Samstag, 7. Mai 2016

Dämlich, ohne es zu ahnen



Das jüngste Beispiel von vielen, das ich dazu zitieren könnte: Eine Bloggerkollegin veröffentlichte auf einem Facebook-Forum den Link auf einen ihrer Texte. Daraufhin erntete sie den folgenden negativen Kommentar: „Kein guter Blog nach meinem Empfinden.(Auch sprachlich nicht, sorry. ) (…) Ich tanze Tango u.a. deshalb, weil es Regeln gibt, die Muse geben, sich zu entspannen.“

Die Gemeinte sah über die Fehler der Schreiberin hinsichtlich Zeichenabständen und Satzbau bzw. Interpunktion in der Klammer großzügig hinweg, lieferte allerdings die Korrektur: „‚Muße‘ mit scharfem S“.
Ansatzlos fing sie sich damit von einer anderen Kommentatorin die Replik ein: „Quatsch mit Soße“. (Obwohl dies ja dann „Sose“ heißen müsste, wie in einem weiteren Beitrag zu Recht angemerkt wurde…)

(Aktuelle Anmerkung: Inzwischen hat man offenbar diese Diskussion auf der Facebook-Seite "Tango München" gelöscht. Tja, da sucht man sich wohl die Vorbilder in der Türkei, China und Nordkorea...)

Letztlich habe ich diese Grundsituation schon oft erlebt: Man wird von jemandem mit der Einschätzung abgewertet, auf einem Gebiet zu wenig kompetent zu sein. Form und / oder Inhalt der Kritik lassen jedoch den dringenden Verdacht aufkommen, der Betreffende sei bei diesem Thema noch deutlich weniger leistungsfähig.

Ein weiteres, hübsches Erlebnis dieser Art habe ich hier geschildert.
Als mich beim Thema Tango ein Kommentator ziemlich hochnäsig belehrte, unter anderem zum „Balett“, gab ich zu, in diesem Metier kein Experte zu sein, aber wenigstens die korrekte Schreibweise zu kennen. Im Anschluss ging eine „Oberlehrerschelte“ beträchtlichen Ausmaßes über mich nieder.

Auf Einsicht oder wenigstens Humor darf man in diesen Fällen nicht hoffen. In einer ähnlichen Debatte stieß ich schließlich zu meinem Erstaunen auf einen Effekt, der offenbar in der Psychologie längst bekannt ist und mir ein ziemliches Aha-Erlebnis bescherte:  

„Als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet man eine Spielart der kognitiven Verzerrung, nämlich die Tendenz inkompetenter Menschen, das eigene Können zu überschätzen und die Kompetenz anderer zu unterschätzen. Der populärwissenschaftliche Begriff geht auf eine Publikation von David Dunning und Justin Kruger aus dem Jahr 1999 zurück.“ (Quelle: Wikipedia)

Die beiden Psychologen wollten testen, wie Studenten der Cornell Universität ihre geistigen Fähigkeiten einschätzten – etwa im Bereich logisches Denken oder Grammatik. Dunning und Kruger ließen die Teilnehmer dazu verschiedene Tests durchlaufen. Das Ergebnis war stets dasselbe: Diejenigen, die besonders schlecht abgeschnitten hatten, schätzten ihren Lernerfolg und sich selbst viel besser ein. Besonders intelligente Studenten hingegen unterschätzten ihre Leistungen regelmäßig.

David Dunning und Justin Kruger formulierten daraufhin einen vierstufigen Effekt, der seitdem ihren Namen trägt. Danach sieht es so aus, dass...

1. inkompetente Menschen regelmäßig ihr eigenes Können überschätzen,
2. gleichzeitig aber nicht in der Lage sind, das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz zu erkennen,
3. weshalb sie ihre Kompetenz nicht steigern können und
4. die überlegenen Fähigkeiten von anderen immer wieder unterschätzen


Unqualifizierte leiden nicht unter ihrer Unfähigkeit. Im Gegenteil, sie sind sich ihrer vermeintlichen Qualität ohne Anflug von Zweifeln so sicher, dass sie sich ausgesprochen wohl fühlen. Die Forscher vergleichen die Situation der Inkompetenz mit dem Krankheitsbild der Anosognosie:

Nach einem Schlaganfall in ihrer rechten Gehirnhälfte leiden Anosognosie-Patienten an einer Lähmung ihres linken Armes, die ihnen nicht bewusst ist. Wird ihnen ein Glas hingestellt und werden sie aufgefordert, dieses mit der linken Hand anzuheben, können sie diese Anweisung lähmungsbedingt nicht ausführen. Warum dies so ist, werden die betroffenen Patienten nicht zugeben – sie behaupten stattdessen, sie höben den Arm nicht, weil sie dazu zu müde seien oder weil sie die Anweisung nicht gehört oder sie ganz einfach keine Lust hätten usw.

Obwohl Inkompetente unfähig sind, ihre schwachen Leistungen zu erkennen, würden wir erwarten, dass sie beispielsweise im Rahmen ihrer akademischen oder beruflichen Karriere unvermeidbar irgendwann derartig negatives Feedback empfangen, dass ihnen letztlich doch die Augen aufgehen sollten. Dafür, dass dies nicht zwangsläufig geschieht, geben Dunning und Kruger Gründe an:

Der erste liegt in den in unserem sozialen Leben verbreiteten „guten Manieren“: Erwachsene Individuen bekommen im Alltag selten negatives Feedback in Bezug auf ihre Fähigkeiten.

Statt Scheitern mit der eigenen Inkompetenz in Verbindung bringen zu müssen, bietet es sich Inkompetenten an, fehlendes Glück und gerne auch die angeblich fehlende Unterstützung der Mitmenschen für den misslichen Ausgang ihres Handelns verantwortlich machen.

Der letzte Grund liegt in der Unempfänglichkeit für soziale Vergleiche: Es hat sich in der Studie gezeigt, dass Inkompetente nicht in der Lage sind, die grundlegende Form des sozialen Feedbacks zu verarbeiten: den sozialen Vergleich. Dieser erfordert die Fähigkeit, die Ausprägung der eigenen Kompetenz zu erfassen, indem das Verhalten der übrigen Gruppenmitglieder beobachtet und analysiert wird.

Offenbar braucht jemand, um im Feld der Inkompetenz zu „glänzen“, ein gewisses Maß an rudimentärem, vielleicht angelesenem Wissen sowie eine gewisse Laien-Theorie darüber, wie die Dinge in der Realität funktionieren könnten. Kommen noch ein paar rudimentäre Erfahrungen – vielleicht aufgrund von Hören-Sagen – dazu, hat der Inkompetente ausreichend „Futter“, um sich selbst suggerieren zu können, er könnte im betreffenden Feld sachgerecht entscheiden und handeln.

Kompetente überschätzen genauso häufig die Qualifikation der Inkompetenten, wie es diese weniger Qualifizierten in Bezug auf ihre eigenen Fähigkeiten tun. Kompetentere glauben oft, weil ihnen etwas leicht fällt, müsste dies den anderen auch so gehen. Sie erliegen dabei ebenfalls einer grundlegenden Täuschung.

Eine weitere hilfreiche Einsicht für Kompetente liegt darin, einzusehen, dass es sinnlos ist, Inkompetente von ihrer Kompetenz überzeugen oder sie sogar mit ihrer Qualifikation beeindrucken zu wollen. Das kann nicht funktionieren, weil ihre weniger kompetenten Mitmenschen höherwertige Kompetenz nicht wahrnehmen und bewerten können.

Auch im geschäftlichen Bereich kann dies zu Problemen führen: Wie soll man dem Kunden klar machen, dass er eine hohe Qualität geliefert bekommt, wenn er diese nicht einschätzen kann? Man muss ihn sozusagen erst schlau machen, damit er den Wert einer Ware oder Dienstleistung erkennt.


Geplagten Lehrerkollegen zum Trost: Ein schwacher Schüler wird sich tendenziell eher über eine schlechte Note beschweren, während sein weitaus besserer Klassenkamerad staunt, dass er eine unerwartet gute Bewertung erhielt. Und gar erst die Eltern, welche in Ihrer Sprechstunde aufschlagen und so viel mehr von Schule, Pädagogik und umliegenden Dörfern verstehen als Sie – ein klarer Fall von „Dunning-Kruger“! (Ein höherer Kompetenzgrad müsste in solchen Fällen doch zumindest den Verdacht aufkommen lassen, man steige hier zu einer Person in den Ring, die über jahrelange Praxis in diesem Metier verfügt – von der sozialen Intelligenz, dass solche Belehrungen dem Gegenüber eher lächerlich bis anmaßend erscheinen, ganz zu schweigen…).

Mir sind etliche Warnsignale eingefallen, welche „Dunning-Kruger-Situationen“ ankündigen:

1.    Häufig hat man den Eindruck, der Betreffende habe sich zum gerade aktuellen Thema einige Textbausteine zurechtgelegt, die in leichten Variationen wiederholt werden. Das Eingehen auf Details oder spezifische Fragestellungen fällt ihm somit schwer.
2.    Darlegungen zu Widersprüchen der eigenen Position werden ausgeblendet (manchmal hat man tatsächlich – siehe Anosognosie – den Eindruck, der andere könne sie gar nicht hören bzw. lesen). Lässt sich eine Schwäche gar nicht mehr bemänteln, kommt mit apodiktischer Sicherheit der berühmte „Oberlehrer-Vorwurf.
3.    Im Gegenzug wird man mit einer Unmenge von – meist hergesucht wirkenden – Fragen bombardiert („dann erklären Sie mir doch mal…“).
4.    Häufig hört man das Argument, der spezielle Sachverhalt sei ganz einfach und die Lösung nahe, wenn man den Sprecher nur machen ließe.
5.    Nicht wegzudiskutierende eigene Misserfolge werden oft mit Verschwörungstheorien erklärt: Nur die böse Umwelt sei schuld, dass man sein überlegenes Konzept nicht verwirklichen konnte. („Meine Tochter hätte es ja gekonnt, aber sie hat Angst vor Ihnen!“)
6.    Die eigene Qualifikation wird meist ungefragt und deutlich übersteigert betont (beim Tango beispielsweise durch eine lange Liste der – natürlich argentinischen – Tanzlehrer dieser Person). Komplettiert wird dies oft mit Vorwürfen, der andere sei arrogant oder geltungssüchtig.
7.    Hinweisen auf eigene Fehler oder Schwächen wird äußerst aggressiv begegnet (im schulischen Metier kommt dann gerne die Drohung mit dem Rechtsanwalt).
8.    Das Recht und die Fähigkeit des Diskussionspartners, zu anderen Ansichten zu gelangen, werden negiert. Zunächst wird dieser „aufgeklärt“ – und sollte er dennoch auf der eigenen Meinung beharren, kann das nur an seiner Dummheit oder Bösartigkeit liegen.
9.    Stets stellen „Dunning-Kruger-Kandidaten“ ihren Standpunkt als Mainstream dar: Die gesamte Welt teile ihre Auffassung, nur der Angesprochene nicht („die ganze Klasse kann es bezeugen, dass Sie meinen Sohn heruntergemacht haben“).
10.  Bei der Wahl seiner Argumente greift man wahllos in jede erreichbare Schublade (bei der Debatte um das richtige Auffordern beim Tango durfte ich mir beispielsweise schon anhören, dass keine Frau mit mir tanzen wolle und mein Körpergeruch unerträglich sei – und das von Menschen, die mich überhaupt nicht persönlich kennen…).

Sollten Sie also wieder einmal mit diesem psychologischen Phänomen konfrontiert werden: Nur nicht aufregen! Ihr Gegenüber kann weder seine noch Ihre Kompetenz richtig einschätzen, da ist nix zu machen!

Gar nichts? Na ja – vielleicht ein bisschen veralbern…   

Literatur: Justin Kruger, David Dunning: Unskilled and unaware of it. How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments. In: Journal of Personality and Social Psychology. 77, Nr. 6, 1999, S. 1121–1134

P.S. Der neueste Dunning-Kruger" (auf FB gestern Abend):
„mit selbstdarstellung meine ich nicht das tanzen von gerhard riedl sondern die blogbeiträge - das gekrümmte gehüpfe nehme ich nicht wirklich als tango argentino wahr"
O mei'... 

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