Donnerstag, 25. Januar 2018

Des Pudel_ins Kern



Die Tatsachen sind schnell erzählt und gehen derzeit massenhaft durch die Presse:

Die Alice Salomon Hochschule in Berlin (eine Fachhochschule für Sozialarbeit) hatte 2006 einen Lyrik-Preis gestiftet, den 2011 Eugen Gomringer gewann. Der international bekannte, heute 93-jährige Begründer der konkreten Poesie wollte damals dem Institut eines seiner Gedichte widmen, bei denen es entscheidend auf die räumliche Anordnung der Wörter ankommt. Es sollte die Fassade der Hochschule zieren.

Angeblich war es die damalige Rektorin Theda Borde selber, welche sich für das folgende Werk entschied:

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Übersetzt bedeuten die Zeilen des in Bolivien geborenen Dichters:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer


Bis Anfang 2016 prangte das Werk unwidersprochen an der Fassade des Bildungsinstituts. Dann stieß der Text der Studierendenvertretung (AStA) sauer auf. Ohne das Gesamtwerk Gomringers in Frage stellen zu wollen, artikulierten die Student_innen doch Missfallen:

„Dennoch kommen wir nicht umhin, ausgerechnet dieses Gedicht als offizielles Aushängeschild unserer Hochschule zu kritisieren: Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind.“

Nach einer Online-Abstimmung der Studierenden, Podiumsdebatten und sonstigem Hin und Her hat der Akademische Senat der Hochschule vorgestern beschlossen: Das Gedicht wird im Herbst anlässlich einer „Renovierung“ übermalt und durch ein Werk der letztjährigen Lyrik-Preisträgerin Barbara Köhler ersetzt, die sich hierzu freundlicherweise schon selber angeboten hatte. Welches, ist noch nicht raus. Hauptsache, erstmal weg! Zukünftig soll das Höchsthaltbarkeitsdatum der Fassadenlyrik auf 5 Jahre begrenzt werden. Zum Trost werde eine Gedenktafel an Gomringer und die Umstände der Streichung angebracht.

Nun wollen wir uns nicht in der Frage vertiefen, welche maroden Schulfassaden im verschuldeten Berlin die Farbe vielleicht notwendiger bräuchten. Festzustellen bleibt jedoch, dass sich die Zustimmung zur Streichungsaktion außerhalb der betreffenden Fachhochschule in engsten Grenzen bewegt.

Während sich Rektor Uwe Bettig auffallend zurückhält, verteidigt seine Konrektorin Bettina Völter die Aktion in einem 2500 Wörter-Schwurbelmemorandum. Kostprobe aus dem Pressetext:

Prof. Dr. Völter, Prorektorin der größten staatlichen SAGE-Hochschule Deutschlands (Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung) erklärt weiter, dass ‚Bildungsprozesse durch Partizipation, Ernstnehmen und durch wechselseitiges Lernen im Prozess der Auseinandersetzung, auch mit unliebsamen Argumenten erreicht werde.‘ Und dass ‚Demokratie von der gemeinsamen Erarbeitung der besseren Argumente im Diskurs lebt.‘ Das Vorgehen der Studierenden könne nicht mit Bilderstürmerei verglichen werden. Das Vorgehen sei – im absoluten Gegensatz zur Bilderstürmerei – ein gewaltfreies, demokratisch legitimiertes sowie ein ideologie-, diskriminierungs- und klischeesensibles Verfahren.“


Gomringer selber spricht von „Dummheit“ und einer „Säuberungsaktion“, das deutsche PEN-Zentrum schreibt in einer Stellungnahme:

„Die Studierenden, die sich für die Übermalung des ihrer Meinung nach anstößigen Gedichtes einsetzen, bitten wir zu überdenken, welche Konsequenzen eine solche Zensur letztlich hätte, und sich mit dem Phänomen der Bilderstürmerei in Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Die Leitung der Hochschule fordern wir auf, unberechtigten und auf Missverständnissen, gar Unverständnis beruhenden Forderungen nicht opportunistisch Folge zu leisten.“

Und der Ehrenpräsident des deutschen PEN, Christoph Hein, legt noch einen drauf:

„Wirklich skandalös an diesem barbarischen Schwachsinn eines AStA ist: Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin ist eine Fachhochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung, d.h. diese Kulturstürmer werden einst den Nachwuchs ausbilden.“

Tobias Wenzel kommentiert im „Deutschlandfunk“:

„Dass Bettina Völter, die Prorektorin der Alice-Salomon-Hochschule, behauptet, Gomringer könne sich doch freuen, weil die Debatte seinem Gedicht zu einer ‚generationenübergreifenden Wirkung‘ verholfen habe, ist eine bodenlose Unverschämtheit. Alice Salomon, die Namensgeberin der Hochschule, hätte sich im Grab umgedreht. Wegen ihrer jüdischen Abstammung wurde die deutsche Sozialreformerin von Menschen ins Exil getrieben, die Bücher verbrannten, weil sie glaubten, so die eigene Bevölkerung vor dem vermeintlich bösen Wort schützen zu können.
Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin hat sich nach ihrer Entscheidung, auf Geheiß von verwirrten Studierenden das Gomringer-Gedicht zu ersetzen, dieses bewundernswerten Kunstwerks als unwürdig erwiesen und auch ihrer Namensgeberin Alice Salomon. Die Hochschule sollte sich deshalb umbenennen. In Hochschule für angewandte Ignoranz.“


Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die geplante Entfernung scharf gerügt: „Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei", sagte die CDU-Landesvorsitzende.

Fazit

Bei aller Komik einer solchen „Provinzposse“ sollte man sich schon überlegen, wann es zu einer „Säuberungsaktion“ der gesamten deutschen Literatur kommen wird, in deren Lyrik ja nicht selten die Kerle unverblümt Weiber anschmachten. Gerade Altmeister Goethe hat uns ja nicht nur auf das männliche Geschlecht des Faustschen Pudels festgelegt (welcher sich logischerweise dann in Mephisto verwandelt – vielleicht wär’s mit einer Pudelin nicht passiert). Auch ansonsten lieferte er wahrlich genügend genderspezifisches Überstreichmaterial:

Geh den Weibern zart entgegen,
Du gewinnst sie, auf mein Wort;
Und wer rasch ist und verwegen,
Kommt vielleicht noch besser fort.

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden.
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt' es eben leiden.

Für die Neugestaltung der Berliner Hausfassade würde mir jedoch Detlev von Liliencron (1844 -1909) vorschweben. Sein Gedicht „Hans der Schwärmer“ hat zwar vier längere Strophen, aber die weiße Fläche der Hochschule ist ja groß genug:


Hans Töffel liebt schön Doris sehr.
Schön Doris Hans Töffel vielleicht noch mehr.
Doch seine Liebe, ich weiß nicht wie,
Ist zu scheu, zu schüchtern, zu viel Elegie.
Im Kreise liest er Gedichte vor,
Schön Doris steht unten am Gartentor:
Ach, käm er doch frisch zu mir hergesprungen,
Wie wollt ich ihn herzen, den lieben Jungen.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend, der blöde Tor,
Hans Töffel trägt wieder Gedichte vor.
Schön Doris das wirklich sehr verdrießt,
Daß er immer weiter und weiter liest.
Sie schleicht sich hinaus, er gewahrt es nicht,
Just sagt er von Heine ein herrlich Gedicht.
Schön Doris steht unten in Rosendüften
Und hätte so gern seinen Arm um die Hüften.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend ist großes Fest,
Viel Menschen sind eng aneinandergepreßt.
Heut muß ers doch endlich sehn, der Poet,
Wenn schön Doris sacht aus der Türe geht.
Potztausend, er merkt es und merkt es auch nicht,
Er spricht und verzapft gar ein eigen Gedicht.
Und unten im stillen, dunklen Garten
Muß schön Doris vergeblich, vergeblich warten.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

Am andern Abend, beim heiligen Gral,
Schön Doris fehlt im Gesellschaftssaal.
Und ist auch Hans Töffel mein Freund und mir wert –
Die Katze schläft unten am Feuerherd,
Beim Kätzchen steht sinnend schön Doris und sehnt,
Ihr Köpfchen an meine Schulter gelehnt.
Und hätte ich auch eine Legion Verdammer:
Zu süß war die Stunde bei ihr in der Kammer.
Hans Töffel liest oben Gedichte.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/unartige-musenkinder-3529/130

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