Freitag, 10. November 2017

Wie man’s spricht



Seit 2011 bin ich nicht mehr im aktiven Schuldienst, daher nehmen die bildungspolitischen Neuerungen zu, welche mir nicht mehr oder erst nach einiger Zeit bekannt werden. In den meisten Fällen empfinde ich dies als Gnade.

So bekam ich von einer „neuen“ Methode im Deutschunterricht erst Wind, als die ersten Kultusminister wieder am Zurückrudern waren: Susanne Eisenmann (CDU), seit 2016 Chefin des baden-württembergischen Bildungsressorts, hat in einem Zeitungsartikel völlig neue Zielsetzungen erkannt:

„Nun muss gelten: strikte Orientierung auf Unterrichtsqualität. Und keine ideologische Gefälligkeit bei den Methoden.“
Überschrift: „Wir setzen auf Leistung in der Schule.“
Na prima, besser spät als nie…

Worum geht es?
Die Schüler im „Musterländle“ schnitten bei der neuesten bundesweiten Leistungserhebung in den 3. und 8. Klassen („VERA 3“ bzw. „VERA 8“) deutlich schlechter ab als bislang:
34 Prozent der Schüler verfehlten bei Rechtschreibung den Mindeststandard, also verfügten nicht einmal über ein Minimum von Kompetenzen, das sie zum Abschluss der dritten Klasse haben sollten. Knapp ein weiteres Drittel erreichte gerade den Mindeststandard.
In den 8. Klassen der Gemeinschaftsschulen sind 11 Prozent der Schüler funktionelle Analphabeten, 20 Prozent erfüllten gerade den Mindeststandard. In Mathematik sieht es nicht besser aus.
Von den üblichen Spitzenplätzen rutschte Baden-Württemberg somit ins untere Mittelfeld.

Als eine wichtige Gegenmaßnahme hat die Ministerin an den Grundschulen die Lernmethode „Schreiben nach Gehör“ abgeschafft. Entwickelt hat das Konzept „Lesen durch Schreiben” der 2009 verstorbene Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen. Er verfolgte den Ansatz, dass nicht das Lesen, sondern das Schreiben am Anfang stehen sollte.

Zum Schreiben Lernen wird nicht mehr die klassische Fibel verwendet, sondern eine sogenannte Anlauttabelle, mit deren Hilfe sich die Kinder die Buchstaben zu den Lauten zusammensuchen. Das Kauderwelsch, welches dabei im Schülerheft landet, wird nicht korrigiert, um die armen Kleinen nicht zu verunsichern. Es liest sich dann beispielsweise so:

"Libe Elke.wir haben Den Zoo aus Pape gmahct unt wir Haben Plastik Tire zumbeischbil Lamas wir heisluftpistole gmahct und einen kjos Die Lamas schbilen uno uno die Roben kinder sint im Wasr Die krokodile Lesen Dort Gips keine Fögel Unser Zoo hat aur file zepras Das Girfen kint schdet im Futer Napf Die kengros Ligen über Nander Von Tanja".

Übrigens hat das Ganze einen possierlichen Vorläufer:

In den 20er-Jahren sorgte ein Mann in Deutschland für Aufsehen. Und manchen zauberte er auch ein erstauntes Lächeln ins Gesicht. Er hatte langes wallendes Haar, trug manchmal nur einen Lendenschurz und zog barfuß durch die Lande und durch Berlin. Der Mann aus dem Altmark-Städtchen Arendsee war ein Naturmensch, auch „Kohlrabi-Apostel“ genannt. Er predigte den Vegetarismus und überhaupt eine naturgemäße Lebensweise.
Er hieß Gustav Nagel, nannte sich „gustaf nagel“ und hatte sogar eine eigene Partei, die „Deutsche kristliche Folkspartei“, die bei der Reichstagswahl 1924 immerhin 0,01 Prozent der Stimmen bekam. Zu seinen Forderungen gehörte eine grundlegende Rechtschreibreform: „schreibe wi du sprichst“.

Seit zirka 10 bis 15 Jahren hat sich dieser Quatsch (in der Version von Jürgen Reichen) offenbar bundesweit an den deutschen Grundschulen ausgebreitet. Noch schlimmer: Eltern wurden angehalten, die grauenhafte Orthografie ja nicht zu „verbessern“.

Inzwischen sind nun „Bildungsexperten“ tatsächlich auf einen Umstand gestoßen, den ihnen jeder Biologiestudent in höheren Semestern hätte erklären können: Durch Konditionierung prägen sich falsche Schreibweisen halt ein – und das Umlernen („Extinktion“) ist entsprechend mühsamer. An den weiterführenden Schulen landen dann „Legastheniker aus eigener Fertigung“… und spätestens beim ersten Bewerbungsschreiben schlägt das Imperium zurück: Nur wenige Rechtschreibfehler sind ein absoluter „Jobkiller“.

Aus meiner Erfahrung als Gymnasiallehrer weiß ich, wie lax dort schon in meiner Dienstzeit mit der Pflege einer korrekten Sprache umgegangen wurde. In meinem Buch „Der bitterböse Lehrer-Retter“ schrieb ich bereits 2012:

„Es ist eine dienstliche Alltagserfahrung, dass Kollegen Verstöße gegen Rechtschreibung, Interpunktion und Grammatik reihenweise unkorrigiert durchgehen lassen und Formulierungen positiv bewerten, welche von geradezu jämmerlicher Unbeholfenheit zeugen – getreu dem Motto: „ICH BEWERTE HIER BIOLOGIE UND NICHT DEUTSCH!“ Dies ist natürlich grober Unfug, da ein fachlicher Inhalt kaum ohne sprachliche Fähigkeiten adäquat dargestellt werden kann.
Daher bildet eine Bionote indirekt auch eine Leistungsbewertung im Deutschen – und so muss es auch sein!“

Schon vor über 30 Jahren hat meine Strategie, päpstlicher als viele Deutschlehrer zu sein, für elterliche „Palastrevolutionen“ gesorgt. Allen Ernstes musste ich mich hartnäckig verteidigen, wenn ich Schreibweisen wie „Rückenrad“ (für „Rückgrat“), „Greissaal“ (wohl für ältere Mütter) oder „Geiseltierchen“ (alias verbrecherische Einzeller) in die Bewertung einbezog. Heute würde mich hierfür wohl ein Disziplinarverfahren erwarten…

Immerhin hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), welche bei Unsinn stets für diesen noch überbietende Statements gut ist, schon protestiert: Es stehe der Bildungsministerin nicht zu, in die „pädagogische Freiheit“ der Lehrkräfte einzugreifen…

Zum Trost hat Frau Eisenmann schon angekündigt, das bisherige „Landesinstitut für Schulentwicklung“ (300 Mitarbeiter) aufzulösen und zwei neue Institutionen für Bildungsforschung und Fortbildung ins Leben zu rufen. Das dürfte die Zahl der verbeamteten Theoretiker stark erhöhen – und die brauchen wir ja dringend, um die Schulen mit neuen Konzepten zu überziehen.

Weiterhin beruhigt es uns, zu wissen, dass sich neben Baden-Württemberg erst Hamburg zur Abkehr von der Schlechtschreib-Reform entschieden hat. Nordrhein-Westfalen überlegt noch. Und in Hessen darf es selbst in der Oberstufe höchstens zwei Notenpunkte Abzug wegen der Rechtschreibung geben. Eine Eins minus ist also selbst per Anlauttabelle noch möglich!

Aber auch das Saarland blieb jüngst nicht von einem Bildungsskandal verschont. Lehrer hatten es geschafft, eine landesweite Abschlussprüfung in Mathematik mit folgender Scherzfrage zu erweitern:

"Die Klasse 8b organisiert zum Abschluss des Schuljahres ein Klassenfest. In der Klasse befinden sich insgesamt 15 Schülerinnen und Schüler. Über das Schuljahr hinweg wurden 180 Euro in der Klassenkasse gesammelt. Für das Klassenfest sollen folgende Artikel gekauft werden: Grillgut für 21,27 Euro, zwei Packungen Partybrötchen für insgesamt 9 Euro, zwei 6er Pack Wasser für zusammen 9,98 Euro, 1 Kiste Limonade mit 24 x 0,50 L-Flaschen für 38,36 Euro, eine Mix-Box Schokoriegel für 34,99 Euro, zwei Packungen mit je 90 Fruchtgummis für zusammen 17,98 Euro, fünf Tüten Knabberartikel für insgesamt 9,55 Euro.

Wie viele Indianer mit knallrotem Gummiboot saßen im Kühlschrank?"

Nach großem Geheul (wegen Verunsicherung der Kandidaten etc.) kroch das Bildungsministerium natürlich zu Kreuze.

Meine ketzerische Ansicht dazu:
Hätten führende Kulturbeamte in ihrer Schulbildung solche Testfragen bestehen müssen, wäre ihnen zumindest eine Kompetenz nicht entgangen:

Hanebüchenen Blödsinn sofort zu erkennen!

P.S. Einen Artikel von mir zu einem ähnlichen Thema finden Sie hier:
https://gerhards-lehrer-retter.blogspot.de/2017/04/anibal-triole.html

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