Donnerstag, 29. September 2016

Karin Law Robinson-Riedl: Wie viel ist Bildung wert?



Ein entschlossener Ruck am Tischtuch, und schon sitzt der Sprössling inmitten der heruntergefallenen, interessanten Gegenstände, um sie genüsslich zu inspizieren – meist wenig zur Freude seiner Eltern…

Wie ungerecht ist das! Erweckt doch diese Aktion des Kleinen die schönsten Hoffnungen bezüglich seiner Anlagen: Wissbegier, Forscherdrang, Entschlossenheit und Intelligenz beim Streben nach „Höherem“.

Wie glücklich wären die Erwachsenen, wenn diese Energie erhalten bliebe!

Jahre später Gespräche wie: „Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ – „Langweiliges Zeug.“ – „Was ist‘s denn?“ – „Lektüre lesen.“ – „Welche denn?“ – „Evi Briest.“ – „Als wir das in der Schule gelesen haben, hieß die aber noch ‚Effi Briest‘“. – „Von mir aus, dann halt ‚Effi‘. Ändert nix – is immer noch ätzend. Leute wie da vorkommen, gibt’s eh nicht.“ – „Aber damals doch! Und viele Probleme, um die es da geht, gibt’s eben schon noch.“

Hoffnungslos: der Schüler der 12. Klasse des Gymnasiums wird sich eher nicht überzeugen lassen. Bis zu dem Tag der Sendung „Wer wird Millionär?“, in der ein Kandidat schlagartig alle seine finanziellen Sorgen loswerden konnte, durch die Beantwortung der Frage: „Wo fand Baron Innstetten die Liebesbriefe, die Major Crampas an seine Frau Effi geschrieben hatte?“ – „In ihrem Nähkasten.“

Das überzeugt: Wissen bringt Kohle.

Also doch die ganzen alten Schwarten lesen? Bewahre! Man kann sich das Ganze inzwischen locker in 11 Minuten reinziehen:

Effi Briest to go“ - dafür lässt man jeden Kaffee kalt werden. Literatur extra light in Fast Food-Manier und auf Playmobil-Niveau.

Fazit: Wissen muss materiell „was bringen“ und schnell zu erwerben sein!

Stimmt: Das erwähnte neugierige Kleinkind hat sich seine „Lerninhalte“ auch schnell beschafft, aber – wenn es denn nicht von den Eltern vermutlich gebremst worden wäre – hätte es sich anschließend gemütlich über jene hergemacht, sie genau untersucht, seine Fantasie daran entzündet.

Wo ist dieser Eifer geblieben? Wer oder was hat ihn wann erstickt?

Klar, die ganz natürliche Entwicklung der Kinder verändert sie. Ablehnende Coolness gegen das, was die Erwachsenen tun, gehört dazu, ja muss sein, um die eigene Rolle zu finden.

Aber wie steht es mit dem Umfeld? Was tut die Erwachsenenwelt selbst, um Wissen, ja Bildung ganz allgemein, attraktiv zu machen? Wie gehen wir mit unserer Bildung um?

Lehrer, die klassischen Vermittler von Bildung, wenn sie nicht gleich als „faule Säcke“ abgestempelt werden, haben gegenüber anderen Berufsgruppen ein eher unterirdisches gesellschaftliches Image. Entweder sind sie die ewigen Besserwisser oder sie können den Besserverdienenden eh nicht das Wasser reichen.

Lerninhalte aller Fachrichtungen werden in zeitlichen Abständen immer wieder gerne kritisch betrachtet und dann, gemessen an aktuellem Bedarf an Wissen, als „Ballast“ abgestempelt, worauf man die Lehrpläne „entrümpelt“. Die Schule soll keine Zeit mit „Totem Wissen“ verschwenden.

Ich erteile zwar einer nötigen Aktualisierung und Anpassung an moderne Lebensumstände, auf die Jugendliche vorzubereiten sind, ausdrücklich keine Absage!

Aber muss auch diese Diktion dabei sein, diese arrogante Abwertung von Inhalten, welche die Jugendlichen nur zu gerne aufnehmen, um ihren Frust über schwierige, mühevolles und langsames Erarbeiten erfordernde Inhalte zu begründen? Wobei ihnen dann auch noch gesellschaftliche, bis in die höchsten Kreise reichende Akzeptanz sicher ist.

Bildung verliert offenbar ihren unanfechtbaren Status. Sie wird zunehmend verhandelbar, nach Kriterien der Nützlichkeit, die sich oft genug am (materiellen) Gewinn orientieren.

Die persönliche Karriere unterstützt es, wenn man „den Durchblick hat“.
Das Ansehen können Bücher wie „Latein für Angeber“ fördern, wenn man in gewissen Kreisen reüssieren will, aber eben kein Latein hatte…
Arbeitgeber wünschen sich vielleicht eher den unkritischen, loyalen Angestellten, der seine Aufgaben erfüllt, ohne viel zu hinterfragen.

Wie groß oder klein ist da noch der Schritt zum unkritischen, da nicht gebildeten Bürger, der manipulier- und unterwerfbar ist?

Bildung ist in unserem Land – verglichen mit anderen Regionen dieser Erde (!) – sehr bequem und kostengünstig zu haben. Vielleicht zu bequem, so dass sie nicht mehr als erstrebenswert gilt.

Wie peinlich ist es eigentlich, dass wir Bildung und ihre Inhalte in unserer seit über 70 Jahren in Frieden lebenden Gesellschaft überhaupt bewerten, anzweifeln, abqualifizieren, ja sie in Wort und Tat herabsetzen?

Müssen wir uns erst von einem jungen, vom Leben wahrhaftig hart geprüften Mädchen wecken lassen, das genau weiß, was Bildung bedeutet?

„Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern. Bildung ist die einzige Lösung.“
(die jüngste Trägerin des Friedensnobelpreises, Malala Yousafzai, vor der UN-Generalversammlung am 12. Juli 2013)


Ich freue mich sehr, dass meine Frau die Zeit für diesen Gastbeitrag gefunden hat.
Hinzufügen möchte ich noch:

Liebe Politiker, Bildungsreformer, Schulleiter und andere Nicht-Lehrer,

das ganze Gedüdel um die x-te Neufassung von Lehrplänen, den aktuellsten Trend der Methodik, die ultimative Strukturreform ist sinnlos, wenn Lehrer eines nicht überzeugt und selbstbewusst vermitteln:

Bildung ist ein Wert an sich und nicht nur billige Kompetenz-Beschaffung für die Berufs- und Arbeitswelt, Party-Plaudereien oder Gewinnspiele.

Haben wir noch solche Lehrer?

Und wenn ja: Lasst sie in Ruhe!

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