Mittwoch, 19. August 2020

Ausbildung zum Kompetenz-Deppen


Den Astrophysiker Prof. Harald Lesch kenne ich schon seit seiner Sendereihe „alpha-Centauri“, wo er ab 1998, oft vor einer altmodischen Tafel mit Kreide und Schwamm, berückend einfach Fragen aus seinem Arbeitsgebiet behandelte. Inzwischen wird seine glänzende Fähigkeit, Naturwissenschaften laientauglich zu vermitteln, nicht nur vom Bayerischen Rundfunk, sondern auch von vielen anderen Medien genutzt.

Ich gestehe, die Sendungen von Lesch inzwischen weniger zu verfolgen, da er für meinen Geschmack etwas zu sehr politisiert und sein Tonfall oft dozierend bis dogmatisch ausfällt. Dennoch gehört er mit Recht zu den populärsten Naturwissenschaftlern Deutschlands.
https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Lesch

Kürzlich stolperte ich über ein 10 Minuten-Video von ihm, das mich elektrisierte – betitelt „Unser Schulsystem ist Mist“.

Sichtlich hat er sich über eine Geschichte aufgeregt, die ihm sein bester Freund erzählte, der eine junge Dame bei einem Einstellungsgespräch vor sich hatte und ihr eine einfache Rechenaufgabe stellte, so in der Art von: Eine Ware kostet 49,90 €, und sie bekomme zehn Prozent Rabatt. Wieviel das dann wäre?

Na klar, ein Zehntel, also knapp 5 €. Dann müsste sie fast 45 € löhnen.

Die Kandidatin meinte aber, das müsse sie nicht wissen. Ja, wie sie dann entscheide, ob das Angebot vielleicht günstiger sei als ein anderes. Antwort: „mit dem Bauch“.

Es wäre wohl auch aussichtlos gewesen, die junge Dame nach der Bedeutung des einschlägigen lateinischen Sprichworts zu fragen: „Plenus venter non studet libenter.“ Nö, kann man ja googeln…

Lesch empört sich mächtig darüber: Bei Zahlen dürfe man halt nicht nach dem Bauch entscheiden. Prozentrechnen sollte eben jeder können, der einen Schulabschluss habe – egal welchen. Und zwar ohne Hilfsmittel – einfach im Kopf.

Was sei eigentlich, so der studierte Physiker, inzwischen an den Schulen passiert? Seien die überhaupt noch Bildungseinrichtungen in dem Sinne, dass es zu mehr reiche als dem Funktionieren im Wirtschaftsprozess? Und selbst die Unternehmen würden sich inzwischen beschweren, dass die Schüler heute „gar nix mehr“ könnten!

Anschließend schießt er sich auf den Kompetenzbegriff ein: Man wisse dann nur noch, wo etwas stehe. Selber etwas zu wissen und zu können sei offenbar nicht mehr gefordert.

Warum könne man sich angesichts der immer höheren Lebenserwartung mit der Bildung nicht mehr Zeit lassen, anstatt beispielsweise die Gymnasialdauer um ein Jahr zu verkürzen? Persönlichkeit erfordere doch eine ausreichend lange Reifezeit. An einer guten Schule gehe es vor allem langsam zu.

Spaß und Vergnügen am Lernen seien an den Schulen kaum noch vorhanden. Schüler, Eltern und Lehrer vereine der „dicke Hals“, wenn es um Unterricht gehe.

Warum könne man sich nicht auf einen simplen Kanon einigen, was alle nach der Ausbildung beherrschen müssten: Rechnen, Schreiben, Lesen – und zwar fehlerfrei. Und nicht die „Kompetenz des Lesens“ nach dem Motto: „Ich weiß, wo ich nachgucken müsste, wenn ich lesen wollte“.

Und was die Mathematik betreffe: Es könne doch nicht sein, dass eine Nation, die ihren Wohlstand der Technologie verdanke, in weiten Teilen aus einer Bevölkerung bestehe, die man nur noch als „mathematisches Prekariat“ bezeichnen könne! Immer wieder höre er in Gesprächen, für Mathematik habe man „kein Gefühl“. Warum habe man nicht längst dieses Fach zu einem Bestandteil unserer Kultur erklärt? Schließlich werde kein Haus, kein Auto ohne Kenntnisse dieses Fachs gebaut. Es sei das Bindeglied zwischen Wissenschaft und Technik.

Zu Originalität, Neugier, Fantasie würde an der Schule nicht erzogen. Musik, Sport, Kunst und Theater würden wegrationalisiert, wobei doch gerade diese Fächer die Persönlichkeit bildeten.

Statt Kinder würden Fächer unterrichtet. Man vergesse, dass man Schülern nicht beliebig viele Inhalte ins Hirn prügeln könne. Es koste Zeit, bis Informationen so weit verarbeitet und vernetzt seien, bis daraus Erkenntnis entstünde. Eine gebildete Person wisse, wer sie ist, und könne sich in Raum, Zeit und Kultur einordnen. Und so eben auch andere Kulturen verstehen.

In meinem Buch „Der bitterböse Lehrer-Retter“ habe ich mich schon vor Jahren mit der Unsitte der „Kompetenz-Ideologie“ auseinandergesetzt: „Alles können, aber nix wissen“. Eigene Kenntnisse und Fertigkeiten werden auch in Abituraufgaben durch die Anforderung ersetzt, aus einer Fülle an Material etwas zusammenzuschmieren, das die eigene geistige Leistung weitgehend ersetzt.

Motto: Man muss nichts mehr selber wissen, kann man doch alles googeln!

Ich fürchte, auch die jetzigen geistigen Offenbarungseide von „Corona-Skeptikern“ wären vermeidbar, wenn man noch gelernt hätte, die Seriosität von Quellen zu beurteilen und das Gelesene mit dem bislang aufgebauten Wissen zu vergleichen, es so zu beurteilen. Aber nein, man übernimmt irgendeinen Schmarren eins zu eins.

An der Misere sind natürlich viele Gruppen beteiligt: Klar gefällt es den Eltern, wenn ihnen erklärt wird, korrekte Rechtschreibung sei kein hohes Bildungsziel mehr, höchstens eine Nebensache. Und weichen Sie mal im Unterricht vom Lehrplan ab – der Anwalt irgendwelcher Helikopter-Eltern wird sich freuen!

Originalität, Fantasie oder Risikobereitschaft, wie Lesch sie fordert, stellen in der Lehramtsausbildung geradezu Ausschlusskriterien vom Staatsdienst dar. Man muss einmal das gottähnliche Gebaren von Seminarlehrern erlebt haben, welche die Referendare auf die momentan „richtige“ Methodik dressieren, um zu wissen: Was da nach dem 2. Staatsexamen übrigbleibt, ist angepasst und wartet lieber auf Anweisungen.

Die ganze Lehrerausbildung lebt von falschen Auswahlkriterien. Schon bei der Zulassung zum Studium ist eben der Notendurchschnitt im Abiturzeugnis entscheidend und nicht die Fähigkeit, die ich bei jedem Studienanfänger testen würde: Ob er aus dem Stand einem Laien eine fachliche Tatsache einfach erklären kann. So wie Harald Lesch. Dann hätten wir in den Lehrerzimmern fantasiebegabte Wissens-Motivatoren statt angepasster Lehrplan-Umsetzer.

Ja, „Something is rotten in the state of Denmark“, wie der Physiker Lesch am Anfang seines Videos zitiert und listig fragt: „Von wem ist das?“

Na klar, „Es ist was faul im Staate Dänemark“, Shakespeare, Hamlet, weiß man doch.

Dass es in dem Stück Marcellus nach dem Erscheinen von Hamlets Geist sagt, habe ich allerdings gegoogelt.

Übrigens benötigte Harald Lesch in der Schule Förderunterricht in Mathematik, bis er in der Oberstufe bei einem Fahrradunfall einen Schädelbasisbruch erlitt. Danach galt er in diesem Fach als hochbegabt.
Man sieht also: Ein Schlag auf die Birne kann Geisteskräfte freisetzen!

Hier das ganze Video:


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