Mittwoch, 28. Februar 2018

Der Klassen-Kampf in der Vierten



Da können Sie als Lehrer nicht einfach die Wahrheit sagen und den Eltern erklären: „Wenn Sie Glück haben, findet Ihr verkorkster Halbaffe mit Vierzehn eine Lehrstelle als Roggenbrot.“ Das geht nicht!
(Dieter Nuhr)

Derzeit ist wohl ganz in unserer Nähe einmal wieder die Hölle los, welche Grundschullehrern – zumal in der vierten Klasse – sattsam bekannt sein dürfte. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich war nicht dabei und kann mich nur an dem betreffenden Presseartikel orientieren. Dies dürfte allerdings den meisten Teilnehmern an dieser Debatte so gehen...

An der Grund- und Hauptschule Hohenwart, so beklagen Eltern, werde beim Übertritt an weiterführende Schulen zu viel Druck gemacht. Kritisiert werden schlechte Ergebnisse bei Prüfungen: Teilweise seien zu gute Bewertungen nachträglich herunterkorrigiert bzw. Fragen gestellt worden, welche im Unterricht nicht behandelt wurden.

Anders als in den meisten Fällen lobt man zwar die betreffenden Klassenlehrer, kritisiert jedoch den Rektor, welcher hinter alledem stecke: Es gehe ihm wohl um den Erhalt des Schulstandorts, der durch zu hohe Übertrittsquoten gefährdet sei.

Die Kinder litten per Schulangst und psychosomatischen Beschwerden unter diesen Zuständen. Wenn man sich nun recht erinnere, sei das schon früher so gewesen – und Druck gebe es auch in höheren Klassen.

Der Rektor, welcher sich stets gesprächsbereit gibt, sieht das natürlich anders, ebenso die Direktorin des Schulamts sowie der Bürgermeister als Vorsitzender des Schulverbands, der sich zudem nicht zuständig fühlt.

Die Beschwerden im Einzelnen: Dass manche Bewertungen mit Tipp-Ex korrigiert wurden, kam „Eltern komisch“ vor. Zudem seien bei einer Probe Dinge abgefragt worden, „die zwar im Schulbuch standen, aber im Unterricht nicht behandelt wurden“. Und Klassen, welche früher Zweierschnitte hatten, schrieben nun plötzlich Vierer oder Fünfer. Über 20 Tests würden in der 4. Klasse in den Vorrückungsfächern geschrieben. „Manche Kinder essen fast nichts mehr, andere essen zu viel" – manche weinten oder es werde ihnen schlecht, wenn sie in die Schule müssten. Sogar Neurodermitis-Fälle häuften sich.

Dies alles sind jedoch Dinge, die jeder Lehrer aus seiner ganz normalen Berufserfahrung kennt: Klar richtet sich die Korrektur nach dem Schwierigkeitsgrad, den man halt im Vorfeld nicht immer sicher einschätzt. Dann entschließt man sich, den Bewertungsschlüssel zu ändern. Manchmal leider auch auf „Anregung“ des Schulleiters, was nicht immer zu überzeugenden Resultaten führt. Nur: In der Denke von gewissen Eltern gibt es „zu gute“ Noten niemals, sondern ausschließlich „zu schlechte“. Und dass man sich bei einer Prüfung auch mal davon überzeugen möchte, ob die Schüler sich das Buch angeschaut haben, war zu meiner Zeit normal ebenso wie eine Prüfungsarbeit alle 14 Tage (im Zweifel eher mehr).

Tja, und es soll vorkommen, dass manche Kinder weniger als nötig essen – und leider immer mehr zu viel. Und dass es sie manchmal belastet, zur Schule gehen zu müssen, ist ein übliches Phänomen. Sicher muss man dem nachgehen, wenn es extrem wird – aber das kann tausend Ursachen haben.

Die harten Tatsachen, so muss der Autor des Artikels, Mathias Petry, zugeben, würden den Vorwurf nicht belegen, man siebe in Hohenwart stärker aus: Die Übertrittsquote liege im Durchschnitt des Schulamtsbezirks (bei 65 bis 70 Prozent – was ich nebenbei für skandalös hoch halte). Und eine Schließung der Schule, so Bürgermeister Russer, stehe nicht zur Diskussion. Man merkt es dem Journalisten an, dass er lieber etwas anderes geschrieben hätte – aber zu einer Objektivität wie Lehrer bei der Bewertung von Prüfungen ist er ja nicht verpflichtet...

Daher muss zum Ausgleich das Statement einer Mutter her, das allerdings eher entlarvend als bestätigend wirkt: „Es geht ja auch nicht um die sehr guten Schüler, die kommen eh durch, aber bei denjenigen, die auf der Kippe stehen, reichen ein, zwei schlechte Tests, um ihnen das Zeugnis zu verhageln."

Bliebe nur zur fragen, wie sinnvoll es ist, Kinder, die schon (oder noch) in der vierten Klasse „auf der Kippe stehen“, den Wechsel ans Gymnasium anzutun. Es gibt ja noch die Möglichkeit, den Probeunterricht zu absolvieren, falls die Grundschule die Eignung nicht bestätigt. Und, wie ein anderer Vater bekundet, würden dies solche Schüler dann „locker packen“. So what?

Aber um Tatsachen, so scheint es, geht es in der Debatte nicht wirklich: „Die nackten Zahlen geben es nicht her, aber das Gefühl ist da“ – so der Autor Mathias Petry, und zitiert noch eine Mutter: „Mir kommt das so vor, als ob da höhere Kräfte dahinter stecken." Ist ihm eigentlich klar, dass er damit die blitzsaubere Definition einer Verschwörungstheorie liefert?

Dunkle Mächte (wohl der Rektor, die Schulrätin oder gar die klingonische Zentralregierung) wollen „den Kindern den Weg in die Zukunft verbauen“ und hexen ihnen eine Neurodermitis an (Filzläuse noch nicht, kann aber noch kommen). Von der pädagogischen Verantwortung, die Kleinen nur wegen des Ehrgeizes der Erzeuger in eine Schulform zu verfrachten, wo sie nicht glücklich werden, ist weniger die Rede. Ich kenne solche fünften Klassen vom Gymnasium her – und wäre froh gewesen, man hätte uns und „auf der Kippe stehenden“ Kindern das erspart!

Irgendwie erinnert mich das an die bösen Impfungen, welche ja ebenfalls die Kinder so stark schädigen, dass sie Infektionen wie Masern nicht durchmachen müssen. Und wenn man ihnen die Schulmedizin als „böse“ hinstellt, weinen sie wahrscheinlich, wenn es denn doch mal einen Mediziner brauchen sollte…

Ich könnte mitheulen, wenn ich bedenke, wie man hier für einen gnadenlosen Elternehrgeiz die Basis jeden pädagogischen Handelns vernichtet: das Vertrauen in den Erzieher und die Ruhe im Bildungsprozess. Das Schema ist normiert: Regelmäßig rotten sich in den Übertrittsklassen mütterliche Helikopter-Brummseln zusammen, um vereint die Bildungsinstitute unter genau den Druck zu setzen, welchen sie für ihre Kinder ablehnen. Wenn ich als Sohn oder Tochter schon in der Zeitung lesen könnte, dass meine Schule ungerecht ist, wäre meine Unbefangenheit dahin, ich würde auch jeden Morgen kotzen.

Und die Eltern geben dem Nachwuchs ein schönes Vorbild in Sachen Zivilcourage: „Nur ihre Namen nennen wollen sie nicht, sie fürchten Sanktionen für ihre Kinder und einige auch für Geschwister, die vielleicht noch länger an der Schule sind.“

Dass daher bei diesem Klassen-Kampf das Volk die Signale hören wird, steht nicht zu erwarten.

Daher ist Dieter Nuhr nicht der einzige Lehrer, welcher die Flucht auf die Kabarettbühne angetreten hat. Und auch ich bin froh, mich seit einigen Jahren nur noch als Blogger mit diesem Wahnsinn abgeben zu müssen – und laut lachen zu dürfen, wo ich früher ernst bleiben musste:



Quelle: Pfaffenhofener Kurier, 26.2.18, S. 21
http://www.donaukurier.de/lokales/schrobenhausen/DKmobil-Ist-der-Druck-zu-gross;art603,3694585

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