Samstag, 18. Juli 2015

Die Schule – eine Zeitvernichtungsmaschine



„Eine Unterrichtsstunde dauert 45 Minuten.“
(eine der größten Illusionen im Bildungssystem)

Derzeit laufen in meinem Bundesland wieder die berüchtigten zweieinhalb Wochen zwischen den Zeugniskonferenzen und dem Ferienbeginn. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich diese Phase als die stressigste des gesamten Schuljahres empfand. Seit meiner Pensionierung wird dieser Effekt offenbar eher schlimmer: Erste neulich wieder hörte ich die Klage einer Kollegin, bestenfalls dreißig Prozent der Schüler wären in dieser Zeit noch zu sinnvoller Arbeit bereit – den Rest müsse man ständig daran hindern, über Tische und Bänke zu gehen.

Die schulübliche Vergeudung von Ressourcen treibt zu Schuljahresende sicherlich einem Maximum zu: Da werden Beamte des Höheren Dienstes, welche ein abgeschlossenes Hochschulstudium (mit meist sehr guten Noten) absolviert haben, ja nicht nur auf junge Menschen losgelassen, die nix (mehr) lernen wollen – nein, sie dürfen auf diversen Spaßveranstaltungen noch zusätzlich beweisen, wie groß ihre Kompetenzen als Reisebetreuer, Kampfrichter beim Sportfest, Küchenchef beim Waffelbacken oder sonstiger Schulgaudi-Hanswurst sind!

Es gleicht der präökologischen Naivität bei der Verschmutzung der Weltmeere: Diese seien ja unendlich groß, sodass man ruhig Gifte bis zum Exzess einleiten dürfe. Da hat man inzwischen dazugelernt. Im Bildungswesen allerdings wird bis heute die zur Verfügung stehende Masse an Unterricht als grenzenlos betrachtet – da könne schon mal etwas ausfallen – sei es nun für Hitzefrei (ein arbeitsrechtliches No Go), Projekt- und Wandertage, Schulfest oder wie die Alibis auch heißen mögen, welche von der Unfähigkeit Erwachsener zeugen, die Notwendigkeit von Bildung überzeugend vor Minderjährigen zu vertreten. Und – werden zumindest Unterrichtsausfälle durch Erkrankung (statistisch bis zu zehn Prozent) durch Vertretungen aufgefangen – noch dazu durch solche, welche dann tatsächlich Lernstoff vermitteln und nicht nur eine Beaufsichtigung darstellen? Wohl eher nicht.

Selbst wenn Unterrichtsstunden stattfinden, dauern sie kaum einmal wirklich 45 Minuten. Ein pünktlicher Beginn kann ja höchstens für die erste Stunde oder nach Pausen erwartet werden. Schon am Morgen jedoch stellen sich Zeitverzögerungen ein, welche vor allem von dem Verkehrschaos vor dem Bildungsinstitut herrühren, da die heutigen Eltern ja ihren adipösen Nachwuchs (nachdem sie ihn per Flaschenzug aus dem Bett gehievt haben) bis direkt vors Schultor karren müssen. (Liebe Direktoren, die ihr doch sonst so gerne dienstliche Anweisungen gebt: Da könntet ihr einmal echten Mut beweisen: Fass…)

Zu den restlichen Lehrterminen müssen sich ja Schüler oder Lehrer erst einmal per pedes begeben, was schon mal (selbst wenn man nicht bummelt) fünf Minuten beansprucht. Sollte man seinem Erziehungsauftrag schon nachgekommen sein, mithin seine Schutzbefohlenen nicht erst von der Notwendigkeit von Bildung überzeugen müssen, kann man dennoch oft nicht gleich anfangen, falls der Kollege nebenan nicht ähnlich gepolt ist – sprich, seine Klasse noch minutenlang die Lautstärke eines startenden Düsenjets simuliert. Na gut, in der Zeit kann man ja den üblichen Versiffungsgrad von Klassenzimmern durch diverse Putzaktionen und Materialbeschaffung einschränken. („Wer holt denn jetzt mal Kreide?“) Weiterhin darf man die Schlange vor dem Pult abarbeiten und so erfahren, wer warum welches Heft vergessen bzw. die Hausaufgabe nicht verstanden hat. Zudem fehlen noch einige Schüler, da die Kollegin Zickendraht eine kurze Besprechung ihres Projekts „Müll als Kunst“ für unvermeidlich hält. Ist man endlich in die Gänge gekommen, freut man sich – kurz vor dem Höhepunkt der Stunde – noch auf die übliche Lautsprecherdurchsage, welche zwar nur den Kurs „Dramatisches Gestalten“ betrifft - es ist aber schön, einmal davon gehört zu haben… (Sollte ich im nächsten Leben wieder Lehrer werden, würde ich neben dem Rotstift stets eine kleine Metallzange für die Lautsprecherdrähte mit mir führen – als bildungspolitische Notwehr!)

Wir müssen also gar nicht die üblichen Zeitverschwendungsphasen im Schuljahr betrachten wie die Spekulatiusorgien vor dem Christfest, die Pappnasentage im Fasching, das Ostereiersuchen oder den Schuljahresschluss-Wahnsinn: Schon zu den normalen Zeiten schafft es der durchschnittliche Lehrer nicht, mehr als ein Netto von dreißig Minuten vom Bruttoangebot einer Unterrichts-Dreiviertelstunde herauszuholen. Schon von daher könnten wir ein Drittel des Bildungsetats der öffentlichen Haushalte als Spende an Griechenland überweisen in der Hoffnung, dass man dort mit dem Geld Sinnvolleres anstellt.

Um die derzeit vom Schuljahresende gepeinigten Kollegen noch mit einer kleinen Alternative zu erfreuen: Wenn es denn so ist, dass heute viele Schüler ohne Notendruck nicht mehr zu bändigen sind – warum dann nicht bis zum letzten Schultag unterrichten und prüfen? Ich würde anschließend gerne noch zwei bis drei Tage opfern, um in aller Ruhe meine Noten einzutragen, die Zeugnisse zu erstellen und mich in einem erfreulich leeren und stillen Schulhaus mit den Kollegen zu den betreffenden Sitzungen einzufinden – so ganz ohne Stress. Die Zeugnisse könnten die Schüler ja dann einige Tage später (oder zu Schuljahresbeginn) im Sekretariat abholen. Warum sollte das nicht gehen? Nur, weil wir es noch nie gemacht haben? Und die zu erwartenden Proteste? Keine Angst, die haben ja das G 8 auch nicht verhindert…

Apropos: Bei all der Zeitverschwendung hatten wir natürlich schon lange kein neunjähriges Gymnasium mehr und sind mittlerweile längst im G 7 angekommen. Und wieso beginnen in meinem Bundesland die Abiturprüfungen eigentlich schon Ende April? Grund für diese Vorverlegung war ja sintemalen der frühe Einberufungstermin zum Wehrdienst. Der ist inzwischen längst abgeschafft – wohl im Gegensatz zum Einfluss der Tourismus-Lobby, damit die Damen und Herren Abiturienten vor dem Studium noch genügend Zeit haben, sich an Spaniens Stränden noch die Basis für eine spätere Leberzirrhose zu besorgen. Und ich darf mir inzwischen die Finger wund telefonieren, wenn ich für einen Auftrag einen guten Handwerker statt einen mittelmäßigen Akademiker brauche.

Bildung braucht – wie guter Wein – Zeit. Derzeit haut man viel zu früh nach der Lese den Stopsel drauf und hofft, das Gebräu möge noch in der Flasche nachgären. Ersatzweise pappt auf dem Behältnis dann ein prunkvolles Etikett. Ich halte es da mit dem Kabarettisten Werner Schneyder, der zum einstigen Glykol-Skandal sagte: „Wer für eine Mark achtundneunzig ein Spätlese will, der gehört vergiftet.“

P.S. Ich habe natürlich nicht die geringste Hoffnung, dass irgendwelche Zentralfiguren unseres Bildungssystems meinen Ideen Beachtung schenken. Wie man aber weiß, stirbt die Hoffnung ja zuletzt. Davor allerdings wird es die Schule erwischen.

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