Donnerstag, 15. Juli 2021

Von Feierkultur, Corona und Krokodilstränen

 

Ich bemühe mich, zunächst sachlich zu bleiben:

Gestern meldete der „Pfaffenhofener Kurier“ unter der Überschrift „Party, Palmen und Pandemie (14.7.21, S. 19), mehrere Abiturienten des dortigen Gymnasiums seien von einer Schüler-Fahrt nach Kroatien mit einer Corona-Infektion zurückgekehrt. Obwohl man sich immer wieder negativ getestet habe. Nun befänden sie und Angehörige sich in Quarantäne und könnten nicht einmal an der Abiturfeier teilnehmen.

Die werde es eh nicht geben, so gestern ihr Schulleiter: Er könne sich nicht vorstellen, in der gegenwärtigen Situation eine Abiturrede zu halten – man spreche hier schließlich vom Reifezeugnis. „Ich kann denen jetzt einfach nicht erzählen, wie reif sie sind."

https://www.donaukurier.de/lokales/pfaffenhofen/Corona-von-Abifahrt-mitgebracht-Zeugnisverleihung-in-Pfaffenhofen-abgesagt;art600,4794167

Gut 700 Euro kostete die fünftägige Sause auf einer kroatischen Halbinsel, welche der Veranstalter wohl im Ganzen gemietet hatte – zirka 2000 Abiturienten machten da Party. Es gibt sogar schöne Videos zum Angebot, das bislang schon „über 230 Schulen“ wahrgenommen hätten.

https://www.youtube.com/watch?v=P_s0jdpnYJU&t=2s

Na gut, von Masken oder Mindestabständen ist da nichts zu entdecken. Was mich – im Gegensatz zu berufsmäßigen Journalisten – interessierte: Ist dies in Kroatien überhaupt erlaubt? In den Reiserichtlinien des Auswärtigen Amts für dieses Land heißt es:

„Es gilt eine Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in öffentlichen Verkehrsmitteln, Geschäften und Krankenhäusern sowie im Freien überall dort, wo der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Bei Nichtbeachtung der Maskenpflicht drohen Bußgelder.“

https://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/kroatiensicherheit/210072

Na, immerhin! Und – so die offizielle Seite der kroatischen Regierung – man bestehe bei Einreise auf Impfung oder Testung – allerdings:
„Ausnahmen von der Pflicht des Besitzes eines gültigen und geltenden digitalen EU-COVID-Zertifikates oder von den oben genannten Verpflichtungen sind: (…) Schüler, Studenten und Praktikanten“

https://mup.gov.hr/uzg-covid/deutsche/286213

Zu zeitnahen Auskünften sieht sich das Reiseunternehmen momentan nicht in der Lage. Das Gegenteil hätte mich auch gewundert.

Solche Infektionen scheinen bei diesen Touren öfters vorzukommen. So berichtet heute der „Münchner Merkur“ über einen ganz ähnlichen Fall am Gymnasium Geretsried. Zart wird angedeutet, vor Ort habe man Testungen eher lax gehandhabt. Und natürlich betont die Schulleitung, solche Privatreisen lägen außerhalb ihrer Verantwortung:

https://www.merkur.de/lokales/wolfratshausen/geretsried-ort46843/corona-infektion-abifahrt-schueler-inzidenz-kroatien-schnelltest-urlaub-geretsried-bad-toelz-wolfratshausen-90858646.html

Um meine lange angestaute Destrudo endlich abzubauen: Da fährt also ein beträchtlicher Teil unseres zukünftigen geistigen Proletariats in vollgestopften Bussen in ein Land, in dem die Corona-Bestimmungen offensichtlich weniger streng beachtet werden als hierzulande, um dort mit 2000 Kollegen ähnlichen Bildungsniveaus abzufeiern. Und ist dann erstaunt, sich infiziert zu haben. Aber man wollte der Oma doch eh von der Reise noch etwas Schönes mitbringen. Und wenn es nur eine Vorverlegung des Erbfalls wäre…

Leider ist ein solches Maß an geistiger und sittlicher Verirrung nur denkbar mit den Passivitäten der Schulleitungen. Immerhin hat der Pfaffenhofener Direktor – wenn auch Fünf vor Zwölf – noch Reste an Konsequenz bewiesen, indem er die Abiturfeier absagte.

Sein Kollege an einem Nachbargymnasium dagegen sieht die Situation versöhnlicher: Der will die Zeugnisverleihung stattfinden lassen, natürlich ohne die Infizierten, welche aber per Livestream teilnehmen könnten. „Jetzt waren sie so lange in einer Blase. Aber ich habe auch Verständnis. Ich mache denen jetzt nicht mit erhobenem Zeigefinger einen Vorwurf." Jedenfalls, so zitiert ihn die Zeitung, möchte er nicht „den Moralapostel geben“.

Das erwartet auch keiner von ihm. Nicht mal, dass er irgendeinen Apostel darstellt, also an Glaubensverkündigungen mitwirkt. Mir würde es schon reichen, wenn er den Erzieher gäbe – und das möglichst über acht bis neun Jahre.

Was mich heute Morgen beschäftigte: Würde sein Pfaffenhofener Kollege seine Absage durchhalten, welche doch renommiersüchtige Eltern davon abhielte, sich gesellschaftlich als Erzeuger der neuen Bildungselite zu präsentieren? Bei der ersten Tasse Kaffee befragte ich dazu meine – in dem Fall mit speziellem Fachwissen ausgestattete – Gattin: „Hält der das durch?“ Meine Frau war sich sicher: „Ja, wenn der sich mal richtig ärgert, bleibt es dabei!“

Fünf Minuten später holte sie die Morgenzeitung herein: Die Abifeier finde nun doch statt – allerdings mit verschärften Infektionsschutzmaßnahmen und ohne große Reden. (Pfaffenhofener Kurier, 15.7.21, S. 17). Na klar, der Chef wird wenig Lust haben, seinen Abiturienten nun zu versichern, dass sie doch reif wären… Das Wichtigste aber: Er betont, seine Entscheidung habe nichts mit dem „Gegenwind zu tun, den er bekommen habe“.

Aber nein, wer könnte denn sowas denken… Genau das ist es, was mir meinen Beruf so vergällt hat: Es nützt nichts, wenn du als Lehrkraft konsequent bist. Irgendwann klappt das System wieder von oben herab um. Jedenfalls ist ein Arsch in der Hose keine Voraussetzung für die Besoldung nach A 16.

Und weil ich es mir nun eh gerade mit vielen verderbe: Mir hängt das ständige Gejammer über die „armen Jugendlichen“ meterlang zum Hals heraus. Klar, wir alle leiden an der Pandemie. Dass Oberstufen-Schülerinnen und Schüler an der Spitze der Passions-Charts stehen, ist jedoch eine gut gepflegte Mär. Ich habe in vielen Jahren Kollegstufen-Unterricht erlebt, was angehende Abiturienten vom Präsenz-Unterricht hielten – zumindest in Fächern, die fürs Abi-Punktekonto eher unbedeutend waren: Blaumachen war da ein Volkssport. Wenn man nun treuherzig bekundet, wie sehr man auf die analoge Nähe zur Lehrkraft angewiesen sei, sage ich mit Joschka Fischer: Ich kann Krokodile nicht weinen sehen.

Hätten die Pfaffenhofener Abiturienten das seelische Trauma, das Zeugnis nicht aus den Händen ihres Chefs zu erhalten, irgendwann überwunden? Ich bin da optimistisch: Als wir 1970 unser Abitur ablegten, verweigerten wir eine Abifeier, weil wir keine Lust hatten, ein autoritäres Schulsystem durch unsere Mitwirkung zu bestätigen. Wir holten uns den Wisch“ im Sekretariat ab. Zur Feier des Bildungsabschlusses gab es bei mir eine kleine Party im hauseigenen Garten, bei der viel getanzt und wenig gesoffen wurde. Unmittelbar danach trat ich eine Stelle als Werkstudent bei Audi an. Meine Eltern hätten mir eine 700 Mark-Reise eh nicht bezahlen können.

Na gut, nun müssen sich die Holledauer Jungakademiker halt in heimischen Gefilden zudröhnen. Dann darf die Polizei wieder – oft genug mit wenig Erfolg – Parks und Innenstädte von besoffenem Gesocks freiräumen.

Einen vollen Erfolg verzeichnete die Ordnungsmacht dagegen in Heidelberg: Einem Rentner, der im nächsten Monat 105 Jahre alt wird, ist es nun untersagt, in seinem Altstadtgässchen wie bisher an einem kleinen Tischchen vorm Haus des Abends sein Gläschen Wein zu genießen – manchmal auch mit zwei oder drei Freunden. Als Begründung müssen Rettungswege und „Biergarten-Chaos“ herhalten. Autos dürfen dort allerdings parken – und die Anwohner regelmäßig die Hinterlassenschaften feiernder Jugendlicher wegputzen.

105 Jahre… geboren also in den Notzeiten des 1. Weltkriegs, Wirtschaftskrise, Nazidiktatur, 2. Weltkrieg. Danach, so der alte Mann, habe schon seine Mutter an dieser Stelle gesessen und Kartoffeln geschält.

https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-104-jaehriger-darf-nicht-mehr-vorm-haus-in-der-altstadt-sitzen-_arid,704944.html

Schade, dass Heidelberg so weit weg ist. Ich hätte mit dem alten Herrn gerne mal – in der Tradition der 68er-Jahre – beim einem Glas Trollinger ein kleines Sit-in veranstaltet. Und die eventuell anrückende Ordnungsmacht mit einem Viertelpfündchen Satire traktiert sowie das Bußgeld aus der Portokasse spendiert.    

Mich hätte die Meinung des ältesten Bewohner Heidelbergs interessiert, was bei uns eigentlich heute aus den Fugen geraten ist.

P.S. Zur Feierkultur des modernen Abiturienten:

https://gerhards-lehrer-retter.blogspot.com/2019/07/die-pharisaer-erleben-den-aufstand.html

https://gerhards-lehrer-retter.blogspot.com/2016/03/abistreiche-dreistigkeit-kontra.html

1 Kommentar:

  1. Das heutige Presseecho im „Pfaffenhofener Kurier“ (S. 19-20):
    Der hauseigene Kommentator Severin Straßer meint unter der Überschrift „Partyurlaub: Nicht verboten“, man dürfe nicht den ganzen Abiturjahrgang für das Verhalten einiger Weniger bestrafen. Aber auch die hätten „nichts Falsches oder gar Verbotenes getan“. Es habe ja „ein Hygienekonzept“ gegeben.
    Und schließlich würden auch ältere Ehepaare oder Familien sich nun einen Urlaub wünschen – vielleicht sogar der eine oder andere Schulleiter, „der sich mal wieder die Sonne auf den bleichen Bauch scheinen lassen möchte“.

    Na gut, aber vom Besonnen des Körpers kriegt man kein Covid-19. Eher davon, sich mit 2000 Kollegen, deren Vorleben man nicht kennt, eine Woche lang auf Partys zu drängen.

    Allerdings, so gibt der Journalist schließlich doch zu, sei der Kroatientrip eventuell eine „jugendliche Blödheit“ gewesen. Einem ganzen Jahrgang deshalb aber die „Reife abzusprechen“, gehe zu weit.

    Per Leserbrief in diese Kerbe hauen auch zwei Abiturientinnen der Schule: Dass ihr Chef ihnen nicht per Rede die „Reife“ anerkennen wolle, habe sie frustriert. Und dafür per ausgefallene Abiturfeier den ganzen Jahrgang zu bestrafen, schaffe zusätzliche Spannungen. Schließlich hätte man fast die ganze Oberstufenzeit im (oft schlecht funktionierenden) Distanzunterricht verbracht – ohne die dabei typischen Veranstaltungen wie Studienfahrt oder den Abiball.

    Das Hygienekonzept des Reiseveranstalters sei ihnen „sehr sicher“ erschienen. Daher könnten sie sich den Corona-Ausbruch nicht erklären.

    Tja, da haben sie offenbar im Biologieunterricht gefehlt…

    Ähnlich argumentiert eine andere Leserbriefschreiberin: Der Jahrgang habe auf so vieles verzichten müssen. Dass der Direktor nun „zur Verachtung der Kommilitonen“ (?) aufgerufen habe, findet sie „unfair und schäbig“. Sie hätten an einer Fahrt „mit einem bewährten Veranstalter“ teilgenommen.

    Na ja, den Namen der Firma hat die Schreiberin wohl nicht gegoogelt, sonst wären ihr die vielen Warnungen vor diesem Unternehmen aufgefallen…

    Was soll man dazu sagen? Da ist einem Schulleiter im Zorn mal die Wahrheit herausgerutscht – und das muss er nun büßen. Am besten per Kniefall vor dem Altar der Jugendlichkeit. Er hätte allerdings auch nicht mehr Ärger gekriegt, wenn er bei seiner ursprünglichen Auffassung geblieben wäre. Zudem wäre diese richtig gewesen.

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