Mittwoch, 11. November 2020

Aus dem alltäglichen Schul-Wahnsinn II

 Die zwei Dinge, welche mich in meiner Berufstätigkeit am meisten belastet haben, sind eindeutig Lärm und Dreck. 

Die medizinische Tatsache, dass Dauerbeschallung (vor allem unerwünschte) krank machen kann, hat sich bei den Planern von Schulgebäuden noch nicht herumgesprochen. Immer noch konstruiert man riesige Eingangshallen, die sich oft über mehrere Stockwerke erstrecken – ideal für Popkonzerte. Teppichböden und andere geräuschdämpfende Einbauten? Forget it!

Durch den Lehrermangel und die immer komplizierteren Stundenpläne kann man davon ausgehen, dass höchstens 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler gleichzeitig Unterricht haben – der Rest zieht marodierend durchs Schulhaus. Und dank der Kolleginnen und Kollegen, die ihre Stunden verspätet anfangen oder zu früh beenden, darf man froh sein, wenn in jeder Unterrichtseinheit 30 einigermaßen ungestörte Minuten verbleiben.

Falls nicht Handwerkerarbeiten anfallen, von denen die gemeine Lehrkraft natürlich vorab nicht informiert wird. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem während eines Elternsprechtags unbedingt in meinem Beratungszimmer gebohrt werden musste.  Ein anderes Mal stelle man mir während eines laufenden Chemieversuchs Strom und Wasser ab. Meine Beschwerde beim Personalrat hatte das Schicksal einer Warze: Sie wurde besprochen.

Damals verfasste ich die folgende Glosse – was aber auch nichts nützte: 

                                                                                                        

Tonstörungen im Höheren Lärmamt

ein Hörbild (1991)

Dichter-Zitate:

„Dies gilt insbesondere (…) in Unterrichtsräumen, in denen Störgeräuschpegel von nicht mehr als 40dB(A) auftreten dürfen.“

(Broschüre des Bayerischen Staatsministeriums für Landesentwicklung und Umweltfragen, 1987)

„Gegen diese wohltuende Wirkung der Stille auf den Intellekt gibt es nur ein einziges Gegenargument:  Das sind Regierungsgebäude, die gewöhnlich in stillen Parks liegen.“

(Kurt Tucholsky: „Traktat über den Hund, sowie über  Lerm und Geräusch“, 1927)

 

Aufnahme-Bedingungen:

Ort: Gymnasium St. Quietatis, Raum A 0013 (Physiksaal), ausgestattet mit sehr guten Mithörmöglichkeiten zur Eingangshalle, zum Schulhof sowie – über feuergeschützte Lüftungsschächte – zu den Klassenzimmern B 0013, C 0013, zum Musiksaal und zum Kollegstufen-Aufenthaltsraum (0 0013)

Start: kurz vor Unterrichtsbeginn

Messort: Physiksaal 

Tonaussteuerung: nach dB(A) = Messgröße des gehörangepassten Schallpegels

Eine Erhöhung um 10 Dezibel wird als Verdoppelung der Lautstärke empfunden.

 

Handlung: Die Klasse 10 a hat bei Dr. Murke Physik-Schulaufgabe (Thema: Akustik). 

7.59 Uhr: 0 dB(A) untere Hörschwelle

Die Klasse liest betroffen die Prüfungsfragen durch.

8.00 Uhr: 70 dB(A) H-Dur Quartsextakkord mit leichtem Grundrauschen

vulgo: Schulgong 

8.01-8.05 Uhr: 45 dB(A) Dauerschallpegel mit einzelnen hochfrequenten Schallpegelspitzen aus Klassenzimmer B 0013

Die Klasse 8 c wartet auf Studienrat Meckfessl.

 8.06 Uhr: 55 dB (A) mit deutlicher Frequenzerhöhung

Studienrat Meckfessl erscheint in der Klasse 8 c.

8.08 Uhr: kurzfristiger Rückgang auf 35 dB(A)

Studienrat Meckfessl will ein Ex schreiben.

8.09-8.10 Uhr: 84 dB(A) – nach EG-Richtlinien Höchstwert für schwere Lkw, Frequenz im Bereich der Eigenresonanz des Baukörpers

Die Klasse 8 c will kein Ex schreiben.

8.12-8.15 Uhr: 65 dB(A) mit Schallpegelspitzen bis 80 dB(A), in Nord-Süd-Richtung wandernd, sich überlagernde Echo- und Dopplereffekte

Die Fahrschüler aus Rummelshausen nehmen ihre wöchentliche Schulbusverspätung. 

dazwischen um 8.13 Uhr mit 69 dB(A): „Sch…“ (mehrmals wiederholt)

Die Rummelshausener entziffern den Vertretungsplan und merken, dass nichts ausfällt. 

8.15-8.24 Uhr: 0 dB(A) – absolute Stille

Die Ursache konnte nicht ermittelt werden. 

8.25 Uhr: 80 dB(A) – Vergleich: Fabrikhalle mit schweren Maschinen

Die Klasse 8 c ist mit dem Ex fertig.

Ab 8.26 Uhr: pentatonische Staccatoklänge (Klöppel auf Balsaholz) um 68 dB (A), unterlegt mit Fußgetrampel; deutliche Einflüsse aus der südostbayerischen sowie afrokubanischen Folklore

Die Klasse 6 a übt im Musiksaal das Orffsche Schulwerk. 

8.29 Uhr ff.: Dauerrauschen mit 15 dB(A)

Folglich beginnt es zu regnen. 

8.31 Uhr: aus der Eingangshalle sonore Bassstimme mit 65 dB(A), Interferenzen mit Obertönen bis C‘‘‘ (1047 Hz), molto expressivo

Studiendirektor Hasenöhrl (54) schildert Studienreferendarin Müller-de Beer (27) seine Urlaubserlebnisse.

8.32 Uhr: leise Sprechstimme um 45 dB(A)

Ein Schüler fragt Dr. Murke, ob es sich bei der Schallquelle in Aufgabe 4 um eine offene oder gedeckte Pfeife handle. Dieser antwortet geistesabwesend, die meisten Resonanzkörper seien innen hohl.

8.34 Uhr: 105 dB(A) – entspricht Düsenjet aus 300 Meter Entfernung

Kollegiat Rammelmeyer landet mit seiner auspufflosen 750-er Harakiri Hardcore auf dem Schulhof und lehnt seine Maschine an die Stange mit dem Schild: „Befahren des Pausenhofs während der Unterrichtszeit verboten“. Dr. Murke erwägt kurzzeitig eine Friedensdemo unter dem Motto „Kein Öl für Dezibel“, verwirft die Idee aber wegen zu starker Lärmoyanz.

8.38 Uhr: Bohrhammerglissandi Marke „Dack and Blecker“ (1000 W)

Unvorhersehbarerweise werden dringende Handwerkerarbeiten zur Erweiterung der Oberschule nötig. Montiert werden die Schilder „Notausgang“ sowie „Lehrerarbeitsraum – bitte Ruhe!“

8.40 Uhr: 55 dB(A) – Falsett

Der Schulleiter von St. Quietatis versucht ein leutseliges Gespräch mit den Arbeitern der Faust. 

8.43 Uhr: 100 dB(A) – gedämpfte unharmonische Schwingungen

Der Arbeiter der Stirn Rammelmeyer schiebt im Kollegstufen-Aufenthaltsraum (0 0013) eine geile CD ein. 

8.45 Uhr: Dr. Murke überhört den Schulgong.

Nachhall:

Auf eine Elternbeschwerde hin erklärte der Schulleiter die Physikschulaufgabe von Dr. Murke für ungültig, da sie unter illegalen Bedingungen abgehalten wurde: Sie sei den Schülern einen Tag zu spät angekündigt worden. 

***

Diesen Text habe ich auch in mein Buch „Das fliegende Glossenzimmer“ übernommen. Wer es noch nicht kennt:  http://www.robinson-riedl.de/glossenzimmer.htm


 

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