Dienstag, 20. Februar 2018

Emma Gonzalez: „We call bullshit“



Am Valentinstag dieses Jahres (14.2.) hat ein ehemaliger Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland (Florida) dort 17 Menschen mit einem Schnellfeuergewehr erschossen, 14 Personen wurden verletzt. Es war im laufenden Jahr bereits der 18. Vorfall mit Schusswaffen in US-amerikanischen Bildungseinrichtungen – seit 2013 waren es insgesamt 290.

Die USA halten mit 89 Schusswaffen pro 100 Einwohner den unangefochtenen Weltrekord, ebenso bei der Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen (2012: 29,7). 2017 starben so 15590 Menschen.

Am 17.2.18 hielt die 18-jährige Schülerin Emma Gonzalez, die das Attentat selber miterlebte, bei einer Gedenkveranstaltung in Fort Lauderdale eine Rede, die es leider bislang nicht in voller Länge auf Deutsch gibt. Daher habe ich sie übersetzt:

Wir hatten im Repräsentantenhaus noch keine Schweigeminute, deshalb hätte ich gerne hier eine. (Stille) Vielen Dank.

Jeder einzelne Mensch hier oben, all diese Menschen sollten zu Hause trauern. Aber stattdessen stehen wir hier zusammen, denn wenn unsere Regierung und unser Präsident nicht mehr tun können als nur Gedanken und Gebete" zu senden, dann ist es an der Zeit, dass die Opfer die Veränderung verkörpern, die wir erreichen müssen. Seit der Zeit der Gründerväter und seit dem zweiten Zusatzartikel der Verfassung haben sich unsere Waffen so entwickelt, dass mir schwindlig wird. Die Waffen haben sich geändert, aber unsere Gesetze nicht.

(Anmerkung: Der zweite Verfassungszusatz gewährt den Amerikanern das Recht, Waffen zu tragen. Im republikanisch regierten Florida ist man da besonders „liberal“: Dort darf man erst mit 21 Jahren ein Bier bestellen, aber schon mit Achtzehn eine Waffe kaufen.)

Wir verstehen überhaupt nicht, warum es am Wochenende schwieriger ist, mit Freunden Pläne zu schmieden als eine automatische oder halbautomatische Waffe zu kaufen. In Florida brauchen Sie, um eine Waffe zu erwerben, keine Genehmigung, keinen Waffenschein, und Sie müssen sich beim Kauf nicht registrieren. Sie benötigen keine Erlaubnis, um ein Gewehr oder eine Schrotflinte versteckt zu tragen. Sie können so viele Waffen gleichzeitig kaufen, wie Sie wollen.

Ich habe heute etwas sehr Kraftvolles gelesen. Es war aus der Sicht eines Lehrers. Ich zitiere: Wenn Erwachsene mir sagen, dass ich das Recht habe, eine Waffe zu besitzen, kann ich nur hören, dass mein Recht, eine Waffe zu besitzen, das Recht des Schülers auf Leben überwiegt. Alles, was ich höre, ist mein, mein, mein, mein“.

Anstatt uns Gedanken über unseren Sozialkunde-Test zu machen, müssen wir unsere Notizen studieren, um sicherzustellen, dass unsere Argumente, die auf Politik und politischer Geschichte basieren, wasserdicht sind. Die Schüler dieser Schule haben gefühlt schon ihr ganzes Leben Debatten über Waffen geführt. (…) Einige Diskussionen zu diesem Thema fanden sogar während des Attentats statt, während sich Schüler in den Schränken versteckten. Die Leute, die nun betroffen sind, diejenigen, die dort waren, ihre Postings, Tweets, Interviews und Gespräche werden plötzlich gehört, wie es gefühlt das erste Mal bei einem Thema ist, das allein in den letzten vier Jahren mehr als 1000 Mal behandelt wurde.

Ich habe heute herausgefunden, dass es eine Website „shootingtracker.com“ gibt. Nichts in dem Titel deutet darauf hin, dass sie ausschließlich die Shootings der USA verfolgt, aber muss man das überhaupt dazu sagen? Australien hatte eine Massenschießerei 1999 in Port Arthur, danach wurde die Schusswaffensicherheit eingeführt, und es gab keine mehr. Japan hatte noch nie Amokläufe. Kanada hatte drei und das Vereinigte Königreich einen, und beide führten die Waffenkontrolle ein. Und alles, was wir haben, sind Webseiten, die Tatsachen zu diesen Tragödien zusammentragen, so dass wir sie zu statistischen Zwecken benützen können.

Ich habe heute Morgen ein Interview gesehen. Eine der Fragen war, ob deine Kinder weitere Amok-Sicherheitsübungen durchmachen müssen? Unsere Antwort ist, dass unsere Nachbarn sich das nicht antun müssen, wenn wir der Regierung unsere Ansage gemacht haben. Vielleicht haben sich die Erwachsenen daran gewöhnt, zu sagen „es ist, wie es ist" – aber wenn wir Schüler etwas gelernt haben, dann ist es, dass du versagen wirst, wenn du nicht dazulernst. Das heißt  in diesem Fall, wenn du aktiv nichts tust, sterben weiterhin Menschen, also ist es Zeit, mit etwas anzufangen.

Wir werden die Kinder sein, von denen du in den Lehrbüchern liest. Nicht, weil wir eine weitere Statistik über Massenerschießungen in Amerika sein werden, sondern weil, wie David sagte, wir das letzte Massenerschießen sein werden. Genau wie im Kampf um die politischen Schülerrechte während des Vietnamkriegs („Tinker v. Des Moines“) werden wir das Gesetz ändern. Das wird dann unsere Schule in diesem Lehrbuch sein, und es wird so werden aufgrund der unermüdlichen Bemühungen der Schulbehörde, der Fakultätsmitglieder, der Familienmitglieder und vor allem der Schüler. Der Schüler, die tot sind, der Studenten, die noch im Krankenhaus liegen, der Schüler, welche nun unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, der Schüler, die Panikattacken während der Nachtwache hatten, weil die Hubschrauber uns nicht allein ließen und 24 Stunden am Tag über der Schule schwebten.

Es gibt einen Tweet, auf den ich aufmerksam machen möchte. Es gab so viele Anzeichen, dass dieser Täter geistig gestört, sogar wegen schlechten und unberechenbaren Verhaltens von der Schule verwiesen worden war. Nachbarn und Klassenkameraden wussten, dass er ein großes Problem darstellte. Man muss solche Fälle immer wieder den Behörden melden. Wir haben es getan – wieder und wieder. Seit er in der Mittelschule war, war es keine Überraschung für jeden, der ihn kannte, dass er der Schütze ist. Zu denen, die uns nun sagen, wir hätten ihn nicht vertreiben sollen: Ihr kennt diesen Jungen nicht. Okay, wir schon. Wir wissen, dass man sich nun auf psychische Probleme beruft, und ich bin kein Psychologe, aber wir müssen sehen, es nicht nur eine Sache der psychischen Gesundheit ist: Er hätte nicht so viele Schüler mit einem Messer verletzen können.

Und wie wäre es, wenn wir aufhören würden, die Opfer für etwas verantwortlich zu machen, das die Schuld dieses Schülers war, die Schuld der Leute, die ihn überhaupt Waffen kaufen ließen, die der Waffenshows, der Leute, die ihn ermutigten, Zubehör für seine Waffen zu kaufen, um sie vollautomatisch zu machen, der Leute, die sie ihm nicht wegnahmen, obwohl sie wussten, dass er mörderische Neigungen äußerte. Und ich spreche nicht mal über das FBI. Ich rede von den Leuten, mit denen er lebte. Ich spreche von den Nachbarn, die ihn draußen mit Gewehren sahen.

Wenn der Präsident zu mir kommen und mir ins Gesicht sagen will, dass es eine schreckliche Tragödie war und es nie hätte passieren dürfen und uns weiterhin erzählt, wie nichts dagegen unternommen wird, werde ich ihn freundlich fragen, wieviel Geld er von der US-Waffenlobby erhalten hat.

Wisst ihr was? Es ist unnötig, weil ich es schon weiß: dreißig Millionen Dollar. Gemessen an der Anzahl der Opfer von Schussverletzungen in den USA in den anderthalb Monaten im Jahr 2018 beläuft sich dies auf 5.800 Dollar pro Person. Ist es das, was diese Leute Ihnen wert sind, Trump? Wenn Sie nichts tun, um zu verhindern, dass dies weiterhin geschieht, wird die Zahl der Schussopfer steigen, und der Preis, den sie wert sind, sinken. Und wir werden Ihnen wertlos sein.

An jeden Politiker, der Spenden von der National Rifle Association nimmt: Schäm dich!

(Sprechchöre: „Schäm dich!“)

Wenn Ihr Geld genauso bedroht wäre wie wir, wäre Ihr erster Gedanke, wie wird sich das auf meine Kampagne auswirken? Was sollte ich wählen? Oder würdest du uns wählen, und wenn du uns antwortest, wirst du dich einmal so verhalten? Weißt du, was ein guter Weg wäre, so zu handeln? Ich habe ein Beispiel dafür, wie man sich nicht verhalten darf. Im Februar 2017, vor einem Jahr, hob Präsident Trump eine Verordnung der Obama-Regierung auf, die es leichter gemacht hätte, den Verkauf von Schusswaffen an Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen zu verhindern.

Von den Begegnungen, die ich vor der Schießerei mit dem Schützen hatte, und von den Informationen, die ich derzeit über ihn habe, weiß ich nicht wirklich, ob er geisteskrank war. Ich habe das geschrieben, bevor ich gehört habe, was Delaney gesagt hat. Meine Mitschülerin sagte, dass er diagnostiziert wurde. Ich brauche keinen Psychologen und ich muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass die Aufhebung dieser Regelung eine wirklich dumme Idee war.

Der republikanische Senator Chuck Grassley aus Iowa war der einzige Sponsor dieser Gesetzesvorlage, die das FBI daran hindert, Hintergrund-Checks bei psychisch kranken Menschen durchzuführen, und jetzt sagt er: „Es ist eine Schande, dass das FBI keine Hintergrund-Checks durchführt über diese psychisch kranken Menschen." Na prima, Sie haben diese Möglichkeit letztes Jahr beseitigt.

Die Leute in der Regierung, die wir gewählt haben, belügen uns. Und wir Kinder und unsere Eltern scheinen die einzigen zu sein, die das merken und es BS (Bullshit) nennen.

Unternehmen, die heutzutage versuchen, Karikaturen von Teenagern zu zeichnen, indem sie sagen, dass wir selbstverliebt und trendbesessen seien und uns zur Unterwerfung zwingen, wenn unsere Botschaft die Ohren der Nation nicht erreicht: Wir sind bereit, das Blödsinn zu nennen.

Politiker, die auf ihren vergoldeten Abgeordnetenhaus- und Senatsposten sitzen, die von der Waffenlobby finanziert werden und uns sagen, nichts hätte getan werden können, um dies zu verhindern, nennen wir Blödmänner.

Sie sagen, härtere Waffengesetze verringerten die Waffengewalt nicht. Wir nennen das Blödsinn.

Sie sagen, dass ein guter Typ mit einer Pistole einen bösen Kerl mit einer Pistole stoppt. Wir nennen das Blödsinn.

Sie sagen, Waffen sind nur Werkzeuge wie Messer und so gefährlich wie Autos. Wir nennen das Blödsinn.

Sie sagen, dass kein Gesetz hätte Hunderte von sinnlosen Tragödien verhindern können. Wir nennen das Blödsinn.

Sie sagen, dass wir Kinder nicht wissen, wovon wir reden, dass wir zu jung sind, um zu verstehen, wie die Regierung funktioniert. Wir nennen das Blödsinn.

Wenn ihr einverstanden seid, registriert euch als Wähler. Kontaktiert eure lokalen Kongressabgeordneten. Gebt ihnen ein Stück eures Verstandes.

Wie man von Otto Wels, Martin Luther King und Malala Yousafzai weiß, hält man eine solche Rede nur einmal im Leben. Was die Schülerin sich da handschriftlich auf der Rückseite ihrer Notizen aus dem Politikunterricht aufgeschrieben hatte und im Stakkato, mit den Tränen kämpfend, in 11 Minuten und 40 Sekunden heraushaute, ist atemberaubend und zu Recht ein Internet-Hit.

Überall im Land formiert sich derzeit eine Protestbewegung von Schülern und Studenten. Motto: „Wir wollen weiterleben“. Wird es einer jungen Latina gelingen, was selbst Präsident Obama versagt blieb – den Schusswaffen-Fetischismus in den USA in den Griff zu kriegen?

I have a dream…



Und hier das Original im Wortlaut:

Statistiken:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/usa-traurige-statistik-zu-waffengewalt-an-schulen-a-1193644.html

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