Freitag, 15. Mai 2020

Die Corona-Schule

In den letzten Wochen quälte mich der Gedanke, auf meinem Lehrer-Blog doch nun endlich etwas dazu schreiben zu sollen, wie sich die Pandemie auf unser zeitweise stillgelegtes Schulwesen auswirken werde.

Sorry – immer wieder machte ich einen Bogen um die Tastatur, da mir jedes Mal nur einfiel: „Was bin ich froh, nicht mehr in diesem Laden arbeiten zu müssen!“ Der klägliche Rest war Zynismus in ähnlicher Preislage…

Aber da mir inzwischen doch einige Gedanken mehr kamen und die Krise nun anscheinend den absteigenden Ast besetzt:

Was ich in erster Linie rasend amüsant finde: Dass unser Bildungswesen nun ausgerechnet von einer Gefahr bedroht wird, der man vor allem mit Hygiene begegnen müsste. Kein Zweifel: Der liebe Gott muss Humor haben!

Dass der durchschnittliche Deutsche von dem Thema eher wenig hält, habe ich bereits an anderer Stelle dargelegt: Nach einer Studie waschen sich hierzulande 27 Prozent nach dem Toilettenbesuch die Hände nur mit Wasser, nicht mit Seife, 7 Prozent gar nicht. Auf den Schülerklos dürften es deutlich mehr sein – zumal dort oft nur Wasser vorhanden ist. Und Handtücher, gar saubere? Die Frage kann nur jemand stellen, der in den letzten 50 Jahren keine Schule mehr von innen gesehen hat!
http://milongafuehrer.blogspot.com/2020/02/tango-und-coronavirus.html

Ich weiß nicht, wie oft ich in meinen Büchern und Artikeln darauf hingewiesen habe, dass man in unserer Kulturnation die Schulen versiffen und vermüllen lässt. Persönlich durfte ich erleben, wie man es in wenigen Jahren fertigbrachte, ein neu gebautes Gymnasium in dieser Hinsicht herunterzuwirtschaften. (Nur bei der Inspektion der Aufsichtsbehörde roch es einen Mittag lang nach frischer Farbe…)

Alarmiert hat das kaum jemand. Das liegt nicht nur am fehlenden Interesse der Schulträger, mal einige Zehntausend Euro in die Hand zu nehmen, um die schulischen Latrinen und andere Gebäudeteile von Entwicklungsländern unterscheidbar zu gestalten. Oder wieder fest angestellte eigene Reinigungskräfte anstatt kirgisischer Putzkolonnen einzusetzen, die den Dreck vornehmlich von einer Ecke in die andere kehren. Beim Spargelanbau ist man ja auch nicht weiter – nur, dass es sich dabei um ein Naturprodukt handelt, welches man vor dem Verzehr abkocht.

Mindestens ebenso schlimm finde ich es, dass man halt im Lande der Katheder jahrein, jahraus davon schwobelt, die Schüler zu Ordnung und Sauberkeit zu erziehen (ich verwende extra diese Begriffe, damit man sich genügend darüber empören kann). Nur findet bei der durchschnittlichen Lehrkraft auf den hundert Metern vom Lehrer- ins Klassenzimmer die Metamorphose von pädagogischer Konsequenz zu jämmerlichem Kneifertum statt. Und in den klassenfernen Büros derer, welche meinen, die Schule zu leiten, ist die Sache eh mit einem Rundschreiben erledigt.

Daher überrascht es mich auch nicht, nun in den Medien Chefs zu erleben, welche sich offenbar erst kurz vor der Wiedereröffnung ihrer Einrichtung mit dem Gedanken befassen, die Schüler könnten dereinst zurückkehren. Ja, was soll man denn jetzt machen – und zudem fehlten noch die genauen Anweisungen vom Ministerium… Ja, das ist die Penne, wie ich sie kannte und liebe – es ist zum Heulen!

Das alles hat nicht nur den Grund, dass selbstständig denkende, selbstbewusste Individualisten selten den Weg von der Uni zurück zur Penne einschlagen: Sie wissen ja, wie es dort zugeht. Unselbstständige Schwarmintelligenzler dagegen zieht es dorthin – aus demselben Grund.

Vor allem aber ist Konsequenz im Reich der Wissensvermittlung der Karriere nicht förderlich. Wenn Sie Fehlverhalten ohne Wenn und Aber sanktionieren, fühlen Sie sich bald wie ein Dissident im früheren deutschen Arbeiter- und Bauernstaat: Ihr Tun und Lassen wird akribisch überwacht sowie ideologisch eingeordnet, und immer öfter landen Sie beim Verhör. So bleibt der Dreck halt weiterhin in der Ecke liegen – auch im übertragenen Sinne.

Infektionsschutz vor Corona? Unser Bildungssystem darf sich glücklich schätzen, bislang nicht von einer Typhusepidemie heimgesucht worden zu sein! Dass ich das Folgende noch erleben darf, verdanke ich der Pandemie: Angeblich nun Seife, Einmalhandtücher und Desinfektionsmittel auf jedem Schülerklo – na, schau’n wir mal, wie lange. Irgendwer müsste das nämlich gelegentlich nachfüllen…

Das gilt ebenso für die Verhaltensweisen zur Infektionsverhütung: Die wären ja mit Konsequenz und notfalls Sanktionen längerfristig durchzusetzen.

Insgesamt sicher ein Lichtblick: Deutschland wird hygienischer. Ich hoffe, unsere Medizin-Statistiker, welche uns derzeit mit geschätzten R-Werten, Lebenserwartungen und Todesraten bei Laune halten, rechnen auch irgendwann mal aus, wie viele andere Infektionskrankheiten dank Corona-Maßnahmen in der nächsten Zeit zurückgehen werden. Bei den Hospitalkeimen jedenfalls gäbe es noch Luft nach unten!

Nun singen wir also das Loblied der digitalen Bildung – wobei manche Sänger leider nicht zur Probe erscheinen: Nach einer Umfrage gibt nur die Hälfte der deutschen Schulmitarbeiter an, praktisch alle Schüler elektronisch zu erreichen – 22 Prozent konnten ein Viertel und mehr auf diese Weise nicht kontaktieren (Quelle: web.de). Damit schneidet Deutschland schlechter ab als Österreich und die Schweiz – und das liegt vor allem an der mangelnden technischen Ausstattung. Dass man damit gerade die sozial schwachen Schülerinnen und Schüler benachteiligt, bestätigt halt eine langjährige Tradition unseres heimischen Bildungssystems.

Ansonsten würde es mich nicht schrecken, die Schulen nicht jeden Werktag gänzlich füllen zu können: Endlich würde das elende Gezerre in den Hintergrund treten, im Unterricht eine halbwegs störungsfreie Atmosphäre zu erreichen. Praktiker dürften ahnen, welcher Anteil an Bildungs-Zeit tagtäglich allein dafür draufgeht! Und im Klassenzimmer könnte man notorische Störer endlich anderthalb Meter auseinander setzen, ohne sich sofort die nächste Elternbeschwerde einzuhandeln. Nicht Pädagogik – Corona macht’s möglich!

Apropos: Das Bombardement aus dem Helikopter dürfte auch deshalb abnehmen, weil die werten Erzeuger und/oder angeheiratet Erziehungsberechtigten endlich einmal merken, welche Nervensägen sie oft der Gesellschaft aufdrängen. Ja, Home Office mit zwei „kleinen Terroristen“ kann auf den Geist gehen. Ich darf nur versichern: Analoges School Office mit bis zu 30 solcher Exemplare ist auch nicht vergnügungssteuerpflichtig!

Und ja – die Damen und Herren Abiturienten dürfen sich nun ziemlich eigenständig auf das vorbereiten, was man früher „Reifeprüfung“ nannte. Für Volljährige natürlich eine Zumutung, sich einmal auch selber um ihre berufliche Zukunft zu kümmern – gar so selbstständig wollte man nun doch nicht sein… Und man muss ja auch noch den Stoff nachholen, den man durch Schwänzerei versäumt hat. Immerhin: Die Freitage hat man ja nun mangels Klima-Demo wieder zur Verfügung.

Und gar ein Abitur ohne Feiern, Bälle, Wasserbomben, Schaumtorten, Besäufnisse und Fahrten zum Ballermann – stattdessen nur die Ablegung einer Prüfung, welche einem mehr Karrieremöglichkeiten eröffnet als ein sonstiges schulisches Examen! Wie armselig und nur mit dem „Not-Abitur“ in Kriegszeiten zu vergleichen! Ein Trost wenigstens: Der nächtliche HJ-Dienst am Flakgeschütz bleibt einem erspart.

Vielleicht – und das wäre meine Hoffnung – erkennt man in diesen Zeiten den gigantischen Nutzen, den Schule hat (oder hätte): Unser Gemeinwesen finanziert zu diesem Zweck immerhin eine Dreiviertelmillion Lehrkräfte. Ich meine, das verpflichtet diejenigen, welche weitgehend kostenlos von diesem Service profitieren, zur Kooperation, zu eigenen Anstrengungen. Bildung ist alles andere als wertlos – man macht sie aber dazu, indem man sie oft geradezu verachtet.

Auf diese Weise hätte man tatsächlich etwas gelernt: in der Corona-Schule.
           
Und vielleicht gehören solche Bilder dann irgendwann der Vergangenheit an – so viel zum „Humboldtschen Bildungsideal“:


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