angst vor ihm. Es wäre schön, wenn mehrere Lehrer dieses Talent besitzen würden. Nun daa ich selber Kinder habe, denke ich nicht negativ über Lehrer, da ich die Erziehung auh als sehr anstrengend empfinde. Ich bin dankbar, dass es Euch gibt, denn von mir nehmen die Kinder ja nichts an.

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  2. O, danke für die Blumen! Man muss offenbar nur alt genug werden, um Lob für seine Berufsarbeit zu erhalten.

    Talent ist für den Lehrberuf - wie für viele andere Beschäftigungen auch - natürlich eine Voraussetzung. Man muss allerdings auch Bedingungen schaffen, in denen es sich entfalten kann, und davon sind unsere Bildungseinrichtungen meilenweit entfernt.

    Übrigens enthält mein "Lehrer-Retter" viele Tipps und Strategien, mit denen nicht nur Lehrer, sondern auch Eltern weiterkommen könnten (Schleichwerbung Ende).

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