Samstag, 4. Juni 2016

Deutsch-Abitur reloaded

Wenn es dem Esel zu wohl wird... versucht er sich - nach dem eigenen Abitur 1970 - noch einmal an einer solchen Arbeit.

So habe ich ein Thema der heurigen bayerischen Reifeprüfung bearbeitet - unter Beachtung der Arbeitszeit von fünf Stunden und ohne Kenntnis des Erwartungshorizonts. Auch eine Mithilfe meiner Ehefrau (Gymnasiallehrerin für Deutsch und Französisch) fand nicht statt!

Aufgabe V / Variante 1:

Erörtern Sie die Frage, ob das Lesen im Zeitalter digitaler Medien an Bedeutung verliert! Nutzen Sie dazu die folgenden Materialien und beziehen Sie eigene Erfahrung und eigenes Wissen ein!

Gliederung

A.   Einleitung
Kurt Tucholsky auf der Suche nach einem Wort: „Was tun die Birkenblätter?“

B.   Hauptteil
B 1    Das Lesen im Informationszeitalter: dessen Stellenwert nach Umfragen und sein möglicher Bedeutungswandel

B 2
B 2.1 „Generation Whatsapp“: Sprachverarmung und Internetsucht bei Jugendlichen
B 2.2 Das Internet: eine Bilderwelt
B 2.3 Scannen statt Lesen

B 3
B 3.1 Literatur – schon immer ein Refugium für Minderheiten?
B 3.2 Die Links und der Vorteil der Vernetzung
B 3.3 Das Internet als schier unendliche Quelle von Texten

B 4    Das Lesen im digitalen Zeitalter in gewandelter, aber nicht geringerer Bedeutung

C.   Schluss
Bloggen – zurück zum Lesen?

A
Der Satiriker Kurt Tucholsky zählt zu den Autoren, welche ihr geradezu erotisches Verhältnis zur Sprache immer wieder bekannten. In seinem Artikel „Mir fehlt ein Wort“ beklagt er, nicht ausdrücken zu können, was die Birkenblätter tun: „zittern“, „flirren“, „rieseln“? Er werde dahingegangen sein, ohne es gesagt zu haben. Der politische Journalist verbindet seine Suche mit einem heftigen Angriff gegen jene, die das Ihre „dahinlabern“ – sie seien verlacht, für und für! Die Sprache sieht er als Waffe, die man „scharf zu halten“ habe.

Das war vor zirka neunzig Jahren. Was hätte Tucholsky wohl heute zu den 140 Zeichen bei Twitter, den maximal 160 einer SMS oder dem Kürzel für eine Verabredung „CU2“ („see you too“) geschrieben? Wohl wenig Freundliches!

Werden wir, wie der Karikaturist Scharwel andeutet, immer mehr zu den bekannten drei Affen, die zwar noch sehen, hören und sprechen können, aber nicht mehr lesen wollen, da es ja Hörbücher, Filme oder Handys gibt? (Mat. 1)

B 1
Gehört heute der klassische Buchleser zu einer aussterbenden Spezies? Dem Kulturpessimismus, welcher ja bereits im Aufsatz Tucholskys anklingt, entsprechen die harten Fakten nicht unbedingt. Nach einer Marktanalyse (Mat. 6) sind über 70 Prozent der Deutschen an Büchern interessiert (Z. 1), 11,7 Millionen lesen täglich Bücher, mehrmals pro Woche fast 15 Millionen (Z. 3 und 5) – und dabei hat das klassische Printbuch immer noch die Nase vorn: Die Zahl der Buchkäufer (aktuell 41,59 Millionen) scheint gegenüber dem Vorjahr sogar leicht gestiegen zu sein (Z. 16).

In einer Umfrage assoziiert eine Mehrheit mit dem Lesen auch heute positive Begriffe wie „Freizeit“, „Entspannung“, „Spaß / Unterhaltung“ sowie Spannung – an erster Stelle steht, sicher nicht zu Unrecht, das Bedürfnis nach Information (Mat. 7).

Freilich ist hier nach den unterschiedlichen Zwecken und Bedeutungen des Lesens zu fragen – vom Informationsaustausch per Brief oder SMS über Ausbildungssektor und Beruf bis hin zur Beschäftigung mit trivialer oder gar anspruchsvoller Literatur ergibt sich da ein weites und inhomogenes Feld. Schaffen digitale Medien eine Trendwende mit negativen Folgen wie Sprachverarmung, Reduktion auf Zeichen sowie Kürzel und somit der Unfähigkeit, sich auf größere Zusammenhänge einzulassen, die Bedeutung eines Textes zu durchdringen, gar einen Roman von vorne bis hinten zu lesen?

B 2.1
Das Bild junger Menschen, welche – das Smartphone in der Hand und den Knopf im Ohr – wirklichkeitsentrückt durch die Straßen laufen, ist geeignet, den größten Kulturoptimisten zu verunsichern. Der Kabarettist Werner Schneyder nannte dies einmal „second hand life“. Durch die Zeichenbegrenzung sozialer Medien und vor allem den Zwang, alles in eine oft winzige Tastatur zu tippen, entwickelt sich die Begriffssprache als höchste kommunikative Errungenschaft der Evolution anscheinend zurück zu einer Zeichen- und Symbolsprache!

Ein geistreicher Witz reduziert sich auf „lol“ („laughing out loudly“), in der Steigerung vielleicht noch „rofl“ („rolling on the floor laughing“) – mehr Differenzierungsmöglichkeiten sind nicht vorgesehen, Groß- und Kleinschreibung zudem lästig! Weiterhin kann man die Bedeutung banaler Sprüche ja durch „Smileys“ (Gesichtsattrappen, welche schon ein Säugling versteht) erläutern oder Gefühle, welche früher ellenlange Liebesbriefe umschrieben, mittels „Emoticons“ aus einem reichlich vorprogrammierten Fundus in seine Textfragmente kopieren.

Die Fähigkeit, längere Texte sinnerfassend zu lesen, gar eine Botschaft zwischen den Zeilen zu verstehen, geht so natürlich, gerade bei jungen Menschen, zurück.

B 2.2
„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ – diese grundsätzlich sicher richtige Aussage wurde spätestens seit den 1930-er Jahren durch die Comics pervertiert, indem eine ausdrucksstarke Sammlung verbaler Grundformen wie „ächz, stöhn“ die Botschaft der Zeichnungen nur noch lautmäßig verstärkte (siehe den „Erikativ“ der deutschen Micky Maus-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs).

Diesen Trend hat das Internet noch kräftig verstärkt: In den sozialen Medien werden vorwiegend Bilder gepostet – der zugehörige Text (wenn überhaupt vorhanden) stellt bestenfalls eine kurze Komponente dar, welche die optische Aussage erklärt oder verstärkt. Die Möglichkeit des „Teilens“ bewirkt zudem, dass eigene geistige Leistungen – auch sprachliche – keine Voraussetzung mehr sind, um an der inflationären Kurz-Kommunikation teilzunehmen. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, postet er das zuletzt Gegessene („foodie“) oder das Foto seiner Hauskatze – in Bloggerkreisen zu Recht als „cat content“ verspottet. Aus der sprachlichen Verarmung resultiert logischerweise die Trivialisierung von Inhalten.

Man kann den Journalisten Markus Günther durchaus verstehen, wenn er das „Ende der Schriftkultur“ (Mat. 2, Z. 12) prophezeit, wo doch schon heute Smartphone-Programme Sprache in Schrift (und umgekehrt) übersetzen und Gebrauchsanleitungen per Video daherkommen (Z. 18-21). Sicherlich sind audiovisuelle Medien in etlichen Bereichen den schriftlichen überlegen (Z. 37-38). Wenn Günther dagegen von der bisherigen „fast vollständigen Alphabetisierung der Gesellschaft“ schreibt (Z. 8), sollte man bedenken, dass sogar in unserem Land die „Dunkelziffer“ der totalen oder teilweisen Analphabeten bei einigen Millionen liegen dürfte!

B 2.3
Auf der sehr interessanten Webseite „Affenblog“ (mit vielen guten Ideen, mit Blogs Geld zu verdienen) trifft der Autor Walter Epp eine bemerkenswerte Feststellung: Im Internet würde meist nicht mehr gelesen, sondern „gescannt“: Die Interessenten überflögen Texte nur noch anhand von Stichpunkten („bullet points“) oder Zwischenüberschriften und klickten so einen Artikel nach weniger als einer Minute wieder weg.

Ähnlich äußert sich der Bibliotheksdirektor Klaus Ceynowa (Mat. 5): Die „Dominanz des Textes und mit ihm die traditionelle Figur des Lesers“ verschwinde, welcher „Zeile für Zeile und Seite für Seite einem Argumentationsgang oder einer ‚Geschichte‘“ folge. (Z. 8-10).

Sehr pessimistisch sieht Konrad Paul Liessmann (Mat. 4) ein Herannahen des Endes der Literatur: Lesen und Schreiben seien mehr als eine Kulturtechnik, nämlich eine Form der „Weltaneignung und Welterzeugung“ (Z. 6-7). Wer Texte lediglich unter pragmatischen Gesichtspunkten sehe, werde nur dann noch lesen, wenn es gar nicht anders gehe (Z. 12), und so die Beschäftigung mit Literatur „als Zumutung empfinden“ (Z. 14).

Womit wir wieder bei Tucholsky wären: Wen interessiert dann noch ein Wort dafür, was die Birkenblätter tun?

B 3.1
Man muss allerdings ehrlicherweise zugeben, dass solche Beschäftigungen noch nie mehrheitsfähig waren: Literatur, gerade in ihrer künstlerisch hochstehenden und anspruchsvollen Variante, musste auch früher hart um Leser kämpfen. Schon in vergangenen Zeiten, teilweise vor der Erfindung des Buchdrucks, arbeiteten Bänkel- und Moritatensänger nicht eben mit elaborierten Texten, und Groschenhefte, Illustrierte sowie Herz-Schmerz-Romane fanden ihr Publikum wesentlich leichter.

Gerade das Internet macht den Zugang zu wertvollem Schrifttum (nebst der Sekundärliteratur) so einfach wie nie zuvor. Millionen von Texten sind nur wenige Mausklicks entfernt. Freilich muss sich auch diese Sparte um Leserlichkeit bemühen! Die ketzerische Frage sei erlaubt, ob der Unwillen, sich beispielsweise auf die Schachtelsätze eines Thomas Mann einzulassen, wirklich auf die digitale Revolution zurückzuführen ist oder nicht doch auf gewisse Manierismen von Autoren…

B 3.2
Der schon erwähnte Klaus Ceynowa (Mat. 5) kommt unter dem Titel „Der Text ist tot. Es lebe das Wissen!“ zu optimistischen Aussagen. Er sieht den Leser im Informationszeitalter als „Figur des sich in vernetzten Wissensräumen agil bewegenden Entdeckers“ (Z. 12-13). Dies kann man tatsächlich als neue Qualität des Lesens bezeichnen:

Wollte man früher einen Begriff oder eine Tatsache in einem Text genauer hinterfragen, war man auf Lexika oder die mühsame Beschaffung von Sekundärliteratur angewiesen. Heute sind solche Stellen meist „verlinkt“ – es genügt also ein Mausklick, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Inklusive Plattformen wie „Wikipedia“ wird das Internet so tatsächlich zu „einem Netz, das niemals reißt“ (Z. 15).

Die Möglichkeit, an den Weltschatz an Informationen zu kommen und fast beliebige Querbezüge zu erforschen, bedeutet einen revolutionären Fortschritt, welcher dem Lesen eine neue Qualität geben kann!

B 3.3
Das Internet stellt vor allem quantitativ eine gigantische Zunahme der Informationen dar. Pro Minute werden nicht nur fast fünfzig Stunden Videos auf „Youtube“ hochgeladen und hunderttausend Tweets auf „Twitter“ verschickt, sondern auch mehrere hundert Webseiten neu hochgeladen. Wer Texte – auch solche jenseits von 160 Zeichen-Botschaften – sucht, wird so fündig wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Gutenbergs Revolution des Buchdrucks, welche ein Lesen auch jenseits von Klostermauern ermöglichte, wird somit erneut auf eine neue, ungeahnte Ebene katapultiert.

Wer lesen möchte, kann dies in Hülle und Fülle tun – und dank des weltweiten Netzes fällt es selbst Diktaturen immer schwerer, ihren Bürgern unwillkommene Informationen vorzuenthalten!

B 4
Die Ängste, welche eine neue Entwicklung bewirkt, sind nicht neu. Rückblickend werden sie meist belächelt wie die Furcht vor der „Eisenbahnkrankheit“, welche im 19. Jahrhundert durch die ersten Dampfloks ausgelöst wurde: Die „rasenden Geschwindigkeiten“ (damals wohl deutlich unter 50 Stundenkilometern) würden Tier und Mensch gesundheitlich schwer schädigen.

Allein das Textangebot, welches das Internet liefert, dürfte nicht zu einem Rückgang der Bedeutung des Lesens führen. Es werden sich allerdings andere Lesemuster einstellen, welche der stärkeren Vernetzung Rechnung tragen und so sicherlich neue Chancen bieten. Auch das „Überfliegen“ von Texten wird eher zunehmen, was aber, je nach konkretem Bezug, nicht nachteilig sein muss und zudem schon beim alten „Printbuch“ existiert. 

Für jeden Fortschritt zahlt man allerdings einen Preis. Das „lineare Lesen“ wird es sicherlich schwerer haben als früher. Doch gerade heute ist die Literatur so breit aufgestellt, dass wohl die Faszination dieser Kunstgattung nicht untergehen wird.

Nicht nur Kinder lieben Geschichten.

C
Das Internet hat ein neues Textmedium hervorgebracht, das immer mehr an Bedeutung gewinnt: das „Weblog“ oder kurz „Blog“ – in seiner Urform eigentlich ein elektronisches Tagebuch.

Auf der schon erwähnten Webseite „Affenblog“ plädiert der Herausgeber engagiert dafür, in den Texten „wertvollen Content“ zu liefern. Nur Beiträge, welche dem Leser einen Nutzen durch detaillierte Darlegungen brächten, würden genauer gelesen, ansonsten höchstens „gescannt“, was dem Blogger materiell keinen Gewinn (etwa durch Werbung) brächte.

Und was sei die wichtigste Eigenschaft eines Textes, der viel gelesen würde? Er müsse mindestens tausend Wörter lang sein (was einer Lesezeit von zirka sieben Minuten entspricht).

Zu kurze Beiträge würden eher überflogen und dann weggeklickt. Eine in diesem Zusammenhang doch äußerst tröstliche Erkenntnis!

Als Blogger kann ich sie nach meiner Erfahrung nur bestätigen.
Auch das mit den Birkenblättern…

P.S. Dieser Text enthält übrigens 1571 Wörter!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Aus Ihrem Beitrag muss Ihr wahrer Name hervorgehen. Wenn Sie sich unter "anonym" einloggen, müssen Sie diesen im Text des Kommentars nennen. Unterlassen Sie bitte beleidigende und herabsetzende persönliche Angriffe! Nur Anmerkungen, welche diese Voraussetzungen erfüllen, werden veröffentlicht.

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.