Donnerstag, 14. Januar 2021

Aus dem alltäglichen Schul-Wahnsinn VII

 

Im Fundus des Lehrers, welcher im Mittelpunkt des letzten Artikels stand, finden sich noch einige besonders schöne Briefe von Eltern. Nun kann man über die Zustände im Bildungswesen schöne Memoranden verfassen – für mich überzeugender ist es, Originalquellen zu zitieren.

Hier also das Schreiben eines Elternpaars an die Lehrkraft in voller Länge (und natürlich anonymisiert):

Sehr geehrter Herr …,

Ihre Beanstandungen, geschrieben in das Biologieheft unseres Sohnes … am ..., finden wir nicht gerechtfertigt.

Von keinem anderen Lehrer wurde bisher seine Heftführung beanstandet, Sie übersehen anscheinend sein Bemühen, durch farbiges Ausmalen die Hefteinträge zu optimieren.

Auch berücksichtigen Sie nicht, im Gegensatz zu Ihren Kollegen, dass … als Linkshänder gegenüber den Rechtshändern beim Schreiben im Nachteil ist. Selbst die Rechtschreibfehler rechtfertigen unserer Ansicht nach nicht die Nachschrift von mehreren A4-Seiten.

Unverständlich ist uns weiter, dass Sie Hefteinträge mit Ihrer Unterschrift am 6.2. … für in Ordnung befinden, diese Einträge aber am 14.3. … nachträglich als eine „Frechheit“ empfinden. 

Wir vermuten in Ihrer überzogenen Reaktion eine Antipathie gegenüber unserem Sohn. 

Wir würden Sie daher bitten, bei weiteren „Problemen“ mit ... uns rechtzeitig zu verständigen.

Eine Kopie dieses Schreibens erhält das Direktorat der Schule und der Elternbeirat.

Mit freundlichen Grüßen …

 

Der Brief enthält verschiedene Stilmittel, die für solche Aktionen typisch sind:

·         Ein Gespräch mit der Lehrkraft wird gar nicht erst gesucht – stattdessen gibt man es ihr schriftlich und erwartet rechtzeitigen Rapport über weitere „Probleme“.

·         Eine Drohkulisse per Direktorat und Elternbeirat wird schon mal aufgebaut.

·         Man versucht, den Lehrer im Kollegium zu isolieren: Mit keinem seiner Kollegen gebe es diese Schwierigkeiten.

·         Man unterstellt sofort persönliche Voreingenommenheit.

·         Die Wirklichkeit wird stark verklärt: Das arme Kind, zudem noch Linkshänder, das versucht, sein Heft schön auszumalen… Leider stellt dies meist nur einen kleinen Teil der Tatsachen dar. 

Der angeschrieben Lehrer antwortete gleichermaßen per Brief:

 

Sehr geehrte Eltern, 

in Ihrem Schreiben vom … beschäftigen Sie sich vorwiegend mit meinem Verhalten. Dieses ist jedoch, bei aller Wichtigkeit, für den schulischen Erfolg von … weniger entscheidend als seine eigenen Verhaltensweisen. 

Da ich unterstelle, dass es Ihnen in erster Linie um das schulische Fortkommen Ihres Sohnes geht, möchte ich Ihnen den Sachverhalt unter diesem Aspekt darstellen:

Am 6.3. … versäumte (Ihr Sohn) wegen eines Arztbesuchs einige Unterrichtsstunden, darunter auch die Biologiestunde. Ab 7.3. … besuchte er die Schule wieder. In der nächsten Biologiestunde am 10.3. … schrieb die Klasse eine Stegreifaufgabe, die (…) mitschreiben sollte – wegen der Abwesenheit in der letzten Stunde aber ohne Wertung der Note.

Auffallend war, dass er insgesamt nur ein (falsches) Wort niederschrieb. Er hatte wohl in den drei Tagen, die er wieder in der Schule war, nicht den Versuch unternommen, aus dem Buch oder dem Heft eines Klassenkameraden irgendetwas nachzuholen; zudem wäre hier auch Grundwissen anzuwenden gewesen.

Als ich die Arbeit in der folgenden Stunde am 13.3. … herausgab, hatte er den Hefteintrag vom 7.3. … immer noch nicht nachgeschrieben und fragte mich auch noch, ob er die Verbesserung der Stegreifaufgabe überhaupt mitschreiben solle, da er ja gefehlt habe. Ich machte ihm sehr deutlich klar, dass er die nötiger als die anderen Schüler habe, eben weil er gefehlt habe. Zudem solle er endlich den fehlenden Hefteintrag nachschreiben. 

Ich ließ mir das Heft am nächsten Tag vorlegen, wobei ich dann feststellte, dass sich trotz meiner früheren kritischen Korrekturbemerkung (!) die Heftführung in Schrift und Rechtschreibung weiter verschlechtert hatte. Als „Frechheit“ empfand ich dabei vor allem, dass … einen Fehler, den ich ihm am 6.2. … angestrichen hatte, noch immer nicht verbessert hatte. (Dass Sie aus meinem Signum und einer Fehleranstreichung zu diesem Datum schließen, ich habe damit den Hefteintrag für „in Ordnung“ befunden, halte ich für grundlos optimistisch. Dies ist ein Sichtvermerk, wenn ich einen Schüler mündlich prüfe, er mir dabei sein Heft zeigt und ich es auf Vollständigkeit kontrolliere. … hat übrigens damals die Note 4 erhalten.)

Ich ließ ihn also einige besonders schlechte Passagen nachschreiben. Obwohl er das Heft ab dem 15.3. … wieder hatte, war dies bis zur nächsten Stunde am 17.3. … immer noch nicht geschehen. Er begründete dies damit, er habe meine diesbezüglichen Anweisungen im Heft nicht gelesen. Erst auf meine ultimative Aufforderung erledigte er das bis zum 20.3. …

Was an meinen geradezu odysseehaften Bemühungen, … zu einer lückenlosen und gründlichen Beschäftigung mit dem Unterrichtsstoff anzuhalten, überzogen sein könnte, wäre bestenfalls meine Arbeitsbelastung, wenn alle meine Schüler sich derart verhielten. 

Ob ich der einzige Lehrer bin, der seine Heftführung bisher beanstandete, ist mir derzeit nicht bekannt, da ich nicht so vollständig über den Unterricht meiner Kollegen informiert bin. Ihren offenbar vorhandenen Informationsvorsprung konnte ich in der Kürze der Zeit nur durch einen Blick in das Zwischenzeugnis Ihres Sohnes kompensieren. Bei Note 4 in allen drei Kernfächern der 5. Klasse wird in der Zeugnisbemerkung eine aktivere Einbringung in den Unterricht einiger Fächer gewünscht, sein Verhalten wird als „angemessen“ umschrieben. 

Daraus ergibt sich, dass … es wirklich nötig hat, gründlicher zu arbeiten und so bereits jetzt bestehende Lücken zu schließen. Basis hierfür ist ein Heft, aus dem er etwas lernen kann und nicht Fehler perseveriert. Ein gutes Heft kann man dann durch farbige Gestaltung optimieren, ein schlechtes – im Wortsinne – nicht.

Dass ich, und das auch noch im Gegensatz zu meinen Kollegen, auf Schreibschwierigkeiten wie Linkshändigkeit etc. keine Rücksicht nähme, ist allerdings eine Unterstellung, bei der ich mir entsprechende Korrekturbemerkungen verkneifen muss. Von Anfang an habe ich den Schülern angeboten, zwei Hefte zu führen: eines zur schnellen Mitschrift im Unterricht und eines zur häuslichen Übertragung. … hat das bisher nicht für nötig befunden – dass es hilfreich wäre, beweist die Nachschrift der gestrichenen Einträge, die wesentlich besser ausgefallen ist. 

Sollten sich bei … weitere Probleme (ohne Anführungszeichen) ergeben, die offizielle Erziehungsmaßnahmen der Schule (…) erforderlich machen, werden Sie selbstverständlich benachrichtigt. Vielleicht ist es Ihnen auch möglich, einmal (auch nach telefonischer Vereinbarung) meine Sprechstunde zu besuchen, anstatt briefliche Ferndiagnosen zu stellen. 

Dies gilt insbesondere für die Entstehung von Antipathien. Wie gerade wir Lehrer täglich erfahren, drohen diese weniger durch persönliche als durch unpersönliche Kontakte. 

Mit freundlichen Grüßen … 

 

Ich finde, diese Affäre zeigt deutlich, dass Kinder und Jugendliche in solchen Situationen zu Hause ungefähr fünf Prozent von dem erzählen, was sich wirklich ereignet hat. Das ist ja nicht schlimm, so lange Erwachsene nicht darauf hereinfallen. Ein Gespräch mit der Lehrkraft, eventuell auch in Anwesenheit des Kindes, könnte rasch Aufklärung bringen, dass jede Sache zwei Seiten hat. 

Sicherlich war der Begriff „Frechheit“ überzogen. Wer die „Live-Atmosphäre“ einer solchen Heftkontrolle im laufenden Unterricht kennt, ahnt auch, wie solche spontanen Wertungen zustande kommen. Väter setzen sich dann gerne ans Schreibgerät und verfassen derartige Beschwerdebriefe. Man sollte als Lehrer eiskalt mit Tatsachen kontern. 

Eine solche Kommunikation war in der ersten Zeit meiner Berufstätigkeit eher die exotische Ausnahme. Inzwischen ist sie deutlich häufiger. Neulich hörte ich im Fernsehen von einem Pädagogikprofessor, Corona habe zu einer „Bildungskatastrophe“ geführt. Ich darf den Ordinarius beruhigen: Der obige Schriftwechsel ist 25 Jahre alt!

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