Freitag, 25. Dezember 2020

Aus dem aktuellen Schul-Wahnsinn

 

Vor einigen Tagen rief mich eine ehemalige Kollegin (inzwischen auch pensioniert) an und gratulierte mir zum Geburtstag. Sie ist, wie sie mir versicherte, ebenfalls sehr froh, nicht mehr beruflich aktiv zu sein.

Bei unserer längeren Plauderei kam sie auf mein Buch „Das fliegende Glossenzimmer“ zu sprechen: Woher meine dort geschilderte Abneigung gekommen sei, in der Schule Sekretariat, Lehrerzimmer oder andere stark frequentierte Örtlichkeiten aufzusuchen? Wieso ich stattdessen jede Freistunde, oft sogar die Pause dazu genutzt habe, das Schulgebäude zu verlassen? Sie kenne mich doch aus meinen Anfangszeiten als eine Lehrkraft, welche sich geradezu enthusiastisch in diesen Beruf gestürzt habe!

Mir kam in diesem Moment ein anderes Telefonat in den Sinn, das ich wenige Tage zuvor geführt hatte: Eine gute Freundin versucht seit Jahren, der Schule ihres Sohnes klarzumachen, dass dieser beim Vater, also ihrem Exmann, wohne – und nicht bei ihr. Dass sie zwar über  wichtige schulische Umstände informiert werden wolle, nicht aber zu jeder Tageszeit wisse, wo ihr Kind oder dessen Vater sich gerade aufhalte und wie es um sein auszufüllendes Englisch-Arbeitsblatt bestellt sei.

Gerade in Zeiten des Digitalunterrichts ruft die Schule sie immer wieder an und begehrt zu wissen, warum der Sohn gerade nicht online oder zu einer Nacharbeit erschienen sei? Dazu muss man wissen: Die Kommunikation mit dem geschiedenen Gatten ist schwieriger als die Kontaktaufnahme mit der chinesischen Botschaft in Kabul. 

Grund des Anrufes unserer Freundin war eine besonders skurrile Geschichte: Ein Lehrer ihres Sohnes rief sie zur Mittagszeit daheim an: Der Sohn hatte irgendein hochwichtiges Aufgabenblatt nicht abgegeben. Nun wollte der Kollege den Vater erreichen, was ihm aber nicht gelungen sei. Wo der denn stecke? 

Nun ist das ziemlich das Letzte, was die Mutter weiß – und das teilte sie der Lehrkraft auch mit. Warum die nicht den Sohn direkt anrufe? Unmöglich, da die Lehrer die Handy-Nummern der Schüler nicht einfordern dürften (Datenschutz?). Und wenn der Kollege mal auf den Anrufbeantworter des Papa spreche? Habe er bereits getan, aber der Vater habe sich seit einer Stunde (!) nicht gemeldet.

Wie unsere Freundin erzählte, wiederholte der Lehrer die gesamte Suada dann noch zweimal und in steigender Lautstärke. Dies führte natürlich ebenso wenig zur Klärung des Problems.

Ich verfolge nun das Ringen dieser Mutter mit der Schule ihres Kindes seit einigen Jahren und muss bekennen: Vorher glaubte ich, in meinem Berufsleben jeden pädagogischen und bürokratischen Schwachsinn bereits persönlich erlebt zu haben. Beim Agieren dieses Bildungsinstituts stellt sich aber die Frage: Was soll der Satiriker da noch dazu erfinden?

Es ist doch eine verwaltungstechnische Grundübung, in der Schülerdatei zu vermerken, wer sorgeberechtigt ist und wo ein Schüler seinen regelmäßigen Aufenthalt hat – und dies dann im konkreten Fall zu berücksichtigen. Aber vielleicht darf der gemeine Lehrer da nicht nachschauen, wegen des Datenschutzes…

Zudem ist es ja nicht ungewöhnlich, dass man am Mittag eines Werktags den Vater nicht erreicht – könnte ja sein, dass der berufstätig ist – man sollte auch den unwahrscheinlichsten Fall nicht ausschließen! An Stelle des Kollegen hätte ich es mal am frühen Abend probiert. 

Noch schlimmer ist aber, dass ein solch planloses Agieren Arbeitszeit verbraucht, ohne dass etwas Brauchbares herauskommt. Stattdessen erzählt man alles dreimal (und zusätzlich noch der Sekretärin, mehreren Kollegen und dem Anrufbeantworter). Meine Skepsis, dass Schulen die wahrhaft komplizierten Corona-Herausforderungen bewältigen, ist nach solchen Geschichten maximal – wenn sie es nicht mal schaffen, eine Schülerdatei sinnvoll einzusetzen. 

Was der Realsatire noch die Krone aufsetzt: Es handelt sich nicht um irgendeine Schule, sondern zusätzlich um eine „MB-Dienststelle“ – sprich: Neben dem normalen Direktorat beherbergt sie noch das Büro des Ministerialbeauftragten, welcher in einem Regierungsbezirk die staatliche Schulaufsicht ausübt. Eigentlich sollte dort also genügend professionelles Können vorhanden sein.

Unsere Freundin hat natürlich dem Bildungsinstitut mehrfach mitgeteilt, wie die persönlichen Verhältnisse aussehen. Ich bin jedoch sicher: Sie wird auch in Zukunft mit Fragen und Aufträgen herausgeklingelt werden, bei denen sie nicht behilflich sein kann. In unserem Bildungssystem werden auch sonst Fehler so lange geübt, bis man sie perfekt beherrscht. 

Die eingangs beschriebene Frage meiner früheren Kollegin beantwortete ich am Telefon so:

„Ich war bis zum Ende meiner Dienstzeit ein engagierter Lehrer – nur findet der Unterricht ja nicht im Lehrerzimmer oder Sekretariat statt. Im Klassenzimmer oder Chemiesaal habe ich mich stets am richtigen Ort gefühlt. Klar gibt es auch mit den Schülern mal Probleme. Aber die jungen Menschen kann man noch beeinflussen.

Aber wenn du das Lehrerzimmer zu Stoßzeiten betrittst, hast du ganz schnell einen Kollegen an der Backe, der dir die typische Frage stellt: ‚Haben Sie mal kurz Zeit?‘ Was dann folgt, ist eine längliche Suada, bei der er erst nach einigen Minuten an den entscheidenden Punkt kommt, von dem du aber schon ahnst, dass er ihn selber lösen könnte. Das will er aber gar nicht, sondern nur mal drüber reden. 

Lehrer besprechen Probleme wie Geistheiler Warzen. Mit weit weniger Erfolg. Und  man weiß als Angesprochener: Kurz wird das sicher nicht – und hinterher hat man die wertvolle Zeit nicht mehr.“

In meinem „Lehrerretter“ finden Sie viele Tipps, wie Sie „Zeitfresser“ minimieren oder beseitigen können. Vorab die beiden wichtigsten:

Installieren Sie das in Sozialberufen verpönte Wort „nein“ in ihr professionelles Vokabular!

Bestehen Sie auf einer schriftlichen Darlegung: „Ach, Herr Kollege, momentan ist es zeitlich unmöglich – können Sie mir das Problem kurz aufschreiben? Ich denke dann drüber nach und melde mich wieder!“

Seien Sie versichert: Das werden Sie kaum jemals tun müssen! 

P.S. Zum Weiterlesen: http://gerhards-lehrer-retter.blogspot.com/2015/07/die-schule-eine-zeitvernichtungsmaschine.html

Illustration aus "Der bitterböse Lehrerretter" * www.tangofish.de

 

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