In der Bildung wird echt alle paar
Jahre das Rad neu erfunden – und man
muss froh sein, wenn es nicht viereckig wird!
Mit großem Vergnügen las ich daher gestern
einen aktuellen Artikel im SPIEGEL, der wie folgt überschrieben
war:
„Schüler orientieren sich stärker an
Lehrern als angenommen“
Untertitel: „Lehrkräfte sollten auch in Fächern wie
Biologie und Geschichte darauf achten, dass sich Schüler gut ausdrücken. Denn
sie orientieren sich beim Erwerb der Sprache viel mehr an den Pädagogen als
bislang angenommen.“
Herausgefunden
hat diese sensationelle Tatsache Helmuth
Feilke, Ordinarius für
Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik an der Universität Gießen – und weil man auf sowas unmöglich
allein kommt, haben noch Prof. Dr. Ursula
Bredel (Uni Hildesheim) und ein Team weiterer Sprachwissenschaftler
teilgenommen. Die Ergebnisse von zehn Studien veröffentlichte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gemeinsam mit der Union der deutschen Akademien der
Wissenschaften. Mächtig viel akademisches Holz also vor der Hütte…
Bei der Untersuchung der Sprachkompetenz stellte sich
überraschenderweise heraus, dass Fünftklässler
an Gymnasien wesentlich mehr
Attribute (35 pro 100 Substantive) verwenden als Neuntklässler an Integrierten Gesamtschulen (25 pro 100
Substantive) – wobei der SPIEGEL seinen Lesern vorsichtshalber noch erklärt, was ein Attribut ist. All das wundert uns in Bayern nicht.
Lehrkräfte müssten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein, so
Feilke: „Eigentlich dachte man immer, die
Schüler würden sich sprachlich bewusst von Erwachsenen abgrenzen wollen. Doch
der Sprachgebrauch der Lehrkräfte hat einen großen Einfluss auf den
Sprachgebrauch der Schüler.“
Darauf muss man erstmal kommen – dass
es so etwas wie eine „Muttersprache“
gibt, welche die Kinder und Jugendlichen natürlich von ihren nahen erwachsenen Bezugspersonen lernen. „Vatersprache“ hingegen ist nicht mehr
zeitgemäß, da die Männer sich inzwischen weitgehend aus der Erziehung
verabschiedet haben…
So erklärt uns Projektleiterin Ursula Bredel, der Spracherwerb gelinge
besonders gut, wenn die Voraussetzungen in der Familie gegeben seien, wenn die
Schule herausfordernde Aufgaben stelle und die Lehrkräfte als gute Sprachmodelle
dienten. Der Aufholbedarf sei da leider noch groß.
https://www.uni-giessen.de/fbz/fb05/germanistik/absprache/sprachdidaktik
https://www.spiegel.de/panorama/bildung/sprachkompetenz-schueler-orientieren-sich-staerker-an-lehrern-als-bislang-angenommen-a-ef888282-8e74-4682-9ee6-26a3cbaa4fac
Diese Erfahrung durfte ich unter
anderem machen, wenn ich die Prüfungsarbeiten
von Kollegen durchsehen musste: In Fächern wie Chemie oder Biologie wurden sprachliche Mängel wenig markiert und
schon gar nicht bewertet. Da ich es anders handhabte, hatte ich regelmäßig Elternbeschwerden am Hals – in der
Tonlage: „Bewerten Sie auch Rechtschreibfehler??“
Nein – aber durchaus die Fähigkeit,
einen fachlichen Zusammenhang
sprachlich zutreffend zu formulieren!
Oder einen Fachbegriff korrekt zu
schreiben. Das war während meiner Dienstzeit bei den Kolleginnen und Kollegen
nie Allgemeingut, sondern eher ein Außenseiter-Standpunkt.
Ich habe mich in meiner Haltung
allerdings nie beirren lassen und sehe nun mit Freude, dass man im Elfenbeinturm neue Erkenntnisse gewinnt. In meinem Buch „Der bitterböse Lehrer-Retter“
habe ich meine Ansichten schon 2012
niedergeschrieben:
Bei
einem anderen Aspekt sollten Sie sich allerdings einige Mühe geben: In meiner
Referendarzeit lernte ich einen Satz, der damals wohl in der Schulordnung stand
(UND DEN ICH SCHON LANGE NICHT MEHR GEHÖRT HABE):
„IM
MITTELPUNKT DES UNTERRICHTS STEHT DIE PFLEGE DER DEUTSCHEN SPRACHE.“
Meinem
festen Eindruck nach hat die Fähigkeit der Kinder und Jugendlichen, sich
korrekt und vor allem differenziert auszudrücken, dramatisch nachgelassen!
Dafür gibt es sicherlich zahlreiche Gründe – ganz bestimmt aber auch den, dass
die Schule
hier viel zu wenig gegensteuert. Es ist eine dienstliche Alltagserfahrung, dass
Kollegen Verstöße gegen Rechtschreibung, Interpunktion und Grammatik reihenweise
unkorrigiert durchgehen lassen und Formulierungen positiv bewerten, welche von
geradezu jämmerlicher Unbeholfenheit zeugen – getreu dem Motto:
„ICH BEWERTE HIER BIOLOGIE UND NICHT
DEUTSCH!“
Dies
ist natürlich grober Unfug, da ein fachlicher Inhalt kaum ohne sprachliche Fähigkeiten
adäquat dargestellt werden kann.
Daher
bildet eine Bionote indirekt auch eine Leistungsbewertung im Deutschen – und so
muss es auch sein! Ob Sie nun die Muttersprache, Sport oder Handarbeiten unterrichten:
Am Ringen um eine gute Ausdrucksfähigkeit müssen Sie sich beteiligen, vor allem
durch das eigene Beispiel (Unterrichtssprache, Tafelanschriften, Hefteinträge
bzw. Arbeitsblätter), aber auch durch Verbesserung von Schüleräußerungen, ob
nun mündlich oder schriftlich. Wenn ich mir die via Schüler- oder Abiturzeitungen
kolportierten kollegialen Sprüche anschaue, werde ich den Verdacht nicht los,
man wolle sich durch Nachahmen der Jugendsprache seinen
Schützlingen emotional nähern.
BERÜCKSICHTIGT
EINE LEHRKRAFT IN IHRER BEWERTUNG AUCH SPRACHLICHE MÄNGEL, SIEHT SIE SICH
GELEGENTLICH MIT WÜTENDEN ELTERNBESCHWERDEN KONFRONTIERT. MAN DÜRFE DOCH IN BIOLOGIE
KEINE „RECHTSCHREIBFEHLER“ BENOTEN UND MÜSSE DAHER BEGRIFFE BEPUNKTEN WIE
„GREISSAAL“ (WOHL FÜR ÄLTERE MÜTTER), „RÜCKENRAD“ (LIES: „RÜCKGRAT“) ODER „GEISEL“
(FÜR DEN RUDERANTRIEB VON EINZELLERN).
JEDOCH
BESCHRÄNKEN SICH DERLEI KREATIVITÄTEN NICHT AUF SCHÜLER. EINMAL WANKTE EIN
DEUTSCH-BETREUUNGSLEHRER, BEREITS VON ZWERCHFELLKRÄMPFEN GESCHÜTTELT, IN DIE
TEEKÜCHE UND ZEIGTE UNS EINEN PRÜFUNGSENTWURF SEINER REFERENDARIN. IHRE KLASSE
SOLLTE WOHL IN EINEM TEXT DIE VERSCHIEDENE FÄLLE HERAUSFINDEN, WAS SICH DANN SO
LAS: „BESTIMME IM FOLGENDEN ABSCHNITT DIE KASI!“ (EIN GAG FÜR FEINSCHMECKER…)
(S.
282-284)
Wie gesagt: Ich bin sehr froh darüber, dass man auch in
Kreisen, wo man Schülerinnen und Schüler nur aus Studien und durch
Einwegspiegel kennt, zu einer Erkenntnis kommt, die zum biologischen Grundwissen gehört: Primaten lernen durch Nachahmung adulter Artgenossen.
Daher sehe ich den momentanen Hype um die Digitalisierung
des Schulwesens sehr gelassen: Mag ja alles nötig oder zumindest nicht
schädlich sein – wobei eine Renovierung von Schulklos oder Lärmschutzmaßnahmen
dringlicher sein könnten.
Ich sage nur: Bildung,
die sich vor allem auf Bildschirme
gründet, bleibt flach. Im Zentrum guten Unterrichts steht nicht das Bild, sondern das Vorbild, also eine Lehrkraft
mit der entscheidenden Eigenschaft, die in der Ausbildung kaum eine Rolle spielt: Rhetorik. Unterrichts- und
Erziehungserfolg steht und fällt mit der Frage, ob Kinder und Jugendliche an
den Lippen der Lehrerin oder des
Lehrers hängen – ob sie oder er die Fähigkeit besitzt, sprachlich überzeugend
zu agieren: motivierendes Intro, klare Gliederung mit Schwerpunkten,
übersichtliche Zusammenfassungen, passendes Sprachniveau, Modulation, Pausen
und vieles mehr.
Und ja: Das alles wirkt am besten im heute so geschmähten
„Frontalunterricht“. Stattdessen
werden die Dienstanfänger durch einen Wust von Methoden geschickt, die sie zu „Lernorganisatoren“ degradieren, welche
bei der Plakatgestaltung zuvörderst dafür zu sorgen haben, dass Klebstoff und
Tesafilm nicht ausgehen.
So ist es der zufälligen Begabung überlassen, ob eine
Lehrperson über persönliche Ausstrahlung
und rhetorisches Geschick verfügt.
Ich habe in meinem Leben solche Leute kennenlernen dürfen, die aber meist in
ganz anderen Berufen tätig waren, oft nicht einmal ein Studium vorzuweisen hatten.
Mein Standardsatz lautete stets: „Wenn ich eine Privatschule hätte, würde ich
die Person sofort engagieren – die Fächer dürfte sie sich raussuchen.“
In meinem Buch berichtete ich von einem Lehrer, den ein
Kollege noch erlebt hatte: Der brachte es fertig, in seinem Geschichtsunterricht mittels Papierkorb
als Helm und dem Zeigestab als Speer derartig begeisternd antike Schlachten zu
schildern, dass er einmal am Ende der Stunde von seiner Klasse mit Applaus überschüttet wurde. Mit der
Hand schon an der Türklinke wandte er sich nochmal an seine Zöglinge: „Ach
Kinder, ich mach das doch nicht für euch!“
Wen ich nun neugierig gemacht haben sollte: Mein Buch kann man immer noch bei mir
bestellen. Die Damen und Herren Professoren werden es sicher nicht tun – mir fehlt
ja der wissenschaftliche Überblick. Aber vielleicht hat ja der eine oder die andere
von Ihnen Interesse:
http://www.robinson-riedl.de/lehrer-retter.htm