Freitag, 3. April 2020

Nur ganz kurz…


„Um eine gute Stegreifrede zu halten, brauche ich drei Tage Vorbereitungszeit.“
(Mark Twain)

Gleich ein Geständnis: Ich bin ein Rhetorik-Junkie. Von einer guten Rede kann ich wochenlang leben – bei einer schlechten möchte ich weinend unter den Teppich kriechen.

Bei der Mehrzahl der Ansprachen, denen ich schon ausgesetzt war, suchte ich verzweifelt nach der Auslegeware, um dem sprachlichen Sondermüll zu entgehen: Sie vereinten meist einen grauenvollen Einstieg mit einem schwachen Schluss – und das dazwischen war viel zu lang und nicht selten unverständlich.

Wie bei vielen satirischen Themen hat uns eigentlich Kurt Tucholsky schon fast alles gesagt. Seine „Ratschläge für einen schlechten Redner“ erschienen 1930. Sie sind heute so aktuell wie damals:

Ich kenne einen Milonga-Organisator, der seine allabendliche Rede vor den Gästen stets mit den Worten beginnt, die ich als Titel gewählt habe. Die kannte schon Tucho:

„Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ...“

Prima – immer schon „drei Meilen vor dem Anfang anfangen“ sowie die Leute fälschlicherweise damit trösten, es werde nicht lang: Zuerst müssen ja die Ehrengäste begrüßt werden – und auch die eigene Vorstellung nebst kurzem Werdegang ist ebenso nötig wie die Darlegung, wie es überhaupt zu Ihrem Auftritt kam und wem Sie dafür alles danken müssen. Auch das Thema Ihres Vortrags sollten Sie kurz umreißen, da man es an Ihrem Text vielleicht nicht erkennen kann.

Ich weiß meistens schon nach den ersten dreißig Sekunden, dass eine Rede nicht funktionieren wird. Das ist nämlich die Zeit, in der die Zuhörer entscheiden, ob es für sie interessant wird oder nicht. Wenn Sie die mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten füllen, haben Sie Ihre große Chance vertan!

Daher: Worüber Sie reden, erkennt man hoffentlich auch, wenn Sie es nicht extra benennen. Und wenn Sie schon jemandem danken oder einen Sponsor erwähnen müssen, geht das gegen Schluss auch noch. An den Beginn Ihrer Ansprache gehört eine Aussage, welche die Zuhörer aufhorchen lässt: Vielleicht eine provokante These, ein treffendes Zitat, ein schönes Wortspiel, eine Anekdote – was auch immer. Auf jeden Fall aber kein umständliches Geschwafel, wieso und wozu Sie überhaupt eine Rede halten wollen (oder müssen). Und dann kommen Sie ohne Umschweife zum Thema!

Zumindest Ihnen selber sollte schon klar sein, worüber Sie eigentlich sprechen wollen – und erst dann überlegen Sie sich maximal fünf Gesichtspunkte, welche Sie unbedingt behandeln wollen. Nicht mehr! Es ist ein häufiger Fehler, ein Thema in lexikalischer Vollständigkeit durchkauen zu wollen. Dann kommen Sätze wie „nebenbei darf ich anmerken“ oder „ergänzend wäre noch zu sagen“ – und der Nebel um Ihre Kernaussagen steigt und steigt…
„Die Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um lebendiges Leben zu hören, sondern das, was sie auch in den Büchern nachschlagen können ... sehr richtig!“

Bei Ihrem Publikum handelt es sich um Zuhörer und nicht eine Versammlung von Stenografen, die alles mitschreiben! Wenn Sie Glück haben, bleibt vielleicht zehn Prozent von dem hängen, was Sie erzählen. Lassen Sie Ihre Rede zusätzlich in Details ersaufen, wird es noch schlimmer! Mit Tucholsky bin ich der (ironischen) Meinung, dass  „viel Statistik eine Rede immer sehr hebt. Das beruhigt ungemein, und da jeder imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten, so macht das viel Spaß.“

Ihre Hauptpunkte dagegen müssen Sie herausmeißeln wie griechische Statuen – je griffiger Ihre Thesen, desto eher bleiben sie haften. Dazu dienen gleichlautende Satzanfänge (Anaphern) oder Satzenden (Epiphern). Und die wickeln Sie Ihrem Publikum gegen Ende in einer Zusammenfassung nochmal um die Ohren!

„Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe.“

Ich meine, eine gute Rede muss stets beides enthalten – je nachdem halt in unterschiedlichem Mischungsverhältnis. Ein sachliches Thema kann man durch kleine Pointen ungemein auflockern – und auch der witzigste Anlass gewinnt sehr, wenn man zwischendurch mal ernst wird. Und ja – man sollte fühlen, dass es dem Redner wirklich nahe geht, was er da erzählt. 

Zum Schluss dürfen Sie gerne im Sinne einer „Captatio benevolentiae“ dem Publikum ein wenig schmeicheln, sich bedanken und mit einer witzigen oder eleganten Formulierung enden. Daran sollten Sie mindestens so lange feilen wie am Einstieg.

Sollte man eine Ansprache vorher schriftlich ausformulieren oder anhand von Stichpunkten frei sprechen?

Tucholskys Ansicht ist da eindeutig:

„Sprich nicht frei – das macht einen so unruhigen Eindruck. Am besten ist es: Du liest deine Rede ab. Das ist sicher, zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel Satz misstrauisch hochblickt, ob auch noch alle da sind.“

Positiv gesagt: „Klare Disposition im Kopf – möglichst wenig auf dem Papier.“

Ich meine, dass es schon auch auf Thema und Länge einer Ansprache ankommt. Auf jeden Fall aber müssen Sie Ihre schriftliche Ausarbeitung probeweise vortragen und dann von einem Schreibstil in einen Sprechstil umformen. Dabei sollte auch ein weiterer Rat unseres großen Satirikers klar werden:

„Hauptsätze, Hauptsätze. Hauptsätze.“
   
In einer Rede ist überhaupt kein Platz für umständliche Satzkonstruktionen, die sich bestenfalls beim Lesen erschließen – oder, wie Tucho es ironisch ausdrückt:

„Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß, wie du schreibst.“

Wenn Sie Ihre Rede dann ein paar Mal probeweise gehalten haben, schauen Sie auf die Uhr: Richtig – sie ist zu lang! Die Hauptursache sind umständliche Formulierungen und Redundanz. Ihre Rede wird nicht besser, wenn Sie alles dreimal sagen – Sie gewöhnen das Publikum nur daran, die ersten zwei Male gar nicht hinzuhören – kommt ja eh nochmal…

Und bedenken Sie: Die Zeitvorgaben, welche Ihnen ein Veranstalter macht, sind Maximalwerte! Wenn Sie es in der halben Zeit schaffen, etwas Zündendes zu bieten, wird Ihnen niemand böse sein – im Gegenteil. Ich meine, es war ebenfalls Meister Tucholsky, der einmal schrieb, der beste Reden-Beginn sei der Satz: „Ich komme zum Schluss.“

Der schlimmste Zwischenruf, der Sie am Anfang ereilen kann, ist die Aufforderung: „Lauter!“

Nach meinem Eindruck kümmern sich die wenigsten Redner um die gute Hörbarkeit – und damit begraben sie von Vornherein Sinn und Zweck ihres Tuns. Wann immer es geht: Machen Sie vorher einen „Soundcheck“, wobei Sie berücksichtigen müssen, dass die Akustik sich in einem vollen Raum verschlechtern wird.

Nach Möglichkeit versuche ich, ohne künstliche Verstärkung auszukommen. Erstens sind Mikrofone technische Geräte, die im Ernstfall gerne versagen, und zweitens verzerren sie die Stimme oft sehr – von Rückkopplungen und Störgeräuschen ganz abgesehen.

Glauben Sie mir: Mit einer guten Sprechtechnik ist man erstaunlich weit hörbar! Dazu gehört vor allem, den Mund aufzumachen anstatt herumzunuscheln. Weiterhin wäre es eine gute Idee, keine Endsilben zu verschlucken und vor allem: langsam zu sprechen. Wenn Sie frei sprechen, geraten Sie auch nicht in Gefahr, mit gesenktem Kopf Ihr Manuskript statt die Zuschauer anzureden. Und modulieren Sie Ihre Stimmlage je nach Aussage: laut, leise, sanft, dramatisch, witzig oder ernst. Vor allem aber: Übertreiben Sie mimisch und gestisch – was sich auf die Nähe überzogen anfühlt, wirkt möglicherweise auf 20 Meter Entfernung noch zu zaghaft. 

Weiterhin eine herzliche Bitte an die Milongaveranstalterinnen: Lassen Sie das hochfrequente Babygequäkse, das wir von weiblichen C-Promis kennen! Fahren Sie Ihre Tonlage um mindestens eine große Terz herunter: Sonore Stimmen klingen erwachsen und daher überzeugend, schrilles Gezeter dagegen wirkt kindlich und daher eher irrelevant.

Was mich bei vielen Rednern nervt wie die Sau sind die Übersprungshandlungen: Klar, verhaltensbiologisch pendelt er zwischen Angriff und Flucht, daher kommen ihm angeborene Aktionen aus anderen Bereichen in die Quere: Umklammern des Pults (Revierverhalten), Richten der Frisur oder Brille, Kratzen am Kopf, (Körperpflege) oder ständiges Herumnesteln am Mikrofon (Beutefang?). Es erfordert viel bewusstes Training, das abzustellen. Und bitte: Lassen Sie stereotype, sich ständig wiederholende Gesten wir das (ein- oder beidhändige) „Dirigieren“!

„Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen – das sind Kinkerlitzchen.“

Auch wenn nur einer spricht, ist es stets ein Dialog mit den Zuhörern. Ein guter Redner spürt, ob er „den Saal im Griff hat“, das Publikum so reagiert, wie er sich das erwartet. Wenn man aber Zwischenapplaus oder einen Lacher möchte, muss man den Leuten die Gelegenheit dazu geben, also eine Pause einlegen. Nochmal: Viele Reden sind zu schnell und geben den Zuhörern zu wenig Gelegenheit, nachzudenken oder hörbar zu reagieren. Sprechen Sie nicht an das Publikum, sondern mit ihm!            

Liebe Leser,

es würde mich freuen, wenn durch meine Tipps die nächste Milonga-Ansage, Geburtstagsrede oder das Referat in Ihrer Firma überzeugender gelänge und Tucholsky somit nicht recht hat:

„Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören – das ist deine Gelegenheit! Missbrauche sie.“



Und hier der Text:
 

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